Neuer KursIn dieser Schule im Kreis Gütersloh steht jetzt "Glück" auf dem Stundenplan

Am Ratsgymnasium in Rheda-Wiedenbrück machen Jugendliche der neunten Klasse ihr Selbst zum Gegenstand des Unterrichts. Angeleitet werden sie von einer Lehrerin, die das Fach Glück unterrichtet und eine Vision hat.

Marion Pokorra-Brockschmidt

Mit viel Spaß und Freude versuchen die Schülerinnen und Schüler im Glücksunterricht, den "Fröbelturm" auf- und abzubauen. Das gelingt nur mit Geduld, genauer Absprache und Zusammenarbeit. Und etwas Glück braucht es dazu wohl auch. - © Nicole Dresch
Mit viel Spaß und Freude versuchen die Schülerinnen und Schüler im Glücksunterricht, den "Fröbelturm" auf- und abzubauen. Das gelingt nur mit Geduld, genauer Absprache und Zusammenarbeit. Und etwas Glück braucht es dazu wohl auch. © Nicole Dresch

Rheda-Wiedenbrück. Die Frage, was eigentlich Glück ist, stellen sich viele. Gesprochen wird von Leuten, die Glück haben, von Menschen, denen das Glück scheinbar vor die Füße fällt, und von wahren Glückspilzen. Viele meinen, dass Glück nur Zufall ist. Sandra Sticht ist anderer Ansicht. Sie ist Lehrerin am Ratsgymnasium in Wiedenbrück und unterrichtet dort das Fach Glück.

Die Lernenden begeben sich auf eine Reise zu sich selbst

Schon seit ihrem Referendariat wollte die Lehrerin für Sport und Geografie ihren Schülerinnen und Schülern nicht nur Fachwissen vermitteln. Sie wollte ihnen auch helfen, „ihre Stärken, Wünsche und Potenziale zu entdecken und damit auch einen Weg zu mehr Lebensfreude und Wohlbefinden zu gehen“. Sandra Sticht ließ sich zur Glückslehrerin am Fritz-Schubert-Institut in Heidelberg ausbilden.

Mit dieser Qualifikation bot sie zunächst eine Arbeitsgemeinschaft am Ratsgymnasium an. In diesem Schuljahr ist es ein eigenständiger Kurs im Differenzierungsbereich ab Jahrgang neun mit drei Stunden pro Woche. Was dort auf sie zukommt, hätten sich die Jungen und Mädchen zunächst nicht wirklich vorstellen können, sagt Sticht. Und erklärt: „Im Schulfach Glück begeben sich die Lernenden auf eine Abenteuerreise zu sich selbst.“ Kurze Informationseinheiten, verschiedene Übungen und der Austausch miteinander sorgten dafür, dass junge Menschen Lebenskompetenz und Lebensfreude sowie Mündigkeit entwickeln würden.

Das Einprägen von Wissen ist zweitrangig

Anders als in klassischen Unterrichtsfächern gehe es im Glücksunterricht nicht um das Einprägen von Wissen, sondern um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. „Ihr Selbst seid Gegenstand unseres Unterrichts“, habe Sandra Sticht den Jugendlichen gleich zu Beginn des Kurses gesagt. Auch, dass sie ihre eigenen Stärken entdecken würden und im Unterricht schauten, welche Werte und Tugenden für jeden einzelnen von Bedeutung seien. Um das deutlich zu machen, zietiert Sticht Agnes Repplier: „Es ist nicht leicht, das Glück in sich selbst zu finden, aber unmöglich, es woanders zu finden.“

Glück hatten alle Jugendlichen, die in dem Kurs sind. Denn wer ihn gewählt hatte, bekam auch einen Platz. Dabei sind es mehr Mädchen als Jungen, die sich eingetragen hatten. Eine Erklärung dafür hat Sticht nicht. Sie sagt aber, dass die Teilnehmenden bereits ein erstes positives Fazit ziehen. Im Differenzierungsbereich sei ihr Angebot genau richtig, meinen die Jugendlichen. Denn da seien nur die Schüler dabei, die sich wirklich auf das Thema einlassen wollen. Glücksunterricht sei eine Reise zu sich selbst, so die Lehrerin.

Den theoretischen Unterricht ergänzt Sandra Sticht um Exkursionen. Dabei hätten die Jugendlichen gelernt, dass auch das Streicheln einer Ziege glücklich machen kann. Denn bei der Suche nach dem Glück gehe es nicht darum, ein kurzfristiges positives Gefühl zu haben, das auch durch ein Stückchen Schokolade erzeugt werden könne. Es gehe vielmehr um das Glück, „welches wir in Beziehungen zu Lebewesen finden – zum Beispiels auch beim Streicheln einer Ziege“, erklärt Sticht.

Vornehmlich gehe es ihr um die seelische Gesundheit. Zwar seien Glücksmomente trainierbar, aber die „Schüler wissen bereits, dass die nur kurzfristig glücklich machen“ – so wie auch viele Glücksratgeber nur kurzfristig dazu verhelfen würden. In ihrem Kurs gehe es vielmehr darum, zu schauen, was jeden individuell langfristig zu Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit führe. Denn psychisches Wohlbefinden sorge für eine körperliche Gesundheit. Um die geht es dann in der zehnten Klasse in dem Differenzierungskurs.

Gleich drei Kolleginnen vom Rats sind bei der Fortbildung dabei

Damit das Glück nachhaltig auch an anderen Schulen Eingang findet, unterrichtet Sandra Sticht das Fach nicht nur am Ratsgymnasium. Sie bildet als Moderatorin des Kompetenzteams auch andere Lehrkräfte aus dem Kreis Gütersloh aus. „Erfreulicherweise sind gleich drei Kolleginnen vom Ratsgymnasium dabei“, freut sich Sticht über den Rückhalt und das Interesse im Kollegium. Es macht sie zufrieden, dass der Glücksunterricht als ihr Herzensprojekt verbreitet wird. „Meine Vision ist es aber, dass das Schulfach fester Bestandteil an allen Schulen des Landes wird.“

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.