"Kitas sind doch offen": Eltern haben Probleme, Kinderkrankentage zu nehmen

In NRW gilt weiter der eingeschränkte Pandemiebetrieb. Heißt: Eltern können Kinder bringen, sollten es aber nicht tun. Das bringt in vielen Fällen Probleme mit Arbeitgebern. Unterdessen hat das Land ein Hilfsprogramm auch für Selbstständige beschlossen.

Anneke Quasdorf

Symbolbild - © CC0 Pixabay (EvgeniT)
Symbolbild (© CC0 Pixabay (EvgeniT))

Bielefeld. Kitas in NRW bleiben auch im verlängerten Lockdown beim eingeschränkten Pandemiebetrieb. Heißt: Eltern können ihre Kinder weiterhin bringen. Damit folgt das Land weder dem Appell des Bundes, die Schließungen möglichst restriktiv umzusetzen, noch stellt es klare Regeln in Aussicht, wer in die Betreuung kommen darf. Außerdem ist es für Eltern so wesentlich schwerer, die neuen Kinderkrankentage in Anspruch zu nehmen.

Etwas, das Luisa S. aus Bielefeld sehr gern getan hätte. Mit einem Dreijährigen und einer Zweitklässlerin im Homeschooling sah sie darin zumindest kurzfristig die einfachste Lösung - ihr Arbeitgeber nicht. "Man sagte mir, dass die Kitas doch offen seien und ich meinen Sohn dann auch bringen müsse, so lange es noch ginge."

Der Kleine ist damit eines von vielen Kindern, die derzeit die Kitas füllen, obwohl ihre Eltern durchaus bereit wären, zuhause zu bleiben. "Wir hören derzeit oft, dass Arbeitgeber sich quer stellen, weil in ihren Augen durch die grundsätzlich offenen Kitas kein Anspruch auf die neuen Kinderkrankentage besteht", sagt Marlene Seckler von verdi NRW.

Auslastung vielerorts zu hoch

Dabei ist es nicht so, dass die Lage bei der Belegung entspannt wäre. 35 Prozent aller Kinder seien in NRW derzeit in den Kitas, vermeldet das Land. "Das ist aber ein Durchschnittswert", sagt Joyce Abebrese von der Bildungsgewerkschaft GEW. "Und da sind auch viele Kitas mit drin, die zu 80 oder 90 Prozent ausgelastet sind - was definitiv zu viel ist, um die Pandemie einzudämmen."

Auch in anderen Bundesländern sieht es eher schlechter aus: Hamburg, mit ähnlicher Regelung wie NRW, meldet im Schnitt 50 Prozent Auslastung, auch Berlin kratzt an der 50-Prozent-Marke. Baden-Württemberg hingegen, mit der klaren Regelung, dass nur Kinder kommen dürfen, deren Eltern beide berufstätig sind, steht besser da.

Doch nicht nur Inzidenzwerte sind das Problem, auch der Infektionsschutz der Erzieher. "Die fühlen sich von der Regierung rundum im Stich gelassen", sagt Verdi-Frau Seckler. "Im Fokus steht ausschließlich die Gewährleistung der Betreuung für Eltern und Wirtschaft. An die Sicherheit der Mitarbeiter wird nicht gedacht. Es gibt keinen Stufenplan, es gibt keine Impfpriorisierung wie für Lehrer, es gibt keine Regeln, die Erzieher und Leitungen befähigen, Kinder abzuweisen, bei denen kein Betreuungsbedarf besteht."

Studie: Erziehungsberufe haben höchstes Corona-Risiko

Dabei offenbarte eine Studie der AOK von Dezember: Menschen, die in Erziehungsberufen arbeiten, haben - gemeinsam mit jenen aus der Pflege - das höchste Risiko, an Corona zu erkranken. Auf 100.000 Beschäftigte dieser Sparte kamen 2.672 Corona-Erkrankungen, teilte die Kasse nach der Auswertung von rund 13,2 Millionen Versichertendaten bis November 2020 mit.

