HarsewinkelWindau sieht sich zu Unrecht mit Tönnies in einen Topf geworfen

Weil in der Fleischindustrie Subunternehmen abgeschafft werden, sieht sich der Fleischveredler aus Harsewinkel ungerecht behandelt - und erwartet deutliche Nachteile für seine Produktion.

Burghard Hoeltzenbein

Zum 1. April wird das Modell der Arbeitnehmerüberlassung in der Fleischbranche weitgehend abgeschafft. - © Pixabay/Symbolbild
Zum 1. April wird das Modell der Arbeitnehmerüberlassung in der Fleischbranche weitgehend abgeschafft. © Pixabay/Symbolbild

Harsewinkel. Wenn Uwe de Weerd und Andreas Hilker auf die nackten Zahlen schauen, dürfen sie sich im Coronajahr 2020 als Krisengewinnler fühlen. Der Geschäftsführer und der geschäftsführende Gesellschafter des Harsewinkeler Wurstherstellers weisen volle Auftragsbücher vor. Produziert wird am Stammsitz an der Rudolf-Diesel-Straße 2 in drei Schichten buchstäblich wie am Fließband. Doch die durch die Pandemie ans Tageslicht gerückten Arbeits- und Lebensverhältnisse vornehmlich der Arbeitnehmer aus Südosteuropa und die Reaktionen der Politik zeitigen nun Konsequenzen in der gesamten Branche. Die beiden Windau-Manager sehen sich da zu Unrecht mit an den Pranger gestellt.

Entsprechend heftig regiert Andreas Hilker auf die nach langem Hin und Her auch von der CDU mitgetragenen Gesetzesänderungen, die den Betrieb im kommenden Jahr zu massiven Umstellungen zwingen. Zum 1. April wird das Modell der Arbeitnehmerüberlassung in der Fleischbranche weitgehend abgeschafft. Für Windau heißt das, etwa 200 Arbeitende vorwiegend aus Rumänien, Moldawien und Polen fest von dem bis dato als Dienstleister auftretenden Subunternehmer Besselmann zu übernehmen. „Das wird eine sportliche Aufgabe", erklärt Uwe de Weerd, der in der Folge von höheren Lohnkosten für die Firma ausgeht.

„Hier werden drei Umstände miteinander verzahnt"

Andreas Hilker räumt ein, dass die Regierung mit der Gesetzesänderung unakzeptable Arbeits-, Unterkunfts- und Lebensbedingungen von Werkvertrags- und Leiharbeitern, ein Ende setze. „Diese Verhältnisse bestehen in Teilen der Fleischindustrie", schränkt er allerdings ein. Windau sieht sich als Lebensmittelveredler zu Unrecht in einen Topf mit Schlachtbetrieben wie Tönnies oder Westfleisch geworfen, in denen im Zuge der Bekämpfung der Pandemie die erschreckenden Zustände in Produktion und Unterkunft sichtbar wurden. „Hier werden drei Umstände miteinander verzahnt und nicht differenziert betrachtet", spricht Hilker von einem Novum, das nur die Fleischwarenindustrie betreffe. „Wenn der Fokus auf das Schlachten und Zerlegen in deutschen Schlachthöfen gerichtet wird, warum werden wir dann in das neue Arbeitsschutzkontrollgesetz mit einbezogen?", fragt er.

Uwe de Weerd (l.) und Andreas Hilker sehen die Firma Windau durch die neue Gesetzgebung benachteiligt. - © Burkhard Hoeltzenbein
Uwe de Weerd (l.) und Andreas Hilker sehen die Firma Windau durch die neue Gesetzgebung benachteiligt. (© Burkhard Hoeltzenbein)

Uwe de Weerd sieht durch die nun verordnete feste Übernahme der Arbeitnehmer vor allem die Flexibilität des Unternehmens eingeschränkt. Die Coronakrise mit ihren Lockdowns gerade im Gastronomiebereich habe dem Wurstproduzenten bis zu 50 Prozent Mehrarbeit bei teils verdoppelter bis verdreifachter Auftragsmenge beschert. Die Konsumenten seien wieder mehr als Selbstversorger unterwegs gewesen. Samstags- und Feiertagsschichten waren und sind angesichts der kurzen Lieferzeiten von 24 Stunden im Inland und 48 Stunden innerhalb der Europäischen Union seit Monaten an der Tagesordnung. Der hohe Ausstoß sei nur mit kurzfristig verfügbarem Personal zu schaffen.

„Unsere Branche ist ja nicht wirklich sexy"

Andererseits sieht er in den neuen Regelungen auch eine Chance, Arbeitnehmer langfristig an sich zu binden. „Unsere Branche ist ja nicht wirklich sexy", spricht er über die Nachwuchssorgen, weil kaum noch jemand in die Metzgerlehre gehe. Die Engpässe würden nur durch die Bereitschaft der Osteuropäer gelindert, die solche Jobs überhaupt annähmen.

„Die verdienen hier deutlich mehr als zuhause und haben einen anderen Lebensstandard", sagt Hilker. Immerhin erhalten etwa 130 der 200 Arbeitnehmer des Subunternehmers bei Windau mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Bei der Jahresprämie, bei der die Festangestellten von Windau für ihren Einsatz eine beachtliche steuerfreie „Extrawurst" verdienten, wird der Unterschied allerdings deutlich. Besselmann zahlte gerade 200 Euro.

„Der Kilopreis liegt noch bei 1,19 Euro"

Der Mindestlohn könnte nach dem Geschmack von de Weerd grundsätzlich höher liegen. „Aber das müsste dann für alle gelten, sonst kommen wir bei dem Preisdruck auf dem Markt gegen die Konkurrenz nicht an." Zudem träten auch branchenfremde Mitbewerber wie Amazon als Rivalen um Arbeitskräfte aus dem Niedriglohnsektor auf. „Wir sind gezwungen, Betriebsabläufe durch Automatisation weiter zu optimieren, weil wir die Leute nicht mehr kriegen", so de Weerd. Dieser Zwang ziehe hohe Investitionskosten nach sich.

Angesichts der völlig unterschiedlichen Interessenlagen, Betriebsstrukturen und Marktmacht der einzelnen Mitspieler im Fleisch- und Wurstmarkt wäre „ein gemeinsamer, vernünftiger Dachverband", der die Interessen bündele und ausgleiche, für de Weerd ein Wunschtraum. Denn den Kilopreis für Fleisch, der den Bauern kaum Luft lasse, bestimmten Branchenriesen wie Tönnies. Pro Schwein mit einem Schlachtgewicht von 100 Kilo hätten die Landwirte binnen eines Jahres 20 Euro verloren. „Der Kilopreis liegt noch bei 1,19 Euro", sagt er. Andererseits drückten die Discounter die Preise für veredelte Fleisch- und Wurstwaren. Erst langsam finde ein Umdenken statt.

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