Unter 80, kein Mitarbeiter in der Pflege - aber geimpft: Wie kann das sein?

In einem Gütersloher Seniorenheim sind am 1. Januar bei einer Impfaktion etwa 40 Menschen geimpft worden, die nicht zur Prioritätengruppe I gehören. Der Kreis Gütersloh gab seine Zustimmung.

Christian Bröder

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Gütersloh. In einem Gütersloher Seniorenheim sind Anfang des Jahres bei einer Impfaktion etwa 40 Menschen geimpft worden, die nicht zur Prioritätengruppe I gehören. Der Kreis Gütersloh gab seine Zustimmung. Dabei ging es um die Frage, was mit übrig geblieben Dosen bei einer Impfaktion in einem Seniorenheim zu passieren hat. Vernichten? Oder sollen damit Menschen geimpft werden, die kurzfristig zur Verfügung stehen, aber möglicherweise nicht zur ersten Prioritätengruppe zählen?

Letzteres ist im Fall des Kursana Domizils Gütersloh am Tiefenweg geschehen. Dort kam es am 1. Januar zu einer Impfaktion, bei der im Anschluss an die offizielle Vergabe Menschen den Impfstoff von Biontech/Pfizer erhielten, die zum Teil eben nicht zur besagten Prioritätengruppe I zählen, also noch nicht das 80. Lebensjahr vollendet oder in medizinischen Einrichtungen tätig sind. Das bestätigte am Montag mit Martin Paul Winkler der Direktor der Senioreneinrichtung am Tiefenweg, für den das Vorgehen aus der guten Absicht heraus geschah, möglichst keinen Impfstoff zu vernichten. Winkler spricht vielmehr von einem beispielhaften Umgang mit der Frage, was mit den Resten zu geschehen habe. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und nach Beendigung der eigentlichen Aktion überlegt, wie wir vorgehen."

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Kurzerhand Angehörige von Bewohnern gefragt

Kurzerhand habe man sich dazu entschlossen, anwesende Angehörige von Bewohnern des Heims zu fragen, ob sie sich kurzfristig impfen wollen würden. Zudem seien Angehörige, „die im näheren Umfeld unserer Einrichtung wohnen", telefonisch über die Möglichkeit verständigt worden – alles unabhängig von der Zugehörigkeit zur Prioritätengruppe. Dieses Vorgehen sei erforderlich gewesen, da das Vakzin nach Anbruch der Ampullen eben nur wenige Stunden haltbar sei, so Winkler weiter. Konkret sei es im vorliegenden Fall um einen Zeitraum von zweieinhalb Stunden gegangen, was ein schnelles Handeln erforderlich gemacht habe. So seien letztlich über die eigentliche Impfaktion hinaus rund 40 Menschen zusätzlich geimpft worden. Dabei habe man hinlänglich der Auswahl keinen Unterschied zwischen Alter, Gesundheitszustand oder ähnlichen Dingen gemacht „Es ging wirklich nur darum, schnell und praktisch zu handeln", so Winkler.

Kreis bestätigt zwei Fälle in der Größenordnung

Der Kreis Gütersloh wusste in der Angelegenheit Bescheid. „Ja, der Fall ist so passiert. Es gab Restbestände und kurzfristig waren am 1. Januar keine Leute aus der Prioritätengruppe I für diese Impfaktion zu finden. Deshalb wurden eben dort auch Menschen geimpft, die 60 oder 70 Jahre alt sind. Wir sehen zu, dass wir alle übrig geblieben Impfdosen retten", erklärt Bernhard Riepe, Leiter des Impfzentrums im Kreis Gütersloh. Da zu dem Zeitpunkt auch keine rechtsverbindlichen Vorgaben existierten, „wie zu verfahren ist, wenn Reste übrig bleiben", habe man sich 1. Januar eben "für den Weg entschieden, möglichst pragmatisch zu handeln".

Mittlerweile sei die Regelung laut Riepe so, dass alle Restbestände von mehreren Fahrzeugen abgeholt und weitergeleitet würden. Dass die Anzahl mit 40 übrig gebliebenen Dosen im Falle des Kursana Domizils ungemein hoch erscheint, resultiere aus mehreren Faktoren, so der 52-Jährige weiter. Einerseits sorge die „Überfüllung" der Ampullen von Biontech/Pfizer dafür, dass ohnehin schon mehr Dosen als vorgesehen zur Verfügung stünden. Andererseits hätten seien auch „einige wenige" Bewohner nicht anwesend gewesen oder es hätten sich Pflegekräfte nicht impfen lassen wollen. Ist die "Causa Kursana" ein Einzelfall? Riepe bestätigt, dass sich „insgesamt zwei Fälle mit einer ähnlichen Größenordnung" im Kreis ereignet haben.

Impfaktion war vorgezogen

Das Gütersloher Kursana Domizil, das zur in Berlin ansässigen Kursana GmbH mit 99 Standorten in Deutschland und insgesamt 6.800 Mitarbeitern sowie 13.600 Pflegeplätzen gehört, war ursprünglich erst für den 6. und 7. Januar mit seiner Impfaktion an der Reihe gewesen. Nach einem Corona-Ausbruch in einer anderen Gütersloher Einrichtung sei der Termin jedoch nach Abstimmung mit dem Impfzentrum des Kreises vorgezogen und die für das andere Heim vorgesehen Charge übernommen worden.

Deshalb wurden laut Martin Paul Winkler direkt am ersten Tag des neuen Jahres 105 Bewohner und 30 Mitarbeiter („Rund 80 Prozent der Belegschaft") geimpft. Die Durchführung vor Ort sei von der Arztpraxis Hornberger aus Rheda-Wiedenbrück übernommen worden. Die Praxis soll demnach für die im Urlaub verweilende Kollegin Dr. Ottens eingesprungen sein. Eine Stellungnahme zum Fall wollte die Praxis Hornberger nicht abgeben. „Der Arzt hat es richtig gemacht", sagt Impfzentrum-Leiter Bernhard Riepe.

Zweitimpfung an selber Stelle

Wie verfährt man im Fall der rund 40 Personen nun, wenn es um die erforderliche Zweitimpfung geht? Der Termin für dafür ist im Kursana Domizil Gütersloh für den 22. Januar anberaumt worden. Ein weiterer müsse bis zum 28. Januar erfolgen, sagt Winkler auf. Auch die nicht zur Einrichtung zählenden, aber dort geimpften Personen müssten sich an selber Stelle der Zweitimpfung unterziehen lassen. „Das ist vom Gesetzgeber so vorgeschrieben. Alles ist schriftlich festgehalten und dem Gesundheitsamt mitgeteilt worden", klärt Martin Paul Winkler auf.

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