Da entspannt zu bleiben, wenn man persönlich auf alle Kontakte verzichtet und im Lockdown ein Kind nach dem anderen in Empfang nehmen muss, fällt schwer. Das gibt eine Kita-Leiterin aus Bielefeld offen zu. Namentlich möchte sie nicht genannt werden. "Wir sind mit der Pflege zusammen der letzte Berufsstand, der voll im Kreuzfeuer steht. Schützen können wir uns schlecht und abweisen dürfen wir niemanden. Das passt für mich nicht."

Auch die Vorsitzenden großer Träger in OWL beobachten mit Sorge, wie sich derzeit das Verhältnis von Erziehern und Eltern verschlechtert. "Der Konflikt ist von der Regierung jetzt an die Eingangstüren der Kitas verlagert worden", sagt Detlef Müller, Geschäftsführer von 157 katholischen Kindertagesstätten in OWL. "Das geht so nicht. Wir brauchen klare Regelungen, welche Kinder kommen dürfen und welche nicht."

"Zu wenig Akzeptanz für Eltern"

Thorsten Klute, Vorsitzender der AWO OWL verzeichnet in den rund 100 Kitas eine Auslastungsquote von 38 Prozent. "Das ist derzeit noch in Ordnung. Die Zahlen steigen aber täglich leicht an und wir rechnen damit, dass es noch erheblich mehr werden wird. Das muss derzeit täglich ganz scharf beobachtet und im Zweifel die Reißleine gezogen werden - auch mit landeseinheitlichen Regelungen."

Das sieht die NRW-Elterninitiative "Familie in der Krise" anders. "Wir halten es für den absolut richtigen Schritt, Familien die Entscheidung zu überlassen, ob sie ihre Kinder in die Kitas bringen oder nicht", sagt Mitglied Nina Meseke aus Steinhagen. "Weil niemand von außerhalb sich anmaßen kann, zu entscheiden, wie hoch der Bedarf, eventuell die Überforderung wirklich ist." Sie wünscht sich aber mehr Akzeptanz und Wertschätzung für diese Entscheidung. " Aktuell ist das Konfliktpotential zwischen Eltern und Kitas einfach sehr hoch. Dabei sollte doch das Wohlergehen der Kinder verbindend sein."

Doch nicht nur Kitas und Eltern haben eine Meinung zu dem Thema. Auch für die Arbeitgeber ist die Situation schwierig. "Wir wünschen uns hier, genau wie die Träger, mehr Klarheit, ein verbindliches Regelwerk", sagt Dieter Kühnel, Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes der Metallindustrie OWL Bielefeld, Herford, Minden. "Das ist von unserer Seite aus unerlässlich für die Planungssicherheit."

Den Appell an die Eigenverantwortung und Solidarität der Eltern empfindet Kühnel als schwierig. "Weil sie sich de facto ja auch dem Arbeitgeber gegenüber verantwortlich fühlen. Das ist ein schwieriger Spagat. Wir empfehlen deshalb derzeit allen Arbeitgebern, sich hier auf die Eltern einzustellen, auch mit Homeoffice. Aber natürlich muss auch an die Wirtschaft, das Funktionieren der Betriebe gedacht werden."

Info

Kinderbetreuung: NRW beschließt Hilfsprogramm für Selbstständige

Die nordrhein-westfälische Landesregierung entlastet in der Corona-Pandemie auch freiberuflich oder selbstständig arbeitende Eltern betreuungspflichtiger Kinder mit einem  Hilfsprogramm zur finanziellen Entschädigung privat versicherter Eltern.

Laut NRW-Familienminister Joachim Stamp werden für all diese Elterngruppen zehn Krankentage pro Kind und bei Alleinerziehenden 20 Tage angesetzt. Der Tagessatz für die Entschädigung betrage 92 Euro. Anträge könnten ab Februar bei den Bezirksregierungen gestellt werden. Die Anträge gelten rückwirkend zum 5. Januar.

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