Legenden des Altkreissports: Steffen Dittmann

Der Solbader wurde 1996 deutscher Marathonmeister

Claus Meyer

Berlin/Borgholzhausen. Schnellen Schrittes kommt Steffen Dittmann den Fußweg am Zoologischen Garten entlang. Das Fahrrad hat er bei unstetem Wetter zu Hause in Potsdam gelassen. Die Berliner U-Bahn hat ihn hergebracht, jetzt isst er im Schleusenkrug am Landwehrkanal erst einmal zu Mittag. Die Cola zu Nudeln und Salat kann er sich erlauben. Statur und Figur verraten den erfolgreichen Langstreckler. Vor rund 20 Jahren war Dittmann das Aushängeschild des LC Solbad Ravensberg – und bei der Nacht von Borgholzhausen ein gern gesehener Starter.

Spaß im Ravensberger Stadion: Jörn Strothmann (links) und Steffen Dittmann ziehen den Bollerwagen. - © Foto: HK-Archiv
Spaß im Ravensberger Stadion: Jörn Strothmann (links) und Steffen Dittmann ziehen den Bollerwagen. (© Foto: HK-Archiv)

Die Ursprünge seines Engagement im größten Leichtathletikverein des Altkreises gehen zurück auf die frühen 90er Jahre. Für den damals 23-Jährigen ist es eine Zeit des Aufbruchs. Die Mauer ist gerade gefallen. „Wir haben uns mit einigen Läufern aus Potsdam aufgemacht, um den Westen zu erobern“, sagt der im thüringischen Rudolfstadt aufgewachsene Dittmann. Im Osten Deutschlands ist Dittmann eine Hausnummer auf der Langstrecke. Nun steht als erste Station im Westen der Braunschweiger Nachtlauf auf dem Programm, 5000 Meter lang. Zu kurz für Dittmann, der 1989 in 2:21,04 Stunden DDR-Meister im Marathon geworden ist.

Borgholzhausen kommt seinen Ansprüchen schon näher. Zehn Meilen ist der Hauptlauf lang, gut 16 Kilometer. Dittmann und seine Mitstreiter prägen sich nach der Ankunft am Teutoburger Wald erst einmal das Streckenprofil ein. Am Abend säumen Tausende von Zuschauern die Straßen der Lebkuchenstadt. „Sie haben uns den Berg hochgebrüllt“, erinnert sich Dittmann an die Steigung am Rathaus. Als er die Ziellinie überquert, ist Dittmann Zweiter. „Ein tolles Gefühl“, sagt er. Es war eine tolle Zeit. „Erstens waren wir jung, zweitens war der Mauerfall noch in bester Erinnerung.“

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Titel: Interview mit Steffen Dittmann

Steffen Dittmann, deutscher Marathonmeister 1996 vom LC Solbad Ravensberg
Legenden des Altkreissports: Steffen Dittmann

In Rudolfstadt ist er in der Diaspora aufgewachsen. Seine sudetendeutsche Mutter ist Katholikin, auch Dittmann, der mittlerweile aus der Kirche ausgetreten ist, wird katholisch getauft. Repressalien wegen der Religion halten sich im Realsozialismus zu dieser Zeit in Grenzen. Immerhin unterzeichnet die DDR 1975 die Schlussakte von Helsinki und gewährt offiziell Religionsfreiheit.

Die Nacht nie gewonnen

Dittmann wird im vereinten Deutschland ein Stammgast bei der Nacht, die er trotz größter Anstrengung und drei zweiten Plätzen nie gewonnen hat. 1994 fragt ihn Abteilungsleiter Friedhelm Boschulte, ob er nicht für den TuS Solbad starten wolle, der sich kurz darauf als LC Solbad vom Hauptverein abkoppelt. Dittmann will – und startet fortan und bis heute unter dem Wappen der Borgholzhausener Leichtathleten.

