Kabinen-Selfies in Corona-Zeiten: Spielleiter kritisiert Handballer

Schon am zweiten Wochenende hat das Coronavirus eine Schneise in den Spielplan der Handballsaison gezogen. Während Spielleiter Andreas Tiemann auf die Ausfälle „tiefenentspannt“ reagiert, übt er an der Öffentlichkeitsarbeit einiger Mannschaften harsche Kritik.

Sven Hauhart, Johnny Dähne, Christian Helmig

Handball-Verbandsliga TV Isselhorst – TuS Brockhagen Foto: Markus Nieländer
Handball-Verbandsliga TV Isselhorst – TuS Brockhagen Foto: Markus Nieländer

Altkreis Halle. Nur vier von acht Partien in der Oberliga fanden am Wochenende statt. Die Verbandsliga-Staffel 2 traf es noch härter. Dort fielen von fünf Spielen drei aus, darunter der Auftritt der Spvg. Steinhagen beim SuS Oberaden, weil Mannschaften in Quarantäne mussten oder Corona(verdachts)fälle in ihren Reihen hatten. Die Liste der Nachholspiele ist gemessen an der kurzen Dauer der Saison schon heute beträchtlich, doch für Tiemann ist das kein Grund, in Panik zu verfallen. „Es war ja nicht die Frage ob, sondern nur wann das passiert", sagt der Vorsitzende der Technischen Kommission im Handballverband Westfalen.

Tiemanns Gelassenheit beruht darauf, dass die Absagen bislang „nur" die Hotspots im Ruhrgebiet treffen. „Im Münsterland und in OWL konnten alle Spiele stattfinden", sagt er. Zudem habe der Verband in Absprache mit den Vereinen schon im Vorfeld Vorkehrungen getroffen, indem er kleinere und regional zugeschnittene Staffeln eingeteilt, freie Wochenenden eingeplant und das Saisonende auf den 30. Juni verschoben habe.

Tiemann sieht noch keinen Zeitdruck

„Wir haben noch keinen Zeitdruck", betont Tiemann. Die Serie erneut zu unterbrechen oder den Modus anzupassen, sei aktuell deshalb auch kein Thema. „Auch wenn wir für den Fall der Fälle natürlich Plan B und C in der Schublade haben", so der Funktionär. Als ersten „realistischen Termin", um den Spielplan zu begradigen, betrachtet Andreas Tiemann das wegen des Totensonntags traditionell spielfreie Wochenende 21./22. November. Da zu befürchten ist, dass sich die Zahl der Absagen bis dahin häufen wird, werden aber wohl bald auch die ersten Doppelspieltage oder Partien unter der Woche angesetzt. Die Abstimmung der Termine überlässt der Verband dabei zunächst den Vereinen.

Mehr Kopfzerbrechen als Spiele, die nicht stattfinden, bereiten Tiemann derzeit manche Beiträge, die er in Sozialen Netzwerken findet. „Das passt nicht in die Zeit", sagt er zu Bildern, auf denen Mannschaften Auswärtssiege mit lauten Gesängen im Mannschaftsbus feiern oder Derbyerfolge mit einem Kabinenselfie krönen – und dabei offensichtlich alle Hygiene- und Abstandsregeln vergessen.

Mit Blick auf die Vorbildfunktion der Aktiven stellt sich Tiemann „die Frage, was schlimmer ist: Solche Sachen zu tun, oder sie dann auch noch zu posten?" Da alles, was sich nach dem Abpfiff und außerhalb der Halle abspielt, Privatsache sei, habe der Verband gegen diese fragwürdige Art von Öffentlichkeitsarbeit keine sportrechtliche Handhabe. Den Verantwortlichen gibt der Spielleiter aber einen Rat: „Wenn so was auf dem Account meines Vereins passieren würde, würde ich ihn sperren. Oder einen anderen Admin einsetzen."

