Beim Hermannslauf mit Schädel-Hirn-Trauma ins Ziel

Der 58 Jahre alte Bielefelder stürzt auf der Strecke und weiß von diesem Zeitpunkt an nicht mehr, was passiert ist. Im Ziel kommt er trotzdem an, fragt sich aber bis heute, wie er das gemacht hat

Gregor Winkler

Schöner Schreck: Rainer Giersch im Krankenbett. Deutlich sind noch seine Kopfverletzungen zu erkennen, die er sich beim Sturz zugezogen hat. Was genau passierte, weiß er nicht. Jetzt sucht er Zeugen. - © Privat
Schöner Schreck: Rainer Giersch im Krankenbett. Deutlich sind noch seine Kopfverletzungen zu erkennen, die er sich beim Sturz zugezogen hat. Was genau passierte, weiß er nicht. Jetzt sucht er Zeugen. (© Privat)

Bielefeld. Der Hermannslauf und die Schlacht im Teutoburger Wald – irgendwie setzt man sie gerne in Zusammenhang. Manchmal ist das auch gar nicht aus der Luft gegriffen, denn sowohl im Jahre neun als auch 2.010 Jahre später floss Blut auf den Höhen zwischen Detmold und Bielefeld. Jüngstes Opfer: Rainer Giersch.

Der 58-jährige Bielefelder kämpfte wie einst die Cherusker. Zum 35. Mal in Folge trat Giersch am vergangenen Sonntag zum Teutoklassiker an. Er war motiviert, er war gut vorbereitet – und er kennt die Strecke nach all den Jahren aus dem Eff-Eff. Und die ersten Attacken verliefen erfolgreich. Giersch eroberte den Truppenübungsplatz, erklomm den Tönsberg und widerstand in Oerlinghausen dem schweren Hagelschauer, der allen Teilnehmern ordentlich zusetzte. Dann aber gingen bei ihm auf einmal die Lichter aus.

»Ich habe immer wieder gefragt, ob ich angekommen bin«

„Das nächste, was ich wieder weiß, ist, dass ich um 17.30 Uhr im Krankenhaus auf meine Uhr geschaut habe", sagt der Ummelner. „Da habe ich mich erstmal gefragt, wie ich hier her komme." Giersch’ mysteriöse Geschichte lässt sich nur anhand von Erzählungen rekonstruieren. Fakt ist – und dafür gibt es neben den Zeugen auch den Videobeweis –, dass er mit blutender Wunde am Kopf ins Ziel lief (3:01:07 Stunden). „Da habe ich meine Söhne getroffen. Ich wollte zum Sanitäter und dann schnell duschen. Aber als ich immer wieder gefragt habe, ob ich angekommen bin, haben sie mich ins Krankenhaus gefahren." Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma.

Giersch erinnert sich an all das nicht. Er ließ es sich erzählen. Die Ereignisse im Nachhinein zu rekonstruieren, erfordert echte Detektivarbeit. Anhand der Daten seiner GPS-Uhr stellte er fest, dass er sich zwischen der Osning- und Bodelschwinghstraße für mehrere Minuten nicht von der Stelle bewegt hat. Dort muss der Unfall also passiert sein. Dass er gestürzt ist, ist anhand der Kopfverletzungen unstrittig. Doch aus welchem Grund? Giersch sucht Augenzeugen. „Bin ich gestolpert? Oder war es der Kreislauf, und ich bin vorher getorkelt? Das wäre schlimm für mich, denn ich hatte gut trainiert. Außerdem gehört genau diese Stelle zu meinem Trainingsgebiet. Die Wege haben durch die Forstarbeiten mit schwerem Gerät zwar gelitten, aber das wusste ich ja", sagt er.

An der Stelle, an der Giersch sich seinen Blackout zuzog, müssen in dem Moment Dutzende Teilnehmer vorbeigekommen sein. „Irgendwer wird mir sicher auch geholfen haben. Bei denen würde ich mich gerne bedanken. Oder, da ich ja gar nicht weiß, wie ich reagiert habe, gegebenenfalls auch entschuldigen." Giersch wollte ganz offenbar weiter laufen. Jetzt hofft er, dass er seinen Lauffreunden nicht irgendwie unwirsch gekommen ist.

Aus dem Verkehr gezogen hat den blutenden Giersch offenbar niemand. Die Bilder des Zieleinlaufs, bei denen er alle Automatismen, wie das Drücken der Stoppuhr, abruft, lassen seinen kritischen Zustand nicht erahnen. Er meint lachend: „Stutzig sind die Leute erst geworden, als ich gesagt habe, dass es wohl mein letzter Hermann war."

Startnummer 1 als Hochzeitsgeschenk

Das glaubt ihm wirklich niemand. Zum 35. Mal in Folge war Giersch dabei. 1988 machte ihm sein Freund Günter Entgelmeier vom Vorstand des TSVE sogar die Startnummer 1 zum Hochzeitsgeschenk. Giersch kennt die Szene und die Laufszene kennt ihn. Darauf setzt der Hermannslauf-Fan jetzt. Irgendwer, so die Hoffnung, aus seinem großen Bekanntenkreis kann die Erinnerung an die dramatischen Minuten oberhalb der Habichtshöhe vielleicht zurück bringen. Nach zwei Tagen im Krankenhaus ist Giersch wieder wohlauf – und damit auch bereit für seine nächste »Schlacht im Teutoburger Wald«.

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