PreissteigerungWie viel Trinkgeld ist in Zeiten angemessen, in denen die Preise steigen?

Es sollten fünf bis zehn Prozent sein - das ist in Deutschland die Faustregel. Aber gilt das noch? Und was ist der größte Fehler beim Trinkgeld?

Hanna Gersmann

Ist Trinkgeld ein Muss, selbst wenn der Service lausig war? - © Symbolfoto: Pixabay
Ist Trinkgeld ein Muss, selbst wenn der Service lausig war? © Symbolfoto: Pixabay

Die Trinkgeldkultur der Deutschen steht neu in Frage, seit die ARD-Moderatorin Anja Reschke vor wenigen Tagen twitterte: „Was ist bitte los mit den Leuten? Das Trinkgeld nimmt seit Jahren ab." Viele zahlten gar nicht mehr, andere rundeten nur minimal auf. SPD-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach antwortet darauf hin: „Schon alleine wegen der dauernden Gefahr der Ansteckung mit dem Coronavirus ist es unverständlich, dass nicht großzügiger Trinkgeld bezahlt wird. Ausgenommen sind natürlich Ärmere. In der Gastronomie arbeiten die Menschen hart und tragen oft ein erhebliches Risiko."

Das Statistische Bundesamt schaltete sich in die Debatte in den sozialen Medien ein. Es wies darauf hin, dass Vollzeitbeschäftigte in der Gastronomie im Jahr 2021 im Schnitt 2.156 Euro brutto im Monat verdienten. Nur in der „Beherbergung", also etwa in Hotels oder Pensionen, sei der Verdienst mit 2.116 Euro noch niedriger. Was also ist angemessen in Zeiten, in denen die Preise für Getränke und Essen ohnehin schon gestiegen sind, wann lässt sich sagen „Danke! Stimmt so."?

„Es gibt keinen Grund, derzeit weniger Trinkgeld zu geben", sagt Linda Kaiser von der Deutsche-Knigge-Gesellschaft, die sich damit befasst, was zeitgemäße Umgangsformen sind. Wer sich einen Besuch im Restaurant leiste, solle dies von vornherein mit einkalkulieren, erklärt die Expertin: „Es bleibt bei den 5 bis 10 Prozent, gehen Sie eher Richtung zehn." Nur stimmt Grundsätzliches nicht, wenn viele in der Gastronomie auf Trinkgeld angewiesen sind, weil sie mit ihrem Lohn allein kaum noch über die Runden kommen. Müssen da wirklich die Gäste ran?

Trinkgeld eine freiwillige Geste

Darum gehe es nicht, meint Kaiser. Für sie sind Trinkgeld und Lohn zwei verschiedene Dinge. Das sei hierzulande anders als in den USA. Dort würde ein Trinkgeld von 15 - 20 Prozent erwartet und das Gehalt entsprechend berechnet. Es fällt kleiner aus. In Deutschland aber sei es die Verantwortung der Betriebe, den Mitarbeitenden ein auskömmliches Gehalt zu zahlen. Das Trinkgeld sei hierzulande nur als eine freiwillige Geste der Gäste zu verstehen, als „ein finanzielles Dankeschön" - und habe eine lange Geschichte.

Schon im Mittelalter sei es üblich gewesen, den Boten, die lange Zeit unterwegs gewesen seien, ein Trinkgeld zu geben, damit sie sich in der nahe liegenden Schenke eine Erfrischung leisten konnten. Das kann gönnerhaft wirken. Doch so sei es nicht, zumindest heutzutage nicht, erklärt Sascha Hoffmann. Er ist Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule Fresenius in Hamburg und sagt: „Trinkgeld zu geben basiert auf dem ‚Wie-du-mir-so-ich-dir-Prinzip´."

Er hat das zusammen mit einem Kollegen aus der Psychologie in einem Experiment unlängst nachgewiesen: Zunächst bekamen Gäste in einem griechischen Restaurant einen Ouzo aufs Haus - und zwar in drei Gruppen, die einen während des Essens, mit der Rechnung oder nach dem Bezahlen. Den Schnaps-Versuch wiederholten die Forscher dann in einem deutschen Restaurant. Das Ergebnis: Kam das Gratis-Getränk mit der Rechnung, legten die Gäste besonders viel Trinkgeld auf den Tisch. Bonbons, Smileys auf der Rechnung, das beiläufige Auflegen der Hand auf die Schulter - auch das wirke, sagt Hoffmann: „Wenn es nett ist, gibt jeder mehr."

Was ist der größte Fehler beim Trinkgeld?

Bleibt eine entscheidende Frage: Was ist der größte Fehler beim Trinkgeld? „Gar nichts zu geben", sagt Linda Kaiser. „Und runden Sie bei 2,90 Euro für einem Espresso nicht auf 3 Euro auf, geben Sie 3,50 Euro. Es wirkt sonst knickrig herablassend." Dass in Deutschland bei den Preisen hinter dem Komma häufig Neunen stehen, weil 2,90 Euro als viel unverhältnismäßig viel günstiger wahrgenommen werden als 3,00 Euro, ist eine andere Geschichte. Aber ist Trinkgeld ein Muss, selbst wenn der Service lausig war?

„Zumindest müsste schon eine Menge zusammen kommen, das Essen mies, der Tisch dreckig und der Kellner schlecht gelaunt sein", erklärt die Expertin. Besser sei es, frühzeitig zu sagen, was einem nicht passt. Heißt: Schmeckt das Essen nicht, sollte man dies nicht erst reklamieren, wenn schon alles weggeputzt und nichts mehr zu machen ist. „Jeder hat eine zweite Chance verdient", so Kaiser. Und wer sich bemühe, den Service zu verbessern, habe auch Anerkennung verdient, also Trinkgeld.

Nicht mit Geldscheinen herumwedeln

„Sie ziehen auf keinen Fall einen Bündel Geldscheine aus der Tasche und wedeln damit der Servicekraft vor der Nase rum", rät Kaiser noch. Ganz so dezent wie in Frankreich gehe es hierzulande zwar nicht zu. Die Franzosen legen „Le pourboire" einfach auf den Tisch, wenn sie gehen. In Italien ist das ähnlich. Dort wird für das Gedeck und Brot in Restaurants automatisch ein „Coperto" erhoben. Das spricht aber nicht dagegen, etwas Geld auf dem Tisch liegen zu lassen.

In Deutschland legt man das Trinkgeld einfach dazu, wenn man die Rechnung zahlt. Nur zahlen mittlerweile viele mit Karte, statt Scheine und Münzen auf den Tisch zu legen. Da gebe es zwei Möglichkeiten, erklärt Kaiser: „Sie nennen den Betrag, den Sie insgesamt zahlen wollen, manchmal lässt er sich auch auf der Rechnung eintragen." Dann sind die Servicekräfte allerdings auf ehrliche Chefs angewiesen, die diesen das Geld weiterreichen. Wer darauf nicht vertrauen will wählt die zweite Möglichkeit: „Sie geben das Trinkgeld separat in bar", so Kaiser.

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