Wie im "Rocky"-Film: Dieser Mann schleift Loxtens Handballer im eigenen Garten

Gregor Winkler

Hier pumpt der Chef noch selbst: Jürgen Siegfried (im Vordergrund) beim Workout in seinem selbst gebauten Boot-Camp. Diesmal sind unter anderem die Handballer Max Schäper (grünes Trikot) aus Loxten und Tabea Werneke (roter Dress) aus Verl mit dabei. - © Jörg Dieckmann
Hier pumpt der Chef noch selbst: Jürgen Siegfried (im Vordergrund) beim Workout in seinem selbst gebauten Boot-Camp. Diesmal sind unter anderem die Handballer Max Schäper (grünes Trikot) aus Loxten und Tabea Werneke (roter Dress) aus Verl mit dabei. (© Jörg Dieckmann)

Bielefeld. Irgendwas ist verdächtig in dieser kleinen Wohnstraße, einer Sackgasse, im Bielefelder Süden. Gemessen an der geringen Zahl der Häuser stehen einmal pro Woche ungewöhnlich viele Autos am Bordstein. Einige davon mit auswärtigem Kennzeichen. Sorgen machen sich die Anwohner darüber aber nicht. Alle wissen, der Andrang hat einen einfachen Grund: Jürgen Siegfried hat wieder sein Boot-Camp geöffnet.

Es ist Mittwochabend und auch Siegfried musste seinen Pkw vor dem Haus abstellen, denn unter seinem Carport wird geschwitzt – und wie! Dass an einem der heißesten Tage des Jahres das Training ausfallen könnte, daran hat hier keiner gedacht. „Das Dach spendet doch herrlich Schatten", sagt der Hausherr. Es hätte auch noch einen anderen Grund geben können, den Termin abzusagen: Siegfried kam erst am selben Tag aus dem Urlaub. Doch auch das stand für den 59-jährgen überhaupt nicht zur Diskussion.

„Am Anfang haben wir mit den Sprüngen den Rasen kaputt gemacht"

Zwei Wochen »Malle« haben den drahtigen Mann braun gebrannt. Irgendwie hat man allerdings den Eindruck, er sieht auch außerhalb der Ferienzeit so blendend aus – schon mal gar nicht, wie kurz vor seinem 60. Geburtstag. Siegfried wirkt eher wie Mitte vierzig. Der Sport macht‘s: „Ich war immer schon sportverrückt", gesteht er. Viele Jahre spielte er beim TuS 08 Senne Fußball, später begann er zu laufen und absolvierte 20 Mal den Hermannslauf. Joggen füllte den Senner aber lange nicht aus. Er wollte ein kompletteres Ganzkörpertraining. 2014 kam er mit Freeletics in Kontakt. Das, so fand Siegfried, kann man auch im eigenen Garten veranstalten.

Zeitsprung: Fünf Jahre sind vergangen, seit Jürgen Siegfried sich sein Freiluft-Fitnessstudio einrichtete. Es sprach sich rum, woran sicher auch die Nachbarn schuld waren, denn Siegfried wohnt Tür an Tür mit der Familie Zanghi, die beste Kontakte in die Fußball- und Handballszene hat. Oberliga-Handballerin Chiara Zanghi war eine der Ersten, die sich im Nachbargarten fit machte. Siegfried erinnert sich: „Am Anfang haben wir mit den Sprüngen den Rasen kaputtgemacht. Da gab es Ärger vom Schwiegervater. Der hat uns dann unters Carport geschickt."

Stammgast: Loxtens Torwart Pascal Welge. - © Jörg Dieckmann
Stammgast: Loxtens Torwart Pascal Welge. (© Jörg Dieckmann)

Heute sind zwölf Sportler gekommen – fast alles Handballer. Die Loxtener Max Schäper und Pascal Welge quälen sich neben Tobias Fröbel (gerade von der TSG A-H Bielefeld zur TSG Harsewinkel gewechselt) oder Matthias Geukes (TSG A-H Bielefeld) und Tabea Werneke (TV Verl). Ein Stapel Paletten unterm Carport, zwei dicke Taue hinterm Gartenhaus und ein paar rostige Hantelscheiben in der Ecke an der Hauswand. Hier findet kein Training im Hochglanzformat statt – die Szenerie erinnert eher an das Aufbautraining aus einem Rocky-Film.

Auch für das Bier danach sorgt Jürgen Siegfried

„Die Hanteln habe ich aus einem Fitnessraum, der aufgelöst wurde. Im Laufe der Zeit hat jeder etwas mitgebracht", sagt Siegfried. Das Material reicht für 22 Stationen. Eine Minute Belastung, 40 Sekunden Pause. Das ist der Rhythmus, in dem der Zirkel durchlaufen wird. „Nach 40 Minuten bist du platt, hast effektiv trainiert und kommst sogar noch früh nach Hause", beschreibt es Geukes. „An so etwas würde ich im Studio nie teilnehmen und es auch nicht alleine machen, aber hier im Garten mit der Gruppe ist es perfekt", ergänzt Fröbel.

Keine Dreiviertelstunde später sind die Teilnehmer ausgepowert. Jürgen Siegfried hat unterdessen die Kühlbox rausgeholt. Auch für das Bier danach sorgt er. „Wir müssten dringend ein Sparschwein aufstellen, aber das will er ja nicht mal", grübelt Welge. Ein Gruppenfoto, das ist das Einzige, was der Boot-Camp-Boss einfordert. Die Bilder sammelt er und erstellt seine ganz persönliche Erinnerungswand. „In der kommenden Woche kommen die Senner Fußballer", sagt er.

Extra-Einheiten für ganze Teams, das geht nur nach vorheriger Absprache. Eigentlich macht Siegfried immer selbst mit, nur heute hat er geschwänzt. Vielleicht nimmt sich der Speditionskaufmann dafür ein Gerät mit ins Büro. Wenn er mal länger bleiben muss, kann es durchaus vorkommen, dass er dort noch ein paar Übungen absolviert. „Dann tauche ich plötzlich schweißgebadet hinterm Schreibtisch auf. Aber die Putzfrau kennt das schon", sagt er lachend. Für diesen Tag schließt das Boot-Camp. Die kleine Wohnstraße leert sich. Doch spätestens am kommenden Mittwoch wird es wieder voll werden, wenn Jürgen Siegfried OWLs Sportler fit macht – einfach so aus Spaß am gemeinsamen Training.

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