Faszination »Nacht«: Angefeuert von Friedhelm Boschulte läuft Steffen Dittmann 1995 auf Platz sechs. - © Foto: HK-Archiv
Faszination »Nacht«: Angefeuert von Friedhelm Boschulte läuft Steffen Dittmann 1995 auf Platz sechs. (© Foto: HK-Archiv)

Auch privat hätte es ihn beinahe in den Altkreis verschlagen. „Ich hatte durchaus die Idee, nach Borgholzhausen zu ziehen“, sagt Dittmann. Zu dieser Zeit studiert er an der Technischen Universität Berlin Elektrotechnik. Er klopft bei Claas und Miele an. „Mähdrescher und Waschmaschinen wären mein Feld gewesen“, sagt Dittmann. Es ergibt sich aber kein Arbeitsplatz in der Region. Dittmann landet schließlich in Berlin in der Softwarebranche und ist hier mittlerweile für einen Betrieb für Verkehrsführung tätig. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin Constanze Rybarz in Potsdam. In diesem Punkt ist der Eintrag über ihn im Internetlexikon Wikipedia falsch. „Wir sind nicht verheiratet“, sagt Dittmann. Das Paar hat den 22-jährigen Sohn Christopher und die 16-jährige Tochter Pauline.

Die Beziehung zum Altkreis sind heute nur noch sporadisch. Mit Boschulte steht Dittmann gelegentlich in Kontakt. „Ansonsten ist es leider etwas eingeschlafen“, sagt Dittmann. Gleichwohl zeigt sich das ehemalige Aushängeschild der heimischen Leichtathletik über die Entwicklung in Borgholzhausen auf dem neuesten Stand. Als Mitglied bezieht er die Solbad-Nachrichten. Das Engagement des Ehepaars Antje und Dirk Strothmann sowie des Abteilungsleiters Andreas Stockhecke, die Nacht vor dem drohenden Aus zu retten, hat er mit Freude zur Kenntnis genommen.

Teilnahme an den großen Events blieb versagt

Arbeitet in Berlin: Steffen Dittmann an der U-Bahn-Station Zoologischer Garten. Im Hintergrund die Gedächtniskirche. - © Foto: Claus Meyer
Arbeitet in Berlin: Steffen Dittmann an der U-Bahn-Station Zoologischer Garten. Im Hintergrund die Gedächtniskirche. (© Foto: Claus Meyer)

Das Laufen führt Dittmann nicht nur an den Teutoburger Wald. „Ich denke gern an die Cross-WM in Boston zurück.“ 1992 wird Dittmann in der US-amerikanischen Ostküstenmetropole 110., wie dem Leichtathletikportal iaaf.org zu entnehmen ist. Im japanischen Öme stellt er eine bis heute gültige, wenn auch exotische deutsche Bestleistung auf. Die 1:32,27 Stunden über 30 Kilometer Straßenlauf hat seit Dittmanns Teilnahme 1993 kein Deutscher unterboten. Kurios ist das Profil in der japanischen Stadt. „15 Kilometer ging’s bergauf, dann 15 Kilometer bergab“, erinnert sich Dittmann. In Newcastle startet er bei der Halbmarathon-Weltmeisterschaft, 1996 wird er in Berlin gesamtdeutscher Marathonmeister.

Auf den renommierteren Strecken bleibt ihm eine Teilnahme an den großen Events versagt. Die knapp verpasste Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1995 in Göteborg: ein wunder Punkt im Sportlerleben von Steffen Dittmann, wie er zugibt. Ebenso wie die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. „Beides etwas, das ich gern geschafft hätte“, sagt Dittmann. Beim Hamburg-Marathon 1995 sieht es nach Kilometer 30 noch gut aus für Dittmann. Am Ende ist die Zeit von 2:19,29 Stunden zu langsam für Göteborg. Der Weg zu den ganz großen Wettbewerben ist damals schwieriger. Dittmann: „Es gab viele gute Läufer. Heute wäre es einfacher.“ Schon 1992 ist Dittmann ganz knapp dran an seinem Traum. In Portugal trainiert er für Olympia. Sein damaliger Trainingspartner: Dieter Baumann, der wenig später im Olympischen 5000-Meterlauf Gold holen wird. In den Gassen von Faro nehmen beide an einem Straßenlauf teil, anschließend geht es für Dittmann nach Houston im US-Bundesstaat Texas, wo die Olympiaqualifikation beim dortigen Marathon gelingen soll.

