Ein Corona-Test pro Woche für jeden: Forscher fordern neue Teststrategie

Mit zehn Millionen Schnelltests pro Woche ließe sich das Infektionsgeschehen ohne Lockdown eindämmen, sagt ein Forscher aus Paderborn und sein Kollege.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Sind mehr Corona-Schnelltests die Lösung? Unser Bild zeigt .Dieter Kollien von der Rotkreuzgemeinschaft, der im Vorfeld einer politischen Sitzung einen Corona-Schnelltest bei Kollege Tobias  Krause macht. - © Tasja Klusmeyer
Sind mehr Corona-Schnelltests die Lösung? Unser Bild zeigt .Dieter Kollien von der Rotkreuzgemeinschaft, der im Vorfeld einer politischen Sitzung einen Corona-Schnelltest bei Kollege Tobias  Krause macht. (© Tasja Klusmeyer)

Paderborn. Die Ausbreitung des Coronavirus unter Kontrolle behalten und trotzdem ohne Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder relativ normal leben? Klingt wie das nahende Ende der Pandemie, könnte aber auch schon früher Realität werden, sagen die Wirtschaftswissenschaftler Thomas Gries aus Paderborn und Paul Welfens aus Wuppertal. Mit einer neuen Teststrategie haben sie eine Alternative zur Lockdown-Politik in Deutschland entwickelt.

Mit dem Start der Impfkampagne sind große Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Pandemie verbunden. Bis zum Erreichen der dafür benötigten Herdenimmunität wird aber noch viel Zeit vergehen. Bis dahin setzt die Politik in Deutschland zur Eindämmung des Coronavirus weiter auf einen Lockdown nach dem anderen. Die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelten als alternativlos. „Das sind sie aber nicht, weshalb in der öffentlichen Diskussion dringend auch Alternativen diskutiert werden sollten", fordern Gries (Universität Paderborn) und Welfens, Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (Universität Wuppertal).

Corona-Tests für Menschen mit und ohne Symptome

Um Lockdowns künftig überflüssig zu machen, schlagen die Wirtschaftswissenschaftler eine nationale, systematische Teststrategie in Kombination mit einer konsequenten Quarantäneregelung vor. Ihr Ansatz sieht Corona-Tests für Menschen mit und ohne Symptomen vor und basiert auf einer statistischen Detektionsmethode. „Durch immer wiederkehrende, systematische Stichproben können wir es schaffen, so viele Infizierte zu finden, dass sich das Virus durch die anschließende Quarantäne der Infizierten und ihrer Kontaktpersonen nicht weiter ausbreitet", erklärt Gries.

Dafür ausreichen würde nach Einschätzung der Wirtschaftswissenschaftler bereits ein wöchentlicher Corona-Schnelltest pro Person. „Mit etwa zehn Millionen Tests pro Tag würde man so viele Infizierte identifizieren und sie und ihre Kontakte in Quarantäne schicken, dass sich das Infektionsgeschehen eindämmen lässt", sagt Gries. „Differenzieren wir die Strategie dann noch nach Berufsgruppen mit einem besonders hohen Infektionsrisiko, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen, Schulen oder Kitas, lassen sich noch mehr Infizierte finden."

Teststationen in Schulen, Kitas und Betrieben

Am Beispiel einer Schulklasse macht Gries seinen Vorschlag deutlich: „Wenn man jeden Tag sechs Kinder oder Jugendliche einer Klasse mit 30 Schülern testet und bei einem positiven Testergebnis sofort eine Quarantäne für den Infizierten und die Kontaktpersonen verhängt, breitet sich das Virus nicht weiter aus." Übertragen auf alle gesellschaftlichen Bereiche würde die Reproduktionszahl, also der Wert, der angibt, wie viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, laut Gries unter die kritischen Grenze von 1 fallen.

Voraussetzung dafür sind laut Gries und Welfens eine massive Erhöhung der Verfügbarkeit von Schnelltests und Labor-Kapazitäten für Abstriche, die Errichtung von ausreichend dezentralen Corona-Test-Stationen in allen öffentlichen und medizinischen Einrichtungen sowie Schulen, Kitas und größeren Betrieben sowie eine transparente Erklärung der Teststrategie gegenüber der Bevölkerung.

„Je mehr wir testen, desto mehr Infizierte können identifiziert werden"

Die Verfügbarkeit von Corona-Schnelltests kann im Vergleich zu einer Erweiterung der Labor-Kapazitäten für PCR-Abstriche laut Gries sehr schnell erhöht werden. „Schnelltests sind zwar nicht so zuverlässig wie Abstriche, doch mit einer Wahrscheinlichkeit von durchschnittlich 85 Prozent liefern auch sie korrekte Ergebnisse." Deshalb gelte auch für Schnelltests: „Je mehr wir testen, desto mehr Infizierte können identifiziert werden."

Greis und Welfens sehen im Vergleich zur Lockdown-Politik gleich mehrere Vorteile. „Als wesentliche Effekte sind sowohl weniger Infizierte und Sterbefälle als auch eine deutliche Beschleunigung beim ökonomischen Aufschwung in Deutschland zu erwarten", sagt Welfens. Auch die Kosten-Nutzen-Rechnung für Deutschland wäre deutlich positiv. „Die Kosten einer systematischen Teststrategie liegen erheblich unter denen eines langanhaltenden bundesweiten Lockdowns", ergänzt Gries.

Die Ausgaben für den Aufbau einer bundesweiten Test-Infrastruktur und der Durchführung der Tests könnten laut Gries und Welfens etwa 0,5 Prozent des Nationaleinkommens in der ersten Jahreshälfte 2021 betragen. „In der zweiten Jahreshälfte dürfte der notwendige staatliche Ausgabenbetrag nur etwa halb so hoch sein."

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