Andreas Tiemann ist Spielleiter im HV Westfalen. Foto: M. Riechmann - © Marcus Riechmann
Andreas Tiemann ist Spielleiter im HV Westfalen. Foto: M. Riechmann (© Marcus Riechmann)

Michael Boy, Trainer des Oberligisten SF Loxten, durfte sich von der Kritik angesprochen fühlen. Seine Mannschaft hatte auf der Rückfahrt vom 28:26-Sieg in Haltern ebenfalls einen launigen Videogruß gesendet. Auch Boy findet derartige Posts derzeit deplaziert, weiß aber auch, „dass Emotionen und Sport schwierig zu trennen sind, wenn man sich vorher auf dem Spielfeld mit 110 Prozent Körperkontakt bekämpft hat". Gleichwohl hätten die Verantwortlichen in Loxten schon in der Vorbereitung versucht, ihre Spieler für das Thema zu sensibilisieren. „Und wir werden das weiterhin tun", sagt Boy.

Brockhagener Sporthalle bleibt gesperrt

Timo Schäfer nimmt es mittlerweile mit einer Mischung aus Humor, Sarkasmus, und Ironie. „Training in der Halle machen wir dieses Jahr gar nicht mehr", sagte der Trainer des TuS Brockhagen nach dem 28:23-Derbysieg beim TV Isselhorst. 14 Tage lang musste der Verbandsligist auf handballspezifisches Training verzichten – und wird es weiterhin tun müssen. „Die Aussage der Gemeinde war, dass wir diese Woche wieder in die Halle kommen sollen. Das ist aber schon wieder Makulatur, weil sie weiterhin gesperrt bleibt", erklärt Schäfer, der – wie der gesamte Verein – die Politik des Rathauses nicht nachvollziehen kann.

We/Bo beendet 16-Jährige Verbandsliga-Durststrecke

Auf sportlicher Ebene lief es beim TuS dagegen am Wochenende ebenso reibungslos wie bei der HSG Werther/Borgholzhausen. Bis auf die verletzten Marius Kruse, Moritz Topp und kurzfristig auch Maurice Dingwerth – der Rückraumspieler durfte wegen eines offenen Corona-Tests nicht mitspielen – wiesen beim 27:23-Erfolg bei HB Bad Salzuflen alle Akteure ihre Verbandsliga-Tauglichkeit nach. „Unsere Abwehr war sehr stark. Und 27 Tore vorne wären auch in der vergangenen Saison über dem Schnitt gewesen", sagte Werthers Coach Carsten Gahlmann nach den ersten Pluspunkten für die junge Spielgemeinschaft. Die bis dato letzten Zähler in der fünfthöchsten deutschen Spielklasse fuhr der Stammverein TV Werther in der Abstiegssaison 2003/04 ein. „Das ist eine stolze Zahl und eine schöne Sache für uns", erklärte Gahlmann angesprochen auf die 16-jährige Durststrecke.

Fairplay im Landesligaderby zwischen TGH und Loxten II

Beim 26:17-Erfolg der TG Hörste im Landesligaderby über SF Loxten II kam es beim Stand von 21:14 zu einer kuriosen Szene: Hörstes Torwart Lars Lüdorff bekam an einen Wurf von Marvin Wernecke gerade noch die Hand und drückte den Ball in der Abwehrbewegung an den Innenpfosten. Das Schiedsrichtergespann entschied spontan auf Tor für die Sportfreunde, was Protest im Hörster Lager entfachte. Nach einer Diskussion mit TG-Coach Matthias Baier, seinem Loxtener Pendant Thilo Stinhans und Lüdorff selbst nahmen die Unparteiischen den Treffer zurück. „Ich weiß gar nicht, ob sie das dürfen", sagt Baier, „aber wenn der Ball zwischen Innenpfosten und Hand eingeklemmt ist, kann er ja gar nicht in vollem Umfang hinter der Linie gewesen sein. Insofern empfand ich das als schöne Fairplay-Geste."

Für Lars Lüdorff war es die letzte gelungene Aktion des Spiels. In der nächsten Szene verdrehte sich Hörstes Goalie bei einer Parade unglücklich das Knie. Da Marcel Krause aus privaten Gründen fehlte, kam der für den Notfall eingeplante Joshua Klemme zu seinem ersten Landesliga-Einsatz. Der etatmäßige Torwart der Reserve machte seine Sache sehr gut und parierte gleich eine Eins-gegen-eins-Situation. Vom direkt nach dem Spiel noch stark humpelnden Lüdorff gab es gestern vorsichtige Entwarnung. „Er hat zwar noch Schmerzen beim Laufen, aber nicht das Gefühl, dass etwas ganz Schlimmes passiert ist", berichtet Baier.

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