So miserabel läuft ein Homeoffice-Tag mit Kindern

Millionen Arbeitnehmer starten heute wieder das Homeoffice mit Kinderbetreuung. Im Gesundheitsministerium ist man der Auffassung, dass das notfalls möglich ist. Diese Autorin findet das nicht. Auch nicht notfalls.

Anneke Quasdorf

Kinder und Eltern müssen wieder alle zuhause arbeiten. - © Anneke Quasdorf
Kinder und Eltern müssen wieder alle zuhause arbeiten. (© Anneke Quasdorf)

6 Uhr: Mein Wecker klingelt. Wohlgemerkt: Meiner. Nicht der meiner Kinder. Die sollen schön weiterschlafen. Ich habe nämlich den genialen Plan, schon mal zwei Stunden in Ruhe was wegzuarbeiten. Sowieso habe ich viele Pläne, wie wir die kommenden Wochen gut durchstrukturieren können. Sie speisen sich aus den Erfahrungen des Lockdowns im Frühjahr, den Tipps anderer Eltern und Empfehlungen von Lehrern. Das klappt schon.

6 Uhr und 30 Sekunden: Der verstrubbelte Kopf meines Dreijährigen hebt sich aus den Kissen. Gutgelaunt strahlt er mich an und möchte eine Milch. Auf dem Weg in die Küche flüstert er mir aufgeregt zu, warum wir schon mitten in der Nacht aufstehen. Nun...

8 Uhr: Ich wecke die Siebenjährige, immerhin eine von Dreien, die sich an den Plan gehalten hat. Die anderen Mitglieder dieses Haushalts haben in der Zeit gefrühstückt (eine von 12.348 noch vor uns liegenden Mahlzeiten dieses Tages - kommen wir später noch zu), einen Zoo gebaut, vier Mal "Der kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat" gelesen und keine einzige Mail geschrieben.

Je mehr Schlafanzug, desto weniger Motivation

8.30: Wir sind alle angezogen. Das habe ich mir fest vorgenommen: Wir ziehen uns morgens als erstes an. Alle. Auch eine Lehre des Lockdowns: Je mehr Schlafanzug, desto weniger Motivation für Schule. Meine Tochter und ich setzen uns an den Tisch, der Kleine fragt entsetzt, ob wir jetzt etwa arbeiten müssen.

9 Uhr: Ich habe ein wichtiges Telefonat. Meine Tochter hat kein wichtiges Telefonat. Und auch keine Lust, weiter zu rechnen. Stattdessen spielt sich mir gegenüber eine Mini-Revolution ab, die ich erst später bemerke, als ich im Mathebuch ein bleistiftgekritzeltes "dof ales" neben den Tauschaufgaben entdecke. Gerade bin ich zu beschäftigt damit, die Informationen meines Interviewpartners zu nachhaltigen Geldanlagen zu hören und die laut geflüsterten Informationen meiner Tochter zu ihrem geplanten Klogang zu überhören.

9.10 Uhr: Ich entschuldige mich am Telefon, weil ich das laute Gebrüll des Dreijährigen im Nebenzimmer beileibe nicht überhören kann. Ich tröste, puste und wische Tränen ab. Dann stürme ich zurück an den Hörer. Wo waren wir? Waren wir überhaupt schon irgendwo?

Kinder im Lockdown essen immer

9.40 Uhr: Ich googele "Tauschaufgaben". Dass auch ich den Mathestoff der ersten Klasse nicht verstehe, ist für meine Tochter die Berechtigung, den Griffel endgültig fallen zu lassen. Jetzt müssen wir leider ein bisschen streiten.

10 Uhr: Die nächste Mahlzeit steht an. Noch eine Erfahrung vom Frühjahr: Kinder im Lockdown essen immer. Immer. Aber auch hier habe ich Vorkehrungen getroffen, um nicht immer in der Küche stehen zu müssen: ein Snackbüffet, wo beide Kinder alleine dran kommen. Dass der Kleine auf gar keinen Fall alleine dran kommen sollte, offenbart ein kurzer Blick in die Küche. Deshalb war es eben auch so schön still. Ich mache mich ans Putzen. Ob Jens Spahn weiß, wie lange man braucht, um 200 Gramm feuchte, festgeklebte Frühstücksflocken vom Boden zu kratzen?

