Wer hat Not? Streit über Betreuungsbedarf entzweit Eltern und Kitas

Offiziell können Kinder in die Einrichtungen gebracht werden. Daneben gibt es dringliche Appelle vom Land, das nur im Notfall zu tun. Doch wann der gegeben ist, darüber scheiden sich die Geister.

Ingo Kalischek, Anneke Quasdorf

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Bielefeld. Bislang ist es Eltern in NRW freigestellt, ob sie ihre Kinder in die Kitas bringen oder nicht. Das sorgt für ordentlich Zündstoff. Denn der eindringliche Appell des Landes lautet gleichzeitig: notfalls. Entscheidungen darüber, wer Not hat und wer nicht, dürfen Kita-Leitungen aber nicht treffen. Ergo sind die Kitas zu voll.

Im Grunde kann man das, was gerade passiert zusammenfassen unter "Jeder gegen jeden". Die Konflikte sind zahlreich: In einer Kita bringen Eltern, von denen einer in Elternzeit zuhause ist, ihr Kind und kommen damit durch - was wiederum jene ärgert, die im Homeoffice arbeiten und ihre Kinder trotzdem zuhause lassen. Dann gibt es Kitas, deren Leitungen Eltern im Homeoffice die Aufnahme des Kindes von vornherein verweigern - weil sie ja zuhause seien. Wieder andere Einrichtungen fordern bereits Bescheinigungen vom Arbeitgeber, dass Eltern wirklich arbeiten. "Und wir hören natürlich ständig, dass Eltern in systemrelevanten Berufen mit der Kürzung der Betreuungszeit vorn und hinten nicht mehr hinkommen", sagt Susann Purucker vom Jugendamtselternbeirat OWL. "Insgesamt ist der Konflikt jetzt in die Kitas und auf die Eltern abgeschoben, wo er gar nicht hingehört."

Auch Ursula Wesseler, Leiterin der Kita Potzblitz in Paderborn, empfindet das so. "Es macht sich eine bedenkliche Stimmung breit. Alle Eltern haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Kinder schicken. Und einige machen laut ihrem Unmut Luft, wenn sie meinen, ein Kind wäre ohne Not in der Kita. Kitaleitungen sind nicht in der Lage, nicht autorisiert und hoffentlich auch nicht willens, zu beurteilen, ob Kinder wirklich eine Betreuung brauchen oder nicht."

"Viele bringen ihr Kind aus Bequemlichkeit"

In der Tat haben weder Erzieher noch Leitungen Entscheidungsspielraum. "Wir dürfen Eltern weder bitten, die Kinder zuhause zu lassen, noch, sie zu bringen. Wir dürfen auch keine Kinder abweisen. Wir können lediglich auf den Appell der Landesregierung aufmerksam machen", sagt Thorsten Klute, Vorstand der AWO OWL.

Dabei gibt es natürlich Unterschiede beim Bedarf, den auch die Kita-Leitungen sehen. "Viele Eltern tun ihr Möglichstes, die Kinder zuhause zu lassen, die sehen halt das große Ganze. Dann gibt es die, die wir auffordern, das Kind zu bringen, weil wir wissen: Dem Kind geht es hier besser. Und dann gibt es die anderen, wo wir genau wissen: Die bringen die Kinder aus Bequemlichkeit, obwohl sie zum Beispiel in Elternzeit sind", sagt die Leiterin einer Kita aus dem Kreis Gütersloh. Namentlich möchte sie nicht genannt werden, zu groß ist der Druck, der gerade auf dem Kessel ist. "Weil es keine klaren Regeln gibt, regelt sich das unterschwellig über Druck. Eltern gegen Eltern, Eltern gegen Erzieher, Leitungen gegen Eltern. Das geht gar nicht."

Dass das Verhältnis schräg ist, empfinden auch andere Kita-Leiter so. "Es schicken Eltern, die ohnehin zuhause sind, Kinder, während berufstätige Eltern mühsam versuchen, ihre Kinder irgendwie zuhause zu betreuen", sagt ein Verantwortlicher aus dem Kreis Paderborn.

Detlef Müller, Geschäftsführer von 157 katholischen Kindertagesstätten in OWL, vermisst klare Angaben und Ansagen der Politik. Da es diese aber derzeit nicht gebe, müssten notgedrungen die Erzieher derzeit viele Gespräche mit verunsicherten und teilweise auch verärgerten Eltern führen. Verärgert ist Müller auch über die missverständliche Äußerung in der Öffentlichkeit, dass Schulen und Kitas nun zu seien. "Die Kitas waren seit März letzten Jahres überhaupt nicht mehr zu - und sind es auch jetzt nicht."

Zu viele Kinder in den Kitas

Auch andere wünschen sich klare Regeln, die genau definieren, wer seine Kinder bringen darf. "Oder aber Sprechfähigkeit. Dass wir das selbst regeln dürfen. Natürlich gäbe das auch Streit. Aber dann wären wir wenigstens autorisiert dazu", sagt die Kita-Leiterin aus dem Kreis Gütersloh.

Doch all das wird es nicht geben. "Ein flächendeckendes Betretungsverbot oder eine Notbetreuung für Eltern bestimmter Berufsgruppen wie im Frühjahr 2020 ist nicht vorgesehen", teilt ein Sprecher des Familienministeriums auf Anfrage von nw.de mit. Man appelliere an die Eigenverantwortung der Eltern.

Mit der scheint es aber in vielen Fällen nicht weit genug her zu sein. Sicher ist schon jetzt: Angesichts der Lage sind derzeit in OWL zu viele Kinder in den Kitas. Rund die Hälfte der sonstigen Auslastung vermeldete Anfang der Woche in den katholischen Kitas des Hochstifts, ein Drittel war in den rund 100 AWO-Kitas vor Ort. Wenn das so weitergeht, darin sind sich viele Kita-Mitarbeiter einig, werden die Kitas auch noch geschlossen. "Das geht dann zu Lasten derjenigen, die wirklich Bedarf, wirklich Not haben."

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