HarsewinkelDächer drohten einzustürzen: Wie Claas den Wintereinbruch überstand

Erst kommt der Schnee, dann das Tauwetter. Beides bringt die Dächer am Stammsitz in Gefahr. Bauingenieur Björn Evers hat bei der wohl extremsten Wetterlage in der Geschichte des Konzerns innerhalb einer Woche zwei Krisen zu bewältigen.

Burkhard Hoeltzenbein

Im Dauereinsatz haben mehr als 40 Dachdecker den Schnee von den Dächern geräumt. - © Claas
Im Dauereinsatz haben mehr als 40 Dachdecker den Schnee von den Dächern geräumt. © Claas

Harsewinkel. Bei der Firma Claas gibt es aktuell wohl niemanden, der sich an eine so extreme Wetterlage am Stammsitz des Konzerns wie in den vergangenen zehn Tagen erinnern könnte. Inzwischen ist die Gefahr auf den 180.000 Quadratmetern Dachfläche gebannt. Doch die Lage war dramatisch.

Für Bauingenieur Björn Evers, immerhin schon 25 Jahre im Job und auch schon ein paar Tage länger als Gebäudemanager bei dem Landmaschinenhersteller beschäftigt, bieten die vergangenen Tage die extremste Herausforderung seines bisherigen Berufslebens.

Im Zeitraffer schildert er den Einsatz:

Sonntag, 7. Februar: Es beginnt zu schneien und hört mehr als 24 Stunden nicht mehr auf. Auf den verwinkelten, sehr unübersichtlichen Dächern der Produktionshallen bei Claas häuft sich die weiße Pracht. Ein heftiger Nordostwind wirbelt den pulverigen Schnee immer wieder auf und türmt Schneewehen auf.

Montag, 8. Februar: In der zentralen Abteilung Werkplanung beobachtet ein fünfköpfiges Team mit Evers an der Spitze in Zehn-Stunden-Schichten ohne Unterlass die Entwicklung, versucht sich einen Überblick zu verschaffen. Bei 30 bis 40 Dächern, die in den vergangenen 90 Jahren in immer neuen Winkeln aneinander gebaut wurden, fängt sich der leise rieselnde Niederschlag in Nischen und Ecken, bildet Schneesäcke, türmt sich an einigen Stellen hoch auf. Die Statiker schicken eine Drohne in den Himmel, filmen und fotografieren die insgesamt einer Fläche von 30 Fußballfeldern entsprechende Dachlandschaft.

Dienstag, 9. Februar: Bei den Dachbegehungen stechen die Experten an den Schwachstellen wie den Blechen Schneeproben aus, analysieren die Konsistenz, sammeln Daten, wiegen. „Wir haben extreme Unterschiede festgestellt", erklärt Evers. An den Fassaden waren es nur 88 Kilogramm pro Kubikmeter. An exponierten Stellen errechnen sie sogar bis zu 260 Kilogramm. Schnell wird klar, dass hier gezielt die Punkte angegangen werden müssen, an denen ein Dach einzustürzen droht.

Mittwoch, 10. Februar: Das Krisenteam hat es gleich mit mehreren kritischen Komponenten zu tun. Zwar bleibt der Schnee dank der konstanten Kälte in sich stabil, doch das Gewicht ändert sich, kommt an den gewölbten Satteldach- konstruktionen zentimeterweise ins Rutschen, weil von unten die Hallenwärme arbeitet, und wird so punktuell noch schwerer. Bis zu 360 Kilogramm pro Quadratmeter errechnet Evers’ Team. „Die Dächer selbst waren nicht gefährdet, aber die einzelnen Kehlen", erklärt er. Immerhin sind inzwischen so viele Schwachstellen abgetragen, dass in den meisten Abteilungen die Produktion wieder anfahren kann.

Donnerstag, 11. Februar: Vom Dachdeckerunternehmen Berheide & Kozlik sind mittlerweile mehr als 40 Mitarbeiter im Einsatz. „Alles, was schippen kann, haben wir da raufgeschickt", schildert Firmenchef Dieter Berheide, wie seine Jungs bis zur Erschöpfungsgrenze von 7 bis 22 Uhr die Schneemassen abtragen. Die drei Hallenkomplexe für den Kabinenbau mit zusammen 24.000 Quadratmetern Dachfläche bereiten noch Sorgen. Drei schwere Ausliegerkräne der Firma Peterburs hieven leere Mulden hinauf. Die dürfen wegen des Gewichts nicht abgestellt werden, sondern werden schwebend vollgeschippt. Mehr als 500 Mulden mit jeweils mindestens zwei Tonnen Gewicht werden in den nächsten Stunden und Tagen befüllt, am Boden geleert und abgefahren. Wohin mit den Massen? Claas verhandelt mit Landwirten, die stellen Brachflächen zur Verfügung.

Freitag, 12., bis Sonntag, 14. Februar: Das fast pausenlose Schuften auch unter Flutlicht wirkt. Erste Entspannung macht sich breit.

Montag, 15. Februar: Das prognostizierte Tauwetter mit Regen setzt extremer ein als vorhergesagt. Für Björn Evers beginnt die zweite Zitterpartie. Es regnet Bindfäden, der Schnee verwandelt sich in eine vollgesogene Pampe. Schilder warnen unten vor Dachlawinen, denn der Schnee droht auf tiefer liegende Dächer abzurutschen. Das Dachtragewerk kommt an einigen Stellen an die Belastungsgrenze. Was die Werkplanung noch am Morgen im Griff zu haben scheint, gerät binnen einer Stunde außer Kontrolle.

Aus Sicherheitsgründen und nach langen Gesprächen mit der Geschäftsleitung wird die Produktion in großen Teilen eingestellt, die Arbeiter an den Bändern nach Hause geschickt. Sicherheit geht vor.

Dienstag, 16. Februar: Das Werk steht still. Doch die Abräumarbeiten gehen voran, die fast zweistelligen Temperaturen beschleunigen das Abtragen. Unablässig arbeiten Mannschaften udn Maschinen die Schneelast ab. „Eine Meisterleistung", sagt Marc Suchy, Mitarbeiter der Unternehmenkommunikation, angesichts der bewegten Massen.

Mittwoch, 17. Februar: Entwarnung! Nur die Mähdreschermontage steht noch, der Rohbau und die Zulieferbereiche fahren wieder auf Volllast hoch. Von allen Claas-Standorten hat es nur Harsewinkel so extrem erwischt. Allerdings sind die Lieferketten bei Claas gleich aus drei Gründen schwer in Gang zu halten. Neben dem Wetter, das viele Lkw auf Autobahnen aufhält, sind es die Auswirkungen der Coronapandemie und der Brexit, der für Warteschlangen an den Grenzen sorgt.

„Wir müssen flexibel reagieren", sagt Suchy. Dazu gehöre auch, dass der für Mitte Juni geplante Start des Umbaus der Produktion um zwei Wochen nach hinten verschoben wird. Die Gespräche darüber mit dem Generalunternehmer liefen bereits vor dem Wintereinbruch. „Wir leben mit den Coronarisiken mit ihren globalen Auswirkungen. Die Verschiebung gibt uns etwas mehr Puffer", erklärt Björn Evers.

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