Hat die Gütersloher Polizei einem 18-Jährigen bei Einsatz den Arm gebrochen?

Bei einem Streit auf eine Parkplatz zwischen mehreren Parteien greift die Polizei ein. Die Behörde spricht von einem Einsatz von „nicht so hoher Relevanz“, Betroffene indes von massiver Polizeigewalt.

Matthias Gans

Bei dem Einsatz am Elli-Markt in Avenwedde soll ein Polizist sogar einen Schlagstock gezückt haben. Die Polizei selbst spricht hingegen von der Gewahrsamnahme eines „Störers".  - © Andreas Frücht
Bei dem Einsatz am Elli-Markt in Avenwedde soll ein Polizist sogar einen Schlagstock gezückt haben. Die Polizei selbst spricht hingegen von der Gewahrsamnahme eines „Störers".  (© Andreas Frücht)

Gütersloh. Ein Sachverhalt, zwei Sichtweisen: Zu einer Auseinandersetzung zwischen mehr als 20 Personen und dem Einsatz zahlreicher Polizeikräfte kam es am Abend des 22. Dezember am Elli-Markt in Avenwedde. Was sich allerdings genau gegen 20.40 Uhr auf dem Parkplatz des Supermarktes ereignete, darüber gehen die Aussagen auseinander. Ein Beteiligter spricht von massiver Polizeigewalt. Einem 18-Jährigen soll bei dem Einsatz der Arm gebrochen worden sein.

Nach Aussage der Polizei sind die Beamten an diesem 22. Dezember zu dem Supermarkt gerufen worden, um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Familien zu schlichten, an der mehr als 20 Personen beteiligt gewesen sein sollen. Die Beamten seien dabei mit mehreren Einsatzwagen vor Ort gewesen.

Schreckschusspistole und Pfefferspray gefunden

In Folge seien die Personaldaten der Beteiligten aufgenommen und 16 Platzverweise ausgesprochen sowie bei einer Durchsuchung eines Autos auch eine PTB-Waffe (Schreckschusspistole) sowie Pfefferspray gefunden worden. Die Waffe sei beschlagnahmt worden, ferner sei diesbezüglich eine Strafanzeige sowie eine Ordnungswidrigkeitsanzeige wegen Verstoßes gegen die Coronaschutzverordnung gestellt worden.

Diese Aufnahme wurde von einem der Betroffenen beim Einsatz der Polizei am Elli-Markt gemacht. - © Privat
Diese Aufnahme wurde von einem der Betroffenen beim Einsatz der Polizei am Elli-Markt gemacht. (© Privat)

Die versammelten Personen hätten sich nach dem Aussprechen der Platzverweise von dem Parkplatz entfernt. Die Beamten hätten die Situation noch einige Zeit beobachtet, ohne weitere Auffälligkeiten zu registrieren. „Von der Sachlage war das nicht so aufregend und von nicht so hoher Relevanz", begründet die Polizei auf Nachfrage, warum es am nächsten Tag keine Pressemitteilung über diesen Einsatz gegeben habe.

"Die haben uns umzingelt, es war wie in einem Film"

Von dieser Darstellung der Polizei weicht der Bericht des Betroffenen, der sich Heiligabend an diese Zeitung wandte, ab. Dieser gibt an, dass es sich bei dem Vorfall um eine Auseinandersetzung zwischen mehreren jüngeren – zwischen 24 und 30 Jahre alten - Mitgliedern dreier Familien gehandelt habe, die am Vortag in einer Schlägerei in der Stadt mit mehreren Beteiligten gegipfelt habe. Diese hätten ein Treffen zwecks Streitschlichtung auf dem Parkplatz anberaumt. Weitere ältere Mitglieder seiner Familie später dazu gerufen worden mit der Absicht, den Streit zu sachlichen.

Plötzlich sei die Polizei mit sechs Einsatzwagen vorgefahren. „Die haben uns umzingelt, es war wie im Film", so der Familienvater. Einige der 15 bis 20 Einsatzkräfte hätten ein sehr aggressives Verhalten gezeigt, als sie die Ausweise verlangt hätten und ihm mit Festnahme gedroht, weil er seinen Ausweis nicht bei sich geführt habe, sondern aus dem direkt neben ihm stehenden Auto holen wollte.

Schlagstock gezückt?

Seinem Bruder sei das Handy von den Polizisten „aus der Hand gerissen worden", als dieser einen Anruf entgegen nehmen wollte. Ein Polizist habe sogar einen Schlagstock gezückt. „Wir mussten die Polizisten beruhigen", so der Betroffene. „Die haben uns richtig angeschrien."

Drei Polizeibeamte und der Einsatzleiter hätten sich während des Einsatzes auf den 18-Jährigen „gestürzt". Dabei soll dem jungen Mann, der nur rund 50 Kilo wiegen soll, der Arm gebrochen sein. Der 18-Jährige, ein Verwandter des Beteiligten, sei zu dem Treffen nicht eingeladen gewesen und erst später am Parkplatz vorbeigekommen sein. Er habe lediglich nach dem Grund des Geschehens gefragt. Dass der 18-Jährige durch besonders aggressives Verhalten aufgefallen sei, verneint der Beteiligte.

Behandlungsbericht des Klinikums liegt vor

Die Polizei hingegen spricht hingegen von einem „Störer", den man kurzzeitig in Gewahrsam habe nehmen müssen, weil er "durchgehend" die Durchsuchung des Autos, die Beschlagnahmung der Waffe und die Aufnahme der Personaldaten gestört habe. „Anders sei die Durchführung der Maßnahme nicht möglich gewesen", so eine Polizeisprecherin. Dabei unklar ist, ob es sich bei dem „Störer" tatsächlich um den 18-Jährigen handelt. Dass jemand bei dem Einsatz verletzt wurde, sei nicht bekannt.

Dass der Arm gebrochen ist, stellte sich allerdings erst am nächsten Tag im Klinikum Gütersloh heraus. „Der Patient wird vorstellig nach einer vermeintlichen körperlichen Auseinandersetzung mit der Polizei", heißt es in dem Behandlungsbericht. Wegen andauernder Schmerzen hatte der 18-Jährige die Notaufnahme aufgesucht, wo festgestellt wurde, dass der Teil des rechten Ellenbogens (Processus coronoideus) gebrochen war. Als üblicher, wenn auch selten anzutreffender Grund für eine solche Fraktur gilt die Verrenkung des Ellenbogens.

Woher kommt die Waffe?

Der Familienvater kann nicht genau sagen, woher die Waffe kam. Es könne sich dabei um die Waffe eines Freundes des 18-Jährigen handeln, der die Schreckschusspistole aus dem Safe des Vaters mitgenommen habe, ohne dass die anderen Beteiligten davon wussten. Er lehne das ab: „Wenn man Frieden stiften will, kann man nicht mit Waffen kommen."

Nun werde der Anwalt der Familie in den nächsten Tagen eine Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen den Einsatzleiter und die beteiligten Beamten stellen.

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