Schweigen im Nahverkehr? Wie Sprechen das Infektionsrisiko beeinflusst

Ein Paderborner Aerosolforscher erklärt, wie sich das Ansteckungsrisiko in Bussen und Bahnen durch Sprechen erhöht. Und was im Nahverkehr während der Corona-Pandemie sonst noch wichtig ist.

Angela Wiese

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Paderborn/Bielefeld. Schweigend gegen die Ausbreitung des Coronavirus? Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ist für ein Sprech-Stopp in Bussen und Bahnen. In einem Interview sprach sich VDV-Präsident Ingo Wortmann für ein Telefonierverbot im öffentlichen Nahverkehr aus, denn es gebe Fahrgäste, die in Fahrzeugen und U-Bahnhöfen zum Telefonieren den Mund-Nasen-Schutz herunterzögen.

Zuvor hatte der Verband auch empfohlen, dass Fahrgäste möglichst schweigsam bleiben, um die Ausbreitung der Aerosole in den Fahrzeugen zu verringern. In Spanien gibt es so etwas schon: Die Inselregierung Mallorcas empfiehlt Fahrgästen, in Bussen und Bahnen nicht zu reden.

Als Aerosol wird ein Gemisch aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen - wie Partikel von Sars-CoV-2 - in der Luft bezeichnet. Rein wissenschaftlich betrachtet kann Schweigsamkeit im Nahverkehr tatsächlich einen Beitrag zur Senkung des Infektionsrisikos beitragen, sagt Hans-Joachim Schmid, Leiter des Lehrstuhls für Partikelverfahrenstechnik an der Universität Paderborn und Mitglied der Gesellschaft für Aerosolforschung.

"Es gibt nicht die eine Lüftungsrate"

"Der Verzicht auf Gespräche wäre sicherlich eine Maßnahme, um die Emission von Aerosolen zu reduzieren. Beim Sprechen strömen fünf bis zehn Mal mehr Aerosole aus als beim Atmen. Das ist unstrittig. Eine politische Frage allerdings wäre, ob die bei einem Sprechverbot erreichte Reduzierung die Einschränkung rechtfertigt."

Für das Infektionsrisiko sei die Gesamtmenge an Aerosolen, die ausgestoßen werden, entscheidend. "Die Aerosolmenge ist nur für die Dauer des jeweiligen Gesprächs erhöht. Ein kurzes Gespräch fällt also kaum ins Gewicht", sagt Schmid.

Ohnehin ist laut Experten immer die Kombination der Schutzmaßnahmen wichtig. Das gilt auch in Bussen und Bahnen. Der VDV etwa verweist unter anderem auf das automatische Lüften durch die Öffnung der Fahrzeugtüren an jeder Haltestelle. "Der Luftaustausch hilft, die Konzentration von Aerosolen in der Luft zu reduzieren. Es gibt aber nicht die eine Lüftungsrate, die ausreicht, um Infektionen sicher zu vermeiden. Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, ob an Haltestellen alle Türen aufgehen oder nur einige."

FFP2-Masken filtern nur gut, wenn sie gut anliegen

Bus- und Bahnfahren soll den neuesten Bund-Länder-Beschlüssen zufolge künftig nur noch mit einer medizinischen Maske, also einer OP-Maske, oder aber mit den noch besser schützenden FFP2-Masken erlaubt sein. Schmid hält die Verschärfung für eine wichtige Maßnahme. "Aber selbst für FFP2-Masken gilt: Sie filtern die Luft zwar sehr gut, aber nur, wenn sie perfekt sitzen.

Bei den meisten Menschen aber sitzen sie nicht ganz dicht am Gesicht. Die Luft, die dann am Rand austritt, ist ungefiltert. So kann die Abscheidung der Aerosole statt mehr als 94 Prozent bei perfekt sitzender Maske schnell nur noch 50 Prozent betragen." Das hätte entsprechende Folgen für die Luft im öffentlichen Verkehrsmittel.

Eine im Dezember veröffentlichte Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Göttingen unterstrich die Bedeutung von Masken in Zügen. Das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung ist den Forschern zufolge während einer Zugfahrt eine wirksame Möglichkeit, die Verbreitung von Tröpfchen und Aerosolen zu begrenzen.

"Abstand halten ist extrem wichtig"

Bei den Untersuchungen wurde unter anderem die Atmung eines Fahrgastes mit und ohne Maske simuliert. Die Verbreitung von Tröpfchen und Aerosolen wurde mit Hilfe von künstlichem Speichel und Spurengas nachgestellt. Für eine virologische Bewertung möglicher Infektionsrisiken seien laut DLR weitere wissenschaftliche Forschungsarbeiten notwendig.

Prof. Hans-Joachim Schmid, Inhaber des Lehrstuhls für Partikelverfahrenstechnik an der Universität Paderborn. - © Universität Paderborn
Prof. Hans-Joachim Schmid, Inhaber des Lehrstuhls für Partikelverfahrenstechnik an der Universität Paderborn. (© Universität Paderborn)

Distanz zum Nächsten zu halten ist außerdem ein entscheidender Punkt. In Bussen und Bahnen ist unter anderem beim Ein- und Ausstieg Vorsicht geboten. "Abstand halten ist neben dem Tragen einer Maske extrem wichtig, um eine direkte Infektion zu vermeiden", sagt Schmid. Eine direkte Infektion geschehe durch relativ große Partikel, die durch die Luft fliegen und dann direkt von einer Person aufgenommen werden. "Bei kurzzeitigen Begegnungen, zum Beispiel beim Ein- und Ausstieg, kann es zusätzlich auch schon helfen, den Kopf von anderen wegzudrehen."

Ob nun schweigend oder nicht: Das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, lässt sich auch in Bussen und Bahnen nicht abschalten. Bleibt nur, möglichst viel für den Schutz zu tun.

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