Kampf um Leben und Tod auf der Corona-Intensivstation

Bericht von der Covid-Intensivstation des Franziskus-Hospitals: Wo Pfleger und Ärzte mit ihrem Können der jüngsten Geißel der Menschheit trotzen. Das kostet viel Kraft – und die Personal-Reserve schwindet.

Stefan Becker

In voller Montur arbeiten Rebecca Niehage (links) und Chiara Rotte in einem Isolierzimmer der Intensivstation. | - © Franziskus Hospital / Veit Mette
In voller Montur arbeiten Rebecca Niehage (links) und Chiara Rotte in einem Isolierzimmer der Intensivstation. | (© Franziskus Hospital / Veit Mette)

Bielefeld. Auch im Franziskus Hospital arbeitet das Pflege-Personal am Limit. Jeder weitere Covid-Kranke auf der Intensivstation kostet den einzelnen noch mehr Kraft und bindet zugleich Kräfte, die an anderer Stelle oder in anderen Abteilungen auf keinen Fall fehlen dürfen. "Wir haben ja auch noch andere Patienten", sagt Dr. Heiko Schotte lakonisch. Als Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin wacht er mit seinem Team auch über die Situation auf der interdisziplinär arbeitenden Intensivstation, koordiniert die Bettenvergabe für die Schwerkranken.

Fünf schwere Corona-Fälle liegen derzeit auf der Intensivstation des Hauses: Vier Patienten befinden sich im künstlichen Koma und werden invasiv beatmet; ein Patient holt noch selbstständig Luft, trägt dabei aber eine Art Überdruckhelm, durch den mehr Sauerstoff in die entzündete Lunge gelangt. Es ist ein leiser Kampf um Leben und Tod, der sich rund um die Uhr in den Zimmern abspielt und von den Pflegerinnen und Pflegern alles fordert. Bis hin zum Händchenhalten mit den infektiösen Schutzbefohlenen.

Durch die Schleuse ins Zimmer

Doch vor dem Betreten eines Covid-Krankenzimmers komme erst der Schritt in die Schleuse, erklärt Katrin Lummer. Die 57-jährige Pflegerin arbeitet schon ihr ganzes Berufsleben hinter den milchglasigen Schiebetüren der Intensivstation im ersten Stock des Krankenhauses. Die erste Herausforderung im Handling des Covid-Virus' sei die Konzentration auf die anfallenden Arbeiten: "Wer erst im Zimmer des Patienten bemerkt, dass etwas fehlt, kann ja nicht einfach wieder zurück gehen und die Sachen holen", sagt Stations-Leiterin Lummer.

 

Sie managen die Intensivstation des Franziskus-Hospitals: Prof. Dr. Heiko Schotte und Pflege-Teamleiterin Katrin Lummer. - © Franziskus Hospital / Markus Adams
Sie managen die Intensivstation des Franziskus-Hospitals: Prof. Dr. Heiko Schotte und Pflege-Teamleiterin Katrin Lummer. (© Franziskus Hospital / Markus Adams)

Pro Schicht kümmern sich fünf Pflegekräfte um die Patienten. Sie arbeiten elf Tage hinter einander weg, dann gibt es drei Tage frei. Normalerweise. Wegen der momentanen Situation würden freie Tage oder Urlaube auch schon mal verschoben und Teilzeitkräfte zur Mehrarbeit animiert. Die Lage sei sehr ernst, sagen Arzt und Schwester, die manche Arbeiten am Patienten nur gemeinsam praktizieren dürfen.

Wie zum Beispiel das regelmäßige Umlagern eines Beatmeten im Schlafmodus. Dann schlucke die Schleuse nacheinander drei Mitarbeiter und entlasse sie weiß vermummt zum Patienten. Alle drei müssen dann entschlossen wie empathisch mit anpacken, damit die Drehung gelingt und die vielen im Körper befindlichen Sonden und Katheter sowie der Tubus fest an ihren Plätzen bleiben.

Reden mit dem betäubten Patienten

"Je nach Pflegebedarf sind wir manchmal zwei Stunden bei einem Patienten - danach schwimmen wir im eigenen Saft", schildert Lummer den körperlich wohl anstrengendsten Nebeneffekt der luftdichten Schutzkleidung. Mit dem Patienten werde dann die ganze Zeit über geredet, ihm alles erklärt, was gerade gemacht werde, ob draußen die Sonne scheine, oder die Arminia immer noch auf ihren zweiten Dreier warte. Auch die Reinigungskräfte würden mit den Patienten sprechen, sagt Chefarzt Schotte. Das sei ebenfalls Teil der Therapie, die medikamentös mittlerweile leichte Fortschritte mache.

