Marathon in Eigenregie: Handballer testen spontan ihre Grenzen - das tut weh

Der Brockhagener Verbandsliga-Spieler Paul Moritz Hundeloh und Hörstes Landesliga-Akteur Julius Hagemann verabreden ein gemeinsames Langstreckenevent – mit nur einer Woche Vorlauf.

Gregor Winkler

Die letzten Meter: Hundeloh und Hagemann kommen, begleitet von Niklas Reckmann (auf dem Rad), nach 42 Kilometern an. - © Winkler
Die letzten Meter: Hundeloh und Hagemann kommen, begleitet von Niklas Reckmann (auf dem Rad), nach 42 Kilometern an. (© Winkler)

Steinhagen. Der Ströhen – spärlich besiedelter Landstrich zwischen Steinhagen und Brockhagen. Auf rund vier Kilometern prägen Wiesen, Felder und meist schnurgeraden Straßen das Bild. Ein Eldorado für Freunde der Einsamkeit. Aber den wenigen Bewohnern fällt auch auf, wenn etwas anders ist als sonst. Und so werden sich am frühen Samstagmorgen einige auf dem Weg zum Brötchenholen wohl verwundert die Augen gerieben haben, als sie die zwei kleinen Klapptische mit den roten Handtüchern darauf sahen, die einsam an der Straße standen.

Sperrmüll? Eine Kunstaktion? Alles falsch. Doch selbst als wenig später Trinkflaschen, Energieriegel und Gelpacks auf den Ablagen erscheinen, kommt noch kein rechtes Licht ins Dunkel. Plötzlich geht es jedoch ganz schnell. Zwei junge Männer in Laufoutfit tauchen auf, ein Druck auf die GPS-Uhr und ab geht die Post. Paul-Moritz Hundeloh, Handballer des Verbandsligisten TuS Brockhagen, und Julius Hagemann, Mittelmann der TG Hörste, laufen an diesem Morgen einen Marathon – einfach mal eben so.

„Nächsten Samstag laufen wir unseren ersten Marathon"

Es ist eine dieser verrückten Ideen, entsprungen im Lockdown. Aufgrund der Tönnies-Krise durften die beiden Sportler kein offizielles Training absolvieren. „Am Sonntag haben wir Fußball geguckt. Da hat Julius mich gefragt, wann wir unseren ersten Marathon laufen. Ich habe geantwortet: Nächsten Samstag", beschreibt Hundeloh die Entstehung der Aktion, die übrigens streng unter den herrschenden Hygieneauflagen stattfand.

Verrückt ja, aber keineswegs kopflos. Hier waren zwei Studenten am Werk, die das Ganze streng wissenschaftlich angingen. Hundeloh (Sport- und Gesundheitstechnik) und Hagemann (Jura) nutzten die Woche, um sich über mögliche Risiken zu informieren. Einer ihrer Ansprechpartner: Lauflegende Ingmar Lundström. Der „Experte" sorgte für eine Kuriosität am Rande: „Ich habe ihn am Freitag um 11 Uhr angerufen – da saß er seit sechs Stunden auf dem Fahrrad. Während der Fahrt hat er mir Tipps zu Verpflegung und Tempoeinteilung gegeben", erzählt Hundeloh staunend. Später versorgte Lundström die Handballer noch mit der passenden Ernährung für ihr Abenteuer.

"Ein Marathon ist genau die richtige Belastung für einen Handballer"

Die Strecke über den Ströhen liegt vor Hundelohs Haustür. Er rechnet vor: „Eine Runde sind 10,5 Kilometer. Ich habe sie bei Google extra noch einmal ausgemessen und bin sie vorher abgefahren." Am Elternhaus des TuS-Linksaußen wurde der Start-Ziel-Bereich und eine Wendeschleife eingerichtet. So konnten die beiden nach jeder der vier Runden die Richtung ändern und am Ende die fehlenden Meter dran hängen. „Ein Marathon", sagt Hundeloh mit einem ironischen Grinsen, „ist ja genau die richtige Belastung für Handballer."

Trotzdem reizten die 42,2 Kilometer irgendwie. Hundeloh war drei Jahre lang erfolgreicher Langstreckler für den LC Solbad Ravensberg, wurde als 16-Jähriger unter anderem Klassendritter bei seiner Hermannslaufpremiere. Auch Hagemann, der dem Handball stets treu blieb, absolvierte den Teuto-Klassiker bereits in deutlich unter drei Stunden. Das Läufer-Gen schlummert offenbar in beiden.

Gegen acht Uhr hatten sie ihre Tische aufgestellt, um 8.30 Uhr gab es ein Frühstück und um 10.40 Uhr gingen die Jungs auf die Strecke. Klar war, dass sie es zusammen durchziehen wollten, gegebenenfalls also das eigene Tempo anpassen mussten. Ein eingespieltes Team, denn, „Ostern sind wir einen Halbmarathon zusammen gelaufen". Der angepeilte Kilometerschnitt lag bei 5:10 Minuten. „Bis Kilometer 32 hat das ganz gut geklappt. Die Bedingungen waren auch gut. Es war nicht zu warm und vom starken Wind haben wir wenig gemerkt", fasst Paul-Moritz Hundeloh zusammen.

„Nach Saunagängen war es später nur noch Muskelkater – überall"

Unter dem Jubel von Hundelohs Eltern Monika und Matthias, die bei jedem Durchlauf an der Verpflegungsstation Spalier gestanden hatten, kamen die Marathonis nach selbst gestoppten drei Stunden und 48 Minuten ins Ziel. Begleitet wurden sie – mit ordnungsgemäßem Abstand – von Kumpel Niklas Reckmann (TV Isselhorst) auf dem Fahrrad.

Die Strecke, die ausschließlich über Asphalt führte, hatte Spuren hinterlassen: „Ich würde mich ja hinlegen, aber ich weiß nicht, wie ich dann wieder hochkommen soll", jammerte Hagemann und goss seinem Mitläufer erst einmal eine ordentliche Portion kaltes Wasser aus einer von Hundelohs Eltern bereitgestellten Gießkanne über die Beine. Hundeloh bemerkte später: „Ich hatte Schmerzen und dachte, es hätte sich etwas entzündet. Aber nach zwei Saunagängen war es zwei Tage später nur noch Muskelkater – überall."

Wenn die Saisonvorbereitung im Handball losgeht, werden sie keine Chance mehr zu solch einer Aktion bekommen. Überhaupt sagen Hundeloh und Hagemann: „In den nächsten zehn Jahren müssen wir das nicht noch einmal haben." Aber an diesem Samstag haben sie sich ihren Traum vom ersten Marathon einfach mal erfüllt. Dann wurden die kleinen Tische mit den roten Handtüchern wieder abgebaut, und auf dem Ströhen kehrte sie wieder ein, die gewohnte Einsamkeit zwischen Wiesen und Feldern.

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