Vielen Kurzarbeitern drohen Steuer-Nachzahlungen - hier einige Beispiele

Das Kurzarbeitergeld wird den betroffenen Beschäftigten in der Coronakrise steuerfrei gewährt. Unter Umständen rutschen sie aber in einen höheren Steuersatz – dann wird oft eine Nachzahlung fällig.

Martin Krause

Wie schon in der Finanzkrise 2009 hat das Kurzarbeitergeld in der Coronakrise geholfen, viele Arbeitsplätze zu bewahren.Doch es gibt Stolpersteine für Arbeitnehmer. - © Symbolbild: Pixabay
Wie schon in der Finanzkrise 2009 hat das Kurzarbeitergeld in der Coronakrise geholfen, viele Arbeitsplätze zu bewahren.Doch es gibt Stolpersteine für Arbeitnehmer. (© Symbolbild: Pixabay)

Bielefeld. Nur selten ernten staatliche Maßnahmen so einhellige Zustimmung von allen Seiten wie die deutschen Regeln zur Kurzarbeit. Das international als Vorbild geltende Modell hilft zehntausenden Unternehmen in der Coronakrise ohne Entlassungen über massive Auftragseinbrüche hinweg. Millionen Arbeitnehmer behalten ihre Arbeitsplätze, während das aus den Kassen der Bundesagentur für Arbeit gewährte Kurzarbeitergeld den Unterhalt der Betroffenen sichert.

Das Geld fließt steuerfrei, doch an dieser Stelle lauert eine Fußangel: „Das Finanzamt addiert die steuerfrei erhaltenen Entgeltersatzleistungen am Jahresende zu den anderen Einkünften eines Haushaltes, um einen neuen Steuersatz zu ermitteln", erklärt die Bielefelder Rechtsanwältin und Steuerberaterin Marrie Lauder von der Kanzlei HLB Dr. Stückmann und Partner. Der so ermittelte Steuersatz werde anschließend auf die zu versteuernden Gesamteinkünfte (abzüglich des bezogenen Kurzarbeitergeldes) angewendet. Das Verfahren wird als „Progressionsvorbehalt" bezeichnet.

Der Einzelfall muss geprüft werden

„Das Kurzarbeitergeld ist also nicht direkt zu versteuern, aber der Bezug solcher Entgeltersatzleistungen kann den eigenen Steuersatz erhöhen", mahnt Lauder. Wer von Kurzarbeit betroffen war, sollte also prüfen, ob ihm eventuell eine Steuernachzahlung drohen könnte und entsprechend finanzielle Vorsorge treffen.

Nicht alle Kurzarbeiter sind tatsächlich von Steuernachforderungen betroffen. Es trifft oft jene, die zu einem Teil gearbeitet haben und zum anderen Teil Kurzarbeitergeld bezogen haben („Kurzarbeit 50", zum Beispiel). Denkbar sind Steuernachzahlungen auch, wenn bei gemeinsam veranlagten Eheleuten nur einer der Partner Kurzarbeitergeld bezogen hat. Oder, wenn ein Haushalt noch andere wichtige Einkommensquellen aus Nebenjobs, Geldanlagen oder aus Vermietung und Verpachtung hat. „Durch den Progressionsvorbehalt soll die unterschiedliche steuerliche Leistungsfähigkeit der Steuerzahler berücksichtigt werden", erklärt Marrie Lauder.

Arbeitgeberzuschüsse sind einzuberechnen

Auch die von vielen Firmen gewährten Arbeitgeberzuschüsse, die das Kurzarbeitergeld von 60 Prozent des entgangenen Nettolohns (bei Eltern von Kindern: 67 Prozent) aufstocken, fließen einerseits steuerfrei, stehen aber andererseits unter Progressionsvorbehalt. „Auch durch diese Zuschüsse kann der Steuersatz steigen", sagt Lauder. Unter Umständen könne bei Eheleuten eine Einzelveranlagung günstiger sein, rät die Steuerberaterin.

Wichtig auch: Wer 2020 mehr als 410 Euro Kurzarbeitergeld erhalten hat, ist verpflichtet, für das vergangene Jahr eine Einkommenssteuererklärung abzugeben. Das gilt auch für Arbeitnehmer, die in der Vergangenheit keine Steuererklärung abgeben mussten, weil sie zum Beispiel nur eine Einkommensquelle bei einem Arbeitgeber haben, der für sie die Steuern abführt.

Beispiele mit Steuer-Erstattung

- Ein Single (Steuerklasse I) mit einem Bruttoeinkommen von 4.500 Euro monatlich wurde 2020 drei Monate lang auf Kurzarbeit Null gesetzt. In dem vom Bund der Steuerzahler errechneten Beispiel erhielt er dafür monatlich 1.640 Euro Kurzarbeitergeld, insgesamt 4.920 Euro. In den anderen neun Monaten verdiente er normal, sein Arbeitgeber führte neun mal 820 Euro Lohnsteuer ab. Das Finanzamt verlangt nun 6.632 Euro Einkommensteuer: Da er durch den Lohnsteuerabzug bereits 7.380 Euro gezahlt hat, bekommt er eine Steuererstattung von rund 748 Euro.

- Singles, die sechs oder neun Monate Geld für Kurzarbeit Null bezogen, dürfen ebenfalls eine Erstattung erwarten, wenn sie keine weiteren Einkommensquellen hatten.

- Ein Ehepaar mit zwei Kindern und einer Alleinverdienerin mit 4.500 Euro Bruttolohn im Monat erhält eine Steuererstattung, wenn die Alleinverdienerin drei Monate lang auf Kurzarbeit Null gesetzt worden war – für diesen Fall hat der Bund der Steuerzahler eine Erstattung von 607 Euro errechnet.

Fälle, in denen eine Steuernachzahlung fällig wird

- Ein Single mit einem Bruttoeinkommen von 2.500 Euro, der 2020 sechs Monate lang regulär arbeitete und für sechs Monate Kurzarbeit 50 jeweils einen halben versteuerten Bruttolohn plus Kurzarbeitergeld (dreimal 429 Euro plus dreimal 500 Euro) bezog, muss Steuern nachzahlen. Unterm Strich war sein Nettolohn mit Kurzarbeitergeld höher, als wenn er nur Kurzarbeitergeld kassiert hätte. Für den Arbeitslohn hat der Arbeitgeber 1.834,50 Euro Lohnsteuer einbehalten. Der Fiskus verlangt aber 2.136 Euro. Der Single muss 301 Euro (plus Solidaritätszuschlag) nachzahlen.

- Ein Single mit 6.000 Euro Bruttoeinkommen und neun Monaten Kurzarbeit 50 muss sogar 691 Euro nachzahlen.

- Auch ein Ehepaar mit zwei Kindern muss nachzahlen, wenn der Alleinverdiener oder die Alleinverdienerin (Steuerklasse 3) bei 4.500 Euro Bruttoeinkommen drei Monate lang von Kurzarbeit 50 betroffen war. Während der neun Monate mit regulärer Beschäftigung hat der Arbeitgeber 4.329 Euro Steuern abgeführt sowie 81 Euro für den halben Lohn während der Kurzarbeitsphase – insgesamt 4.410 Euro. Das Finanzamt errechnet aber eine Steuerschuld von 4.650 Euro. Das Paar muss 240 Euro Steuern nachzahlen.

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