Das sah im Frühjahr noch anders aus. Damals wusste keiner, welche Arznei den Kranken wirklich helfen könnte. Heute setzen die Bielefelder auf die Gabe des potenziellen Viren-Killers Remdesevir, dazu Cortison, den Klassiker der Entzündung-Stopper, sowie Gerinnungs hemmende Präparate, weil Covid offenbar auch das Blut manipuliert. Haben Katrin Lummer oder eine Kollege die Medikamentengabe kontrolliert, frische Zugänge gelegt oder noch etwas Blut abgenommen zum Kontrollieren der Sauerstoffsättigung, beginnt der kontrollierte Rückzug inklusive vorsichtigem Entfernen der jetzt kontaminierten Schutzkleidung in der Schleuse. Schritt für Schritt.

Schweißtreibende Arbeit

Die sechs Quadratmeter kleine Zelle bietet ein Spülbecken zum Entleeren aller in Beuteln eingesammelten Körperflüssigkeiten wie Lungensekret oder Urin und verfügt über reichlich Desinfektionsmittel zum Reinigen der eingeschleusten Proben-Röhrchen. Zwischen den Regalen voller Kartons mit Kitteln, Helmen und Handschuhen erfolgt das sukzessive Entkleiden. Auch wenn es ganz simpel klinge, sei es doch ein kritischer Moment sagt Pflegedienst-Leiter Markus Adams. Schon eine Unachtsamkeit bedeute die Kontamination.

Die Schutzkleidung besteht aus Overall samt Handschuhen, Maske und Visier. - © Franziskus Hospital / Veit Mette
Die Schutzkleidung besteht aus Overall samt Handschuhen, Maske und Visier. (© Franziskus Hospital / Veit Mette)

Bei einem Treffen sei mit den Kollegen über die Ängste rund um das Corona-Virus gesprochen worden, so Adams. Dabei habe die Sorge einerseits den Großeltern gegolten, die bloß nicht anzustecken, und andererseits den Covid-Patienten, am Krankenbett bloß nichts falsch zu machen. Der Körper schwitzt, die Seele schwitzt, die Pflege der Corona-Kranken ist eine Schweiß treibende wie erschöpfende Aufgabe. Und die Zahl der Patienten nimmt weiter zu. Im Franziskus Hospital liegen 21 Patienten auf der Isolierstation und 5 in Intensiv-Betten.

Zahl der Infektionen steigt

Für alle Krankenhäuser in Bielefeld meldete die Stadt mit Stand vom Sonntag 110 Covid-Patienten, von denen 38 auf den Intensivstationen behandelt und 23 künstliche beatmet werden. Was für den Körper eine mächtige Strapaze sei, sagt Chefarzt Schotte. Im günstigsten Fall dauere die Beatmung nur Tage und der Patient würde den Prozess aktiv unterstützen. In einem ungünstigen Fall könnte sie sich über Wochen erstrecken und der Patient müsste danach wieder selbstständig atmen lernen. Aber er würde leben. Das sei aber leider nicht allen Covid-Kranken vergönnt. So habe es auch junge Menschen mit extrem schweren Verläufen gegeben, die selbst die Spezialkliniken nicht hätten retten können.

Während Katrin Lummer an diesem Tag in einer der Schleusen verschwindet und sich den Covid-Patienten widmet, kümmern sich ihre Kollegen um die anderen Kandidaten wie frisch Notoperierte, weil es trotz Corona immer noch Blinddarm-Entzündungen gibt oder Opfer von schweren Auto-Unfällen. Auch Herzinfarkte oder Schlaganfälle gehören zur täglichen Routine, sagt das Trio und noch könne man allen Anforderungen gerecht werden. "Wir halten noch 22 Betten samt Beatmungsgeräten in Reserve", sagt Chefarzt Schotte, technisch sei man gerüstet - bloß personell werde es langsam eng. Und die Kranken-Zahlen steigen weiter.

 

Info

Das DIVI-Intensivregister


• Die Bielefelder Krankenhäuser sind laut Gesetz täglich dazu verpflichtet, bis zum Mittag die Belegung der Intensivstationen zu melden. Die Daten gehen ein in das DIVI-Intensivregister des Robert-Koch-Instituts. Auf Karten und Listen zeigt die bundesweite Statistik die Situation in den einzelnen Kommunen und Kreisen - Kennziffern sind zum Beispiel die verfügbare Gesamtbettenzahl und die daran gekoppelte technische Ausstattung. So unterscheidet das Register zwischen der Standard-Variante "Low-Care" und dem Typ "High-Care", an das ein Beatmungsgerät angeschlossen ist, sowie Betten mit der hoch spezialisierten ECMO-Technik, die unter anderem bei einem akuten Lungenversagen zum Einsatz kommt. Solche Therapie-Plätