Ehefrieden statt Hermannslauf: Warum dieser 76-Jährige dieses Jahr nicht startet

Florian Gontek

Leichtgewicht: Karl-Friedrich Anwander läuft auch heute noch vielen Jüngeren davon. Elf Mal gewann er beim Hermannslauf seine Altersklasse. - © Florian Gontek
Leichtgewicht: Karl-Friedrich Anwander läuft auch heute noch vielen Jüngeren davon. Elf Mal gewann er beim Hermannslauf seine Altersklasse. (© Florian Gontek)

Werther-Rotenhagen. Es ist ein sehr schön sonniger Vormittag. Karl-Friedrich Anwander (76), von seiner Frau Lilo und vielen anderen nur „Kalle" genannt, sitzt im gemütlichen Wohnzimmer der Eheleute in Rotenhagen und hat vor sich auf dem Holztisch einen Ordner und eine rote Mappe bereitgelegt. Darin aufbewahrt sind allerhand Presseartikel und Urkunden, die sich Anwander über die Jahre erlaufen hat.

Ein Artikel schmückt ein wuchtiges Panoramabild, aufgenommen am ersten Anstieg des Borgholzhausener Weihnachtscross. Es zeigt eine Gruppe von Läufern, vorne Anwander – der nicht nur phänotypisch älteste unter ihnen – leicht, gebückt, weißes Haar, blaues Halstuch, kleine Schritte. Ein typisches Bild: »Kalle«, 1,67 Meter groß, keine 60 Kilo schwer, rennt einfach an ihnen vorbei, den Jüngeren und Durchgestylten.

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„Meine Enkel standen jahrelang an der Panzerbrücke"

„Lange laufen, das konnte ich schon immer", sagt Anwander. Schon damals, auf den fünf Kilometern Schulweg, habe er das gemerkt. Aufgewachsen in der Gemeinde Freistatt im Landkreis Diepholz, fand Anwander spät den Weg in den Sport. Auf der Volksschule, die er nach der achten Klasse verlässt, war der noch kein Thema. Anwander lernt Landwirt, liebt Natur und Tiere – und schlägt beruflich doch einen anderen Weg ein: Obwohl er kein Pädagoge ist, beginnt er 1980 beim Rolf-Wagner-Haus, einem Bauernhof im Senner Hellweg für schwererziehbare Jugendliche.

Anwander freuen die „schnellen Erfolgserlebnisse", die die Jugendlichen mit den Tieren haben. Der Start im Rolf-Wagner-Haus ist auch Anwanders Weg in den Laufsport. Seit 1981 ist er Mitglied im LC Solbad Ravensberg. „Ich wollte meinen Cousins beweisen, dass ich auch laufen kann", erinnert er sich. 1980 kommt er bei seinem ersten »Hermann« ins Ziel.

Seinen schnellsten Herrmann lief er in knapp über zwei Stunden

Wie beim Hermannslauf bleibt Anwander auch im Beruf länger, als er es zunächst erwartet hatte. Bis zu seinem Ruhestand, 2007, erfährt er für seine sportlichen Leistungen großen Respekt. „Pass auf, der läuft Marathon", sagten sie immer. Fünf Jugendliche, sie rauchten, machte »Kalle« in seiner Zeit zu Hermannsläufern. Ihr Mentor finishte mehr als 60 Marathons. 1984 sogar einen 100-Kilometer-Lauf in Unna.

Besonders war für ihn trotzdem immer der »Hermann«. Was macht diese 31,1 Kilometer vom Detmolder Hermannsdenkmal zur Bielefelder Sparrenburg aus? „Allein die Atmosphäre. Meine Enkel standen jahrelang an der Panzerbrücke", sagt er. Anwander kennt die Strecke wohl wie kein Zweiter im Altkreis: Die 515 Meter in der Höhe und gut 710 Meter im Gefälle. 2004, mit 61, erreichte er die Sparrenburg nach 2:30:48 Stunden. 13 Jahre später war er nur 17 Minuten langsamer.

Seinen schnellsten Hermann lief er in knapp über zwei Stunden. In den 80er-Jahren war das, da war die Strecke noch 500 Meter kürzer. Elf Mal gewann er seine Altersklasse. So oft, wie Rekordsieger Elias Sansar den Lauf.

In Zukunft nur noch Halbmarathon – für den Ehefrieden

Anwanders Geheimnis? „Ich vertraue beim Laufen absolut auf mein Gefühl". Er laufe nie unter 30 Minuten und in Vorbereitung auf den Hermannslauf mindestens dreimal in der Woche – Berge werden nie ganz ausgespart. „Alkohol und Zigaretten sind natürlich tabu, immer schon – aber Kuchen, den gönne ich mir", sagt er.

Er kennt seinen Körper, und der gab ihm nach einem Marathon im vergangenen Jahr zu verstehen, dass weniger gut für die Gesundheit wäre. Seine Frau Lilo, Heilpraktikerin, besteht darauf: In Zukunft nur noch Halbmarathon. „Auch darauf freue ich mich" sagt Anwander. Auf der 21,1-Kilometerdistanz wurde er an der Seite von Siegfried Voßhenrich und Rudi Voss einst Deutscher Seniorenmeister in der M 60.

Im kommenden Jahr machen die Anwanders eine Ausnahme

Dennoch fällt es ihm schwer, dass er nicht mehr kann, wie er will. Also gibt er nach – auch, wenn es wehtut. Immer noch. „Am Ende ist mir der Ehefrieden mit meiner Frau dann doch wichtiger", kann »Kalle« darüber auch schmunzeln. Ja, 49 Jahre.

Im kommenden Jahr jedoch machen die Anwanders noch mal eine Ausnahme: Seite an Seite wollen »Kalle« und Sohn Matthias (44) dann an der Sparrenburg einlaufen. Der eine zum ersten, der andere zum letzten Mal.

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