„Ich hätte es lieber selbst entschieden“

Interview mit Turnerin Nadine Jarosch

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Im Rampenlicht: Nadine Jarosch zeigte ihr Können gern vor großem Publikum – hier bei den deutschen Meisterschaften 2011 in Göppingen. - © Foto: Patrick Lindner
Im Rampenlicht: Nadine Jarosch zeigte ihr Können gern vor großem Publikum – hier bei den deutschen Meisterschaften 2011 in Göppingen. (© Foto: Patrick Lindner)

Am Wochenende hat Nadine Jarosch (20) aus Werther ihr Karrierenende verkündet. Mit unserer Zeitung spricht die erfolgreichste Altkreissportlerin der vergangenen zehn Jahre über ihre Laufbahn, zwei Kreuzbandrisse und ihre Zukunftspläne

Nadine, wann ist die Entscheidung gefallen, dass Sie endgültig mit dem Turnen aufhören?

Nadine Jarosch: Für mich stand es schon etwas länger fest. Etwa seit ich vor drei, vier Wochen noch einmal mit der Bundestrainerin gesprochen habe. Aber ich war noch nicht bereit, es der Welt mitzuteilen. Es war sehr schwer für mich zu akzeptieren, dass mein Lebensinhalt jetzt so endgültig wegbricht.

„Ich hätte es lieber selbst entschieden“

Was gab am Ende den Ausschlag für Ihren Rücktritt?

Jarosch: Die letzten zwei Jahre waren sehr hart für mich. Ich habe versucht mich zurückzukämpfen, aber es gab immer wieder Rückschläge. Nach langen Autofahrten hatte ich Schmerzen, alles im Knie hat sich irgendwie schief angefühlt. Zuletzt ist mir im Mai noch mal der Innenmeniskus gerissen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich meinem Knie einfach nicht mehr vertraut habe. Aber das ist im Turnen nun mal sehr wichtig.

„So langsam wird mir bewusst, dass ich fast alles erreicht habe“

Wie geht es Ihrem Knie heute?

Jarosch: Ich habe nach den vier Operationen unzählige Narben. Aber im Alltag ist es besser geworden. Letzte Woche konnte ich mich zum ersten Mal wieder auf meine Fersen setzen. Das war ein echter Höhepunkt.

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Stationen und Erfolge

Nadine Jarosch begann mit fünf Jahren beim TV Werther mit dem Turnen. Mit acht Jahren wechselte sie ins Landesleistungszentrum nach Detmold, ab der achten Klasse ging sie dort auch zur Schule. Bei deutschen Jugendmeisterschaften holte sie insgesamt fünf Mal Gold. 2010 und 2011 landete Jarosch bei der DM der Frauen insgesamt fünf Mal auf dem Treppchen. 2011 nahm sie an der Europameisterschaft in Berlin und den Weltmeisterschaften in Tokio teil. Dort erreichte sie in der Einzelwertung Platz zehn im Mehrkampf und Platz sechs mit der deutschen Mannschaft. Bei Olympia in London 2012 landete sie mit der Mannschaft auf Platz neun. Insgesamt fünf Mal (2006, 2008, 2010 bis 2012) wurde Nadine Jarosch zur Altkreissportlerin des Jahres gewählt. Im Mai 2013 erlitt sie ihren ersten Kreuzbandriss. Nach langer Reha riss das Band im Juni 2014 erneut. Im Dezember 2015 erklärt sie ihren Rücktritt.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?

Jarosch: Als Aktive war ich es nicht. Nicht mal nach Olympia konnte ich stolz sein, weil ich das Gefühl hatte, das der Wettkampf damals nicht gut war. Aber so langsam wird mir immer mehr bewusst, dass ich doch fast alles erreicht habe.

Was war für Sie der größte Moment in Ihrer Laufbahn?

Jarosch: Olympia war natürlich ein Höhepunkt. Als wir in die Arena in London eingelaufen sind und der Moderator in der Halle ’Deutschland’ angekündigt hat, hatte ich Gänsehaut. Rein sportlich war die WM 2011 in Tokio die beste Zeit. Ich habe die Quali, das Teamfinale und das Mehrkampffinale durchgeturnt und war am Ende die Zehntbeste der Welt. Das schaffen nicht viele.

Haben Sie auch das Gefühl, dass etwas unvollendet geblieben ist?

Jarosch: Meine neue Bodenübung war total toll. Ich hätte sie liebend gerne noch einmal vor Publikum im Wettkampf gezeigt. Und natürlich hätte ich mir das Ende anders gewünscht. Ich hätte lieber selbst entschieden, wann es Zeit ist aufzuhören, statt das mein Knie es für mich tut.

Würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?

Jarosch: Vielleicht wäre es schlauer gewesen nach Olympia 2012 zu sagen: Das war’s. Dann hätte ich gar keinen Kreuzbandriss gehabt. Aber ich war damals hoch motiviert. Nach meinem ersten Kreuzbandriss habe ich dann den Ärzten vertraut und zu früh wieder angefangen. Das war vielleicht ein Fehler.

Sie haben den Großteil Ihres Lebens in der Trainingshalle und auf Wettkämpfen verbracht. Haben Sie heute das Gefühl, etwas verpasst zu haben?

Jarosch: Es war sicher kein soziales Leben, das ich in meiner Jugend geführt habe. Aber das Turnen war immer meine große Leidenschaft und hat mir sehr viel gegeben. Und so alt bin ich ja auch noch nicht, dass ich viele Dinge nicht noch nachholen könnte. Ich habe jetzt einen Freund, mit dem ich überglücklich bin. Er zeigt mir, wie ein normales Leben geht. Das wäre für mich als Turnerin sicher nicht möglich gewesen.

Haben Sie schon neue Hobbys für sich entdeckt?

Jarosch: Noch nicht. Ich plane erst mal ein Leben ohne Sport, das hatte ich bislang ja noch nicht. Vielleicht melde ich mich irgendwann mal im Fitnessstudio an. Auch Hip-Hop-Tanzen würde ich gerne lernen.

„Ich brauche jetzt erst einmal Abstand“

Bleiben Sie dem Turnen in irgendeiner Funktion erhalten?

Jarosch: Das weiß ich noch nicht. Ich brauche jetzt erst einmal Abstand. Bei der DM im September habe ich es emotional nicht geschafft, nur Zuschauen zu können. Ich habe nur geweint.

Was wünscht sich die Nicht-mehr-Turnerin Nadine Jarosch für das Jahr 2016?

Jarosch: Ich wünsche mir, das mein Knie weiter besser wird, und dass ich alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe. An der Uni zum Beispiel, wo im Februar Klausuren anstehen. Vor allem aber wünsche ich mir Gesundheit. Davon hatte ich in den letzten Jahren ja leider nicht so viel.

Das Gespräch führte
Christian Helmig

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