10.30 Uhr: Wieder ein Telefonat. Ich bitte meine Tochter, kurz den Kleinen zu bespaßen, weil ich diesmal wirklich keine Störung möchte. Erleichtert hopst sie vom Stuhl und düst ins Kinderzimmer. Ich beginne das Gespräch, aber auch diesmal Gequengel und Geheule. Allerdings nicht auf meiner Seite. Mein Gesprächspartner entschuldigt sich, die Kinder und so. Ich winke großmütig ab und sage, dass das doch kein Problem sei. Diese souveräne Darbietung einer voll fokussierten Geschäftsfrau wird allerdings umgehend vor die Wand gefahren, als aus meinem Badezimmer ein lautes "Stinker! Abputzen!" dröhnt.

Konferenz mit Peppa Wutz

11 Uhr: Konferenz. Meine Kinder lieben die Konferenz. Weil sie solange netflixen dürfen, damit ich wenigstens einen einigermaßen professionellen Auftritt am Tag hinlegen kann. Was ich nach dem Vormittag so großartig zur Konferenz beitragen kann, steht auf einem anderen Blatt.

12 Uhr: Wutschreie aus dem Schlafzimmer. Weil sie Peppa Wutz ausmachen müssen. Auch ich habe ein Tief, die Nerven sind nach sechs Stunden ansprechbar sein, immer fünf Dinge gleichzeitig machen, dünn. Der Haufen Arbeit im Nacken, von dem ich nicht weiß, wann ich ihn erledigen kann, stresst mich. Ich arbeite gern. Und ich liebe meine Kinder. So aber werde ich keinem gerecht, kann mich nicht fokussieren. Das stresst mich, macht mich total unzufrieden. Ich schließe die Tür und fange an zu kochen. Ich bin mittlerweile eine Meisterin der Blitzgerichte. Milchreis gibt es nicht mehr. 12 von 12 Mal übergekocht, weil immer etwas war.

13 Uhr: Der Kurze geht Mittagsschlaf machen. Ich nicke leider kurz mit ein, wache aber gottseidank nach acht Minuten wieder auf. Was bin ich froh, denn so können wir endlich weiter Schule machen. So,Ironie aus. Denn an der Stelle kann ich wirklich nicht klagen: Meine Tochter ist meist gut bei der Sache und auch wirklich einsichtig, dass sie die Aufgaben nun mal machen muss. Das ist nicht überall so, und erschwert es Eltern natürlich zusätzlich.

Steckperlen und Bananenreste

14.30 Uhr: Die erste produktive Phase des Tages liegt hinter uns. Wir haben das Schreibschrift-S geübt, Amseleier gemalt und zu guter Letzt sogar Tauschaufgaben verstanden. Damit ist eine Person unserer Bürogemeinschaft für heute fertig. Die andere muss noch einen klitzekleinen 130-Zeilen-Artikel fertig schreiben. Kurz überlege ich, ob die Leser sich nicht auch über ein paar abgedruckte, selbstgemalte Amseleier freuen würden.

15.30 Uhr: Zwei Stunden nach meinem eigentlichen Feierabend klappe ich den Laptop zu. Netterweise haben Kollegen ein paar Aufgaben übernommen, heute abend mache ich den Rest. Der Text ist fertig, ob er gut ist, bezweifle ich. Ist irgendwie schwierig, stringente Gedanken zu Schulschließungen zu verfassen, wenn man gleichzeitig Steckperlen sortieren, Bananenreste abwischen und Tonie hören muss.

20.30 Uhr: Die Kinder schlafen. Sie leben noch. Und morgen erscheint ein Artikel von mir. Ich räume jetzt noch die Wohnung auf, mache die Küche und die Wäsche und koche für morgen vor. Läuft doch, wer braucht schon Zeit für sich? Insofern hat man im Gesundheitsministerium wohl Recht: Arbeiten und Kinderbetreuung gleichzeitig ist möglich. Von gut oder gesundheitsförderlich hat ja keiner was gesagt.

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