Kurz vor dem Wettkampf geht Dittmann trainieren. „Ein kalter Tag“, erinnert er sich. Zu kalt für den Wadenmuskel. Die Faser reißt, Dittmann versucht es trotzdem beim Marathon, muss aber aufgeben. „Es hätte klappen können mit Olympia 1992“, sagt er rückblickend. Wie gut er in Form ist, beweist er im Herbst beim Frankfurt-Marathon. Den gewinnt er in 2:12,59 Stunden, der besten Zeit, die er je über die 42,195 Kilometer gelaufen ist.

Sieg in Frankfurt war der Höhepunkt

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Dittmann und der Altkreissport

„Was ich am Altkreis und der gesamten Region bewundernswert finde, ist, dass es eine große Zahl an Leichtathleten und Triathleten gibt und diese ein hohes Niveau erreichen. Bei meiner letzten Nacht vor zehn Jahren habe ich mir viel Mühe gegeben, bin aber ziemlich weit hinten gelandet. Der agilen und vitalen Laufszene wünsche ich alles Gute und dass es weiterhin Leute gibt, die spannende Wettkämpfe organisieren. Dem LC Solbad bin ich sehr dankbar und halte ihm als Mitglied weiterhin die Treue.“

Den Sieg in Frankfurt wertet Dittmann als Höhepunkt seiner Läuferkarriere. „Es ist ein tolles Gefühl, einen Marathon zu gewinnen“, sagt er. Ganz unbefangen sei er die Veranstaltung angegangen, am Ende getragen von Tausenden von Zuschauern auch für ihn überraschend als Sieger ins Ziel gekommen. Konkurrenten wie der zu dieser Zeit auf dem Zenit laufende Konrad Dobler sehen nur noch Dittmanns Hacken. 2006, zur 25. Auflage des Frankfurt-Marathons, sind Dittmann und Dobler Bestandteil einer Staffel aus vier ehemaligen Siegern. Dittmann übernimmt den längsten Part: „Ich war froh, nach zwölf Kilometern wieder im Auto zu sitzen.“

Dabei rastet Ditmann auch heute nicht. Zwei bis drei Mal in der Woche geht er laufen, jeweils für rund eine Dreiviertelstunde. Regelmäßig fährt er vom heimischen Potsdam mit dem Rad zur Arbeitsstelle in Berlin-Steglitz. 25 Kilometer sind das – wohlgemerkt, ein Weg. Wettbewerbe gehören allerdings kaum noch zum Repertoire. Gelegentlich nimmt Dittmann an Firmenläufen teil, so etwa kürzlich an einer Staffel im Berliner Tiergarten. „5000 Meter für jeden“, sagt Dittmann.

Größeren Raum nimmt im Leben von Steffen Dittmann mittlerweile das Ehrenamt ein. „Ich möchte etwas von dem zurückgeben, was ich selbst als Aktiver empfangen durfte“, sagt Dittmann. Und so hilft er im Kanusportverein seiner beiden Kinder mit, Wettbewerbe durchzuführen. Die Sprösslinge bringen es in ihrem Sport ähnlich weit wie Dittmann in der Leichtathletik. Sohn Christopher teilt das Schicksal der verpassten Olympiateilnahme. Im Zweierkanadier fährt 2012 Trainingspartner Peter Kretschmer nach London und gewinnt Gold über 1000 Meter. „Vielleicht hat ja meine Tochter 2020 die Chance, dabei zu sein“, sagt Dittmann.

Er selbst will auch wieder dabei sein. 2016 bei der Nacht. Der Sohn, der in Borgholzhausen seine Erfahrungen beim Bamibini- und Schülerlauf gesammelt hat, hat ihm kürzlich gesagt: „Wir müssen mal wieder nach Borgholzhausen.“ Vater Steffen ist bereit. „Um den Sieg werde ich aber nicht kämpfen“, sagt Dittmann. Aber die Steigung am Rathaus werden sie ihn trotzdem wieder hochbrüllen.

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