Vor dem Abriss: Das sind die emotionalen Erinnerungen an die Cronsbachhalle

Christian Helmig

Die Steinhagener Handballer um André Schnadwinkel (rechts) genossen in der engen Cronsbachhalle den Heimvorteil. „Für die gegnerischen Mannschaften war das die Hölle", erinnert er sich. - © HK-Archiv
Die Steinhagener Handballer um André Schnadwinkel (rechts) genossen in der engen Cronsbachhalle den Heimvorteil. „Für die gegnerischen Mannschaften war das die Hölle", erinnert er sich. (© HK-Archiv)

Steinhagen. Für Rudi Deike schließt sich in diesen Tagen ein Kreis. Das Urgestein der Steinhagener Fußballabteilung bereitet mit dem Orga-Team alles für die große Abrissparty vor. Dort, wo Schlagerstar Olaf Henning am Samstag, 29. Februar, das Lasso rausholt, nahm Deike Mitte der 80er-Jahre Schaufel und Schubkarre in die Hand. Er half mit, etwas zu erschaffen, was im Umkreis einmalig war: eine vereinseigene Sporthalle. „Das war eine aufregende Zeit. Um Kosten zu sparen, haben wir alles, was irgendwie machbar war, in Eigenleistung erstellt", erinnert sich Deike an viele Abende, an denen der Schweiß statt auf dem Sportplatz auf der Baustelle floss.

„Das macht uns so schnell keiner nach", stellte der damalige Vereinsvorsitzende Heinz Hülsmann stolz fest, als die Cronsbachhalle am 28. Februar 1986 eingeweiht wurde. Die Mühen hatten sich für Rudi Deike und Co. gelohnt: Die Nachwuchskicker der Sportvereinigung fanden nun auch im Winter eine sportliche Heimat, die Altherren nutzten an zahllosen Spieltagen der Hallenrunde den Heimvorteil.

Die Luft vibriert beim DM-Endspiel

Nach mehr als drei Jahrzehnten ist das vereinseigene Gebäude marode und wird in den nächsten Wochen abgerissen. - © Frank Jasper, HK
Nach mehr als drei Jahrzehnten ist das vereinseigene Gebäude marode und wird in den nächsten Wochen abgerissen. (© Frank Jasper, HK)

Vor allem aber profitierten die klassischen Hallensportler vom Neubau. Turner, Volleyballer – und allen voran die Steinhagener Tischtennis-Asse. „Ich habe damals praktisch in dieser Halle gelebt", blickt Nicole Struse schmunzelnd zurück. Obwohl die viermalige Olympionikin in ihrer Karriere auf der ganzen Welt gespielt hat, wird sie den denkwürdigsten Tag der Cronsbachhalle nie vergessen: Nachdem das erste und zweite Finale um die deutsche Meisterschaft jeweils ohne Sieger geblieben waren, standen sich die Spielerinnen von Spvg. Steinhagen und TSG Dülmen am 25. April 1993 zum alles entscheidenden dritten Duell gegenüber. 1.200 Zuschauer wollten sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. Es war eine Kulisse, wie es sie in der Geschichte der Damen-Bundesliga nie zuvor gegeben hatte. 26 Jahre sollte dieser Besucherrekord halten, erst im Januar 2019 wurde er vom TuS Uentrop übertroffen.

Den 25. April 1993 wird Nicole Struse nie vergessen. Vor 1.200 Zuschauern gewann sie mit den Tischtennisspielerinnen der Spvg. Steinhagen nach einem dramatischen Finale in der Cronsbachhalle den deutschen Meistertitel. - © HK-Archiv
Den 25. April 1993 wird Nicole Struse nie vergessen. Vor 1.200 Zuschauern gewann sie mit den Tischtennisspielerinnen der Spvg. Steinhagen nach einem dramatischen Finale in der Cronsbachhalle den deutschen Meistertitel. (© HK-Archiv)

„Die Luft in der Cronsbachhalle war dick und vibrierte unter den enthusiastisch anfeuernden Fanblöcken", berichtete seinerzeit das Haller Kreisblatt. „Das war eine Stimmung wie beim Fußball", schwärmt Nicole Struse noch heute. Obwohl auch das dritte Endspiel 7:7-Unentschieden endete, durften die Gastgeberinnen und ihre Anhänger jubeln. In der Meisterschaftsrunde hatte die Spvg. Steinhagen zuvor Platz eins vor dem Dauerrivalen aus dem Münsterland belegt.

Weicher Boden setzt den Handballern zu

Unter den rot-weißen Fans, die Nicole Struse und ihr Team zum fünften von insgesamt sechs deutschen Meistertitel peitschten, war auch Handballer André Schnadwinkel. „Wir waren morgens mit der ersten Mannschaft in Harsewinkel selbst in die Landesliga aufgestiegen. Danach sind wir direkt in die Cronsbachhalle gefahren und haben dort ordentlich Radau gemacht", erinnert er sich.

Den Steinhagener Handballern kamen die Eigenarten der heimischen Spielstätte ebenfalls häufig entgegen. „Für die gegnerischen Mannschaften waren die Spiele in der Cronsbachhalle die Hölle, weil die Zuschauer ganz nah am Spielfeld gesessen haben", erzählt Schnadwinkel. Als Trainer der Frauenmannschaft erlebte „Menzy" später, dass der grüne Belag auch für die Lokalmatadoren seine Tücken mit sich brachte. „Der Boden war gegenüber anderen Hallen so weich und stumpf, dass wir in jeder Saisonvorbereitung mindestens eine schwere Verletzung wegzustecken hatten."

Mit dem Rückzug der Damen und Herren aus der Tischtennis-Bundesliga endete 1994 das bislang erfolgreichste Kapitel der Vereinsgeschichte. Die nächsten Feiertage in der Cronsbachhalle ließen aber nicht lange auf sich warten. Noch im selben Jahr stiegen die Steinhagener Badmintonspieler in die Oberliga auf, 1996 gelang ihnen sogar der Sprung in die Regionalliga. Michaela Rahnenführer, die damals unter ihrem Mädchennamen Ebert für die Spvg. aufschlug, gehörte bei beiden Erfolgen zur ersten Mannschaft. „Das waren großartige Zeiten mit vielen tollen Spielen", blickt die heute 48-Jährige zurück. Besonders angetan hatten es ihr die beweglichen Tribünen, die sich bis an die Spielfelder heranschieben ließen. „Dadurch ist fast so etwas wie Stadionatmosphäre entstanden."

Geruch von viel Mühe, Fleiß und Training

Legendär waren auch die Badminton-Partys, die von der Abteilung fast ein Jahrzehnt lang im Jugendraum der Cronsbachhalle ausgerichtet wurden. Sportler aus dem ganzen Verein feierten gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden. „Beim ersten Mal hatten wir Angst, dass nicht genug Leute kommen. Später waren die Partys absolute Selbstläufer", erzählt Michaela Rahnenführer.

Wie viele Federbälle im Laufe der Jahre auf den Stahlträgern der Deckenkonstruktion gelandet sind, weil das Dach für die Badmintonspieler eigentlich zu niedrig war, kann sie nicht zählen. Wenn Michaela Rahnenführer heute in die Cronsbachhalle kommt, nimmt sie vor allem eins wahr: „Den Geruch von viel Mühe, Fleiß und Training." Die Erinnerung möchte sie sich über die Abrissparty hinaus bewahren – und weiß auch schon wie: „Ich werde mir ein Stück vom Hallenboden mit nach Hause nehmen."

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.