Seine Frau hält ihn für "bekloppt": Mann radelt 1.200 Kilometer in 90 Stunden

Johnny Dähne

Marathonmann: Norbert Rieks und sein Rad, mit dem er die mehr als 1.200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück gefahren ist. - © Johnny Dähne
Marathonmann: Norbert Rieks und sein Rad, mit dem er die mehr als 1.200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück gefahren ist. (© Johnny Dähne)

Werther.In diesen Tagen, an denen die Sonne spürbar später auf und früher unter geht und die Temperaturen morgens wieder einstellige Celsiusgrade aufweisen, tragen viele ihre Fahrräder in den Keller. Nicht so an der Mehrwiese in Werther: Norbert Rieks hat seinen Drahtesel das ganze Jahr parat, weil er ihn nahezu täglich braucht – egal, bei welchem Wetter.

„Regen, Wind, Schnee oder Eis, das stört mich nicht. Ich fahre nur mit dem Auto, wenn ich nach der Arbeit einen Termin habe", sagt der Krankenpfleger, der an Werktagen die zwölf Kilometer bis zu seinem Arbeitsplatz in Bielefeld radelt. Für den 57-Jährigen, der gebürtig aus Nieheim im Kreis Höxter stammt und 1998 mit seiner Frau Petra nach Werther zog, mutet diese Strecke im Vergleich zu seinen restlichen Aktivitäten wie ein 100-Meter-Sprint eines Marathonläufers an. So legte er im vergangenen Jahr innerhalb eines Tages 430 Kilometer auf der Strecke Werther-Hamburg-Werther zurück. Oder kraxelte den Mont Ventoux, einen der bekanntesten Berge der Tour de France, von drei verschiedenen Seiten in 9:15 Stunden hinauf.

Glänzende Erinnerung: Norbert Rieks Teilnehmermedaille. - © Johnny Dähne
Glänzende Erinnerung: Norbert Rieks Teilnehmermedaille. (© Johnny Dähne)

Warum das Ganze, warum so viel Schinderei? „Das hat für mich etwas mit Grenzen austesten zu tun. Weite Strecken haben für mich eine Faszination", erklärt Norbert Rieks, bevor er schmunzelnd hinzufügt. „Außerdem bin ich schon immer gerne Fahrrad gefahren."

Selbst seine Frau sagt manchmal: „Du bist bekloppt"

Seine Frau Petra unterstützt ihn bei seinem zeitintensiven Hobby, wobei sie manchmal auch kritische Töne anbringt. „Du bist bekloppt", habe sie auch gesagt, als ihr Mann ihr vom geplanten Start bei Paris-Brest-Paris erzählte. 1.228 Kilometer mit 10.000 Höhenmetern, zu fahren in maximal 90 Stunden. Was für den Hobbyradsportler schon unmöglich erscheint, wird dadurch komplizierter, dass sich jeder Teilnehmer mit Fahrten über 200, 300, 400 und 600 Kilometern erst mal für den Radmarathon in Frankreich qualifizieren muss. „Im Urlaub auf Korsika hat mich ein Franzose auf die Idee gebracht", erläutert Norbert Rieks so beschwingt, als würde er von einem Grillwochenende mit Freunden erzählen. Tatsächlich lief die Fahrt mit seinem Wohnmobil aus Werther zum Startort Rambouillet sowie das folgende Abenteuer auf dem Sattel optimal.

Am 18. August ging es für Norbert Rieks mit rund 6.600 weiteren Startern – unter ihnen knapp 350 Frauen – auf die erste Teilstrecke Richtung Brest. Exakt um 19.46 Uhr rollte der ehemalige Handballer, dessen Sohn Torben bis zu seinem studienbedingten Umzug nach Bremen auch in Werthers erster Mannschaft spielte, durch den Start-und-Ziel-Bereich.

Die erste Pause macht er nach 315 Kilometern

„Eigentlich wollte ich das erste Mal nach 500 Kilometern schlafen, aber der Plan hatte sich schnell erledigt", erklärt Rieks. Mit seinem umgebauten Rennrad, das er mit Hilfe eines Nabendynamos auch als Ladestation fürs Smartphone nutzt, jeder Menge Proviant und Wechselkleidung machte er das erste Mal in Fougères nach 315 Kilometern Pause. Folgendes Prozedere wiederholte sich insgesamt vier Mal. „Duschen, umziehen, essen, schlafen. Ganz wichtig waren die Magnesium-Vorräte und die vielen Gemüsesuppen entlang des Weges", erläutert Norbert Rieks, der das Glück hatte, nicht eine einzige Panne gehabt zu haben.

„Das Schönste waren die vielen Zuschauer, die einen motiviert haben. In Villaines-la-Juhel war es besonders emotional", sagt er. Tränen kullerten über seine Wangen, weil das ganze Dorf auf den Beinen war – inklusive der Bewohner eines Altenheims. „Die hatten den Spaß ihres Lebens", erklärt Rieks, der auf der ganzen Strecke nie das Gefühl hatte, nicht ankommen zu können. In 83:10:45 Stunden beendete er das Rennen deutlich vor der angepeilten Marke. „Ein erhebendes Gefühl", war es, sagt der Marathonmann, als um 6.57 Uhr am Ziel war.

Im Anschluss an die Strapazen gönnte sich Manfred Rieks mit seiner Frau zwei Wochen Urlaub an Frankreichs Küste, ehe es mit dem Wohnwagen wieder nach Hause ging. Klar, dass er dort direkt wieder auf dem Fahrrad saß.

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