Fußballer nennt Schiedsrichter "Hitler" - und ein anderer wird bestraft

Timothy Agbo staunt, als er erfährt, dass er gesperrt ist. Der Grund: Er soll einen Schiedsrichter als "Nazi", "Rassist" und "neuer Adolf Hitler" bezeichnet haben.

Matthias Foede

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Bielefeld. Timothy Agbo staunte in diesem Sommer nicht schlecht. Eigentlich wollte er nur den Verein wechseln - so wie es zwischen zwei Spielzeiten in Fußball-Deutschland zigtausend Mal vorkommt. Timothy Agbo hatte sich entschlossen, den FC Delta zu verlassen und sich der SV Brackwede anzuschließen. So weit, so normal. Doch nachdem er sich am 27. Juni 2020 beim FC Delta abgemeldet hatte, kam die böse Überraschung.

Agbo erfuhr zu seinem Erstaunen, dass er noch bis Mitte Oktober gesperrt ist. Der Grund: Er soll den Schiedsrichter der Begegnung des FC Delta Bielefeld beim FC Altenhagen unter anderem als "Nazi", "Rassist" und "neuer Adolf Hitler" bezeichnet haben. Das betreffende Meisterschaftsspiel fand wenige Tage vor dem Corona-Lockdown statt. Die Verhandlung der Spruchkammer wurde einige Wochen später schriftlich durchgeführt - und Timothy Agbo für "sein Verhalten" mit einer Sperre von fünf Spielen bedacht.

Agbo war entsetzt und wütend zugleich. Er sagt, er habe an dem Tag nicht gespielt. Er habe sogar zehn Monate lang kein Spiel für den FC Delta absolviert. Außerdem sei er zu dem besagten Zeitpunkt gar nicht in Deutschland gewesen. Als Beweis legt Agbo seinen Reisepass und ein Flugticket vor. Gemäß der Dokumente weilte er von 11. Februar bis zum 12. März in Ghana. Kopien des Reisepasses und des Flugtickets liegen der Redaktion vor.

"Wir wollen, dass das Urteil aufgehoben wird"

Aufgrund dieser seltsamen Sachlage hat sich Konstantin Papachristos eingeschaltet. Der Rechtsanwalt, der ehrenamtlich auch Fußball-Abteilungsleiter der SV Brackwede ist, bat zum einen den FC Delta um Mithilfe, zum anderen stellte er einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens beim FLVW. Außerdem reichte er Beschwerde bei der Passstelle in Duisburg ein.

"Wir wollten, dass das Urteil aufgehoben wird", sagt Papachristos. Hier sei offenkundig der Falsche verurteilt worden. Der Rechtsanwalt bat den FC Delta, sich in der Sache zu äußern und den Sachverhalt klarzustellen. Der Verein indes blieb zunächst untätig. "Wir sehen aktuell keinen Anlass, darüber zu sprechen", bestätigte Dorothea Meyer auf der Heide, 2. Vorsitzende des FC Delta, auf Anfrage noch am vergangenen Freitag (2. Oktober).

Dieses Verhalten machte Papachristos stutzig: "Hat der FC Delta etwas zu verbergen? Hat da etwa bewusst jemand auf dem Pass eines anderen gespielt? Wurde Timothy Agbo einfach als Täter vorgeschoben? Wurde er das Bauernopfer einer Kungelei?" Fragen über Fragen, die jetzt zu klären waren. Neben der Passstelle in Duisburg und dem FLVW wurde auch der Fußballkreis Bielefeld informiert.

Der sprach ebenfalls beim FC Delta vor. Dieses Mal war der Vereinsvorstand auskunftsfreudiger. Er sagte folgendes aus: "An dem Meisterschaftsspiel am 1. März 2020 sollte Timo Agbo spielen, er stand in der Aufstellung. Nachdem er nicht kam, gab es eine Änderung in der Aufstellung durch den Kapitän. Es wurde der Spieler Mamadou Camara auf die Nr. 19 gesetzt. Aufgrund der Unruhe und dem Zuspätkommen von mehreren Spielern wurde diese Änderung nicht mehr im Spielbericht eingetragen. So stand also Timothy im Bericht und Mamadou auf dem Feld."

Dank dieser Einlassung ist nun wasserdicht bewiesen, dass mit Timothy Agbo damals der Falsche verurteilt worden ist. Deshalb hob das Verbandssportgericht durch Sportrichter Georg Hein am Montag (5. Oktober) das Urteil gegen Agbo auf und sprach ihn frei. Ferner wird die Spruchkammer das gesamte Verfahren noch einmal neu aufrollen. Was das für den Verein FC Delta Bielefeld und den Spieler Mamadou Camara bedeutet, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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