Rettungskräfte im DauerstressWarum Sanitäter in OWL 10,5 Prozent mehr Lohn fordern

Bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst geht es auch um die Wochenarbeitszeit.

Matthias Bungeroth

Rund 60 Rettungskräfte aus Ostwestfalen-Lippe demonstrierten in Postdam für die Durchsetzung der Tarifforderungen. - © Thomas Aulbur
Rund 60 Rettungskräfte aus Ostwestfalen-Lippe demonstrierten in Postdam für die Durchsetzung der Tarifforderungen. © Thomas Aulbur

Potsdam/Bad Lippspringe. Die Forderungen klingen happig: 10,5 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 500 Euro pro Monat mehr, das verlangt die Gewerkschaft Verdi bei den aktuellen Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst. Diesen Forderungen haben sich auch Rettungskräfte aus Ostwestfalen-Lippe angeschlossen. Das sei nicht zu viel, argumentiert Thomas Aulbur, Notfallsanitäter aus Bad Lippspringe, schon wegen der erheblichen Arbeitsbelastung im Job: "Wir arbeiten im Durchschnitt wöchentlich 9 Stunden mehr als viele andere Menschen."

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, gehen Aulbur und seine Kollegen nun auf die Straße: Gemeinsam mit rund 60 weiteren Gewerkschaftsmitgliedern aus OWL ist der 50-Jährige am Dienstag per Bus zum Auftakt der Tarifgespräche für die insgesamt rund 2,5 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes nach Potsdam gefahren - eine Demo in der Freizeit, wie Verdi-Gewerkschaftssekretär Tim Bergmann aus Bielefeld betont. "Für uns liegt der Fokus auf der Reduzierung der Arbeitszeit", sagt Aulbur für seinen Berufsstand.

Bisher verlaufen die Tarifgespräche eher stockend, die erste Gesprächsrunde zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ist gescheitert, das nächste Mal treffen will man sich am 22. Februar. Ein Angebot legten die öffentlichen Arbeitgeber von Bund und Kommunen nicht vor, betonten aber die angespannte Haushaltslage.

Streit um den Bereitschaftsdienst

Aktuell gebe es für die Rettungskräfte im öffentlichen Dienst eine 48-Stunden-Woche. Darin eingeschlossen ist die so genannte Bereitschaftszeit auf den Wachen. Sie ist seit Jahren ein großes Streitthema unter den Tarifparteien. Denn dieser Bereitschaftsdienst sei ein vollwertiger Dienst, so Aulbur. Der Rettungsdienst pflegt die Wache, wenn es gerade keinen Rettungseinsatz gibt, dazu kommen gestiegene Anforderungen an die Hygiene. So müssen beispielsweise die Rettungsfahrzeuge desinfiziert werden. "Früher haben wir das einmal pro Woche gemacht. Heute machen wir das täglich."

"Da gehen uns die Leute aus"

Zudem sei es die Aufgabe im Bereitschaftsdienst, die wichtigen und auch teuren Geräte auf ihre Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Dazu zählen etwa Beatmungsgeräte oder Defibrillatoren. Diese Überprüfung erfolge ebenfalls täglich. Der Bereitschaftsdienst sei "ein Relikt aus den 1960er und 1970er Jahren", so Aulbur. Mit dieser Arbeitszeit sei man mit anderen Berufen nicht mehr konkurrenzfähig. "Da gehen uns die Leute aus, das macht keiner mehr mit."

Notfallsanitäter Thomas Aulbur - © Thomas Aulbur
Notfallsanitäter Thomas Aulbur (© Thomas Aulbur)

Die Personalauslastung in den Wachen sei schon jetzt "auf Kante genäht". Er selbst sei seit 27 Jahren in diesem Dienst, den er gerne mache. "Ich habe noch nie Weihnachten frei gehabt", berichtet der dreifache Vater, der beim Deutschen Roten Kreuz angestellt ist. Dieser stellt unter anderem den Rettungsdienst in Bad Lippspringe und Delbrück, wie Aulbur erläutert. "Wir fordern die 44-Stunden-Woche", sagt er aus Überzeugung. Denn um auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben, müsse der Rettungsdienst besser mit dem familiären und gesellschaftlichen Leben vereinbar sein als derzeit.

Beim DRK in Niedersachsen habe man per Tarifvertrag die Wochenarbeitszeit bereits auf 45 Stunden gesenkt, 42 Stunden sei die nächste Stufe, berichtet Aulbur. Es gebe dort auch die Möglichkeit, ab 55 vom Nachtdienst befreit zu werden. Ein Kollege aus dem Kreis Lippe berichtete auf der Fahrt nach Potsdam, dass er seine Wochenarbeitszeit auf 75 Prozent reduziert habe, weil es ihm dadurch besser gehe. "Es gibt viele, die keine volle Stelle mehr machen wollen." Er selbst habe auch schon darüber nachgedacht, so Aulbur.

"Wenn man jung ist, denkt man darüber anders"

Auch die ständige Erreichbarkeit sei ein Problem, erläutert der Bad Lippspringer. So werde man immer wieder kurzfristig angesprochen, ob man für erkrankte Kollegen einspringen könne. "Wenn man jung ist, denkt man darüber anders." Doch mit zunehmender Berufsdauer ändere sich dies. "Man ist nachts hier auf der Wache, kann aber nicht abschalten."

Natürlich steht Aulbur auch hinter den Lohnforderungen der Tarifverhandlungen. "Preissteigerungen gibt es überall", sagt er. Die Mindestforderung von 500 Euro pro Monat, für Auszubildende 200 Euro, sei deshalb gerechtfertigt. Auch hier gelte es, konkurrenzfähig zu bleiben. Man werde für diese Forderungen auch weiter eintreten. "Wahrscheinlich gibt es weitere Kundgebungen", sagt Aulbur. Die Erfahrungen aus Potsdam waren hierfür sehr gut, findet er: "Es war eine super Stimmung im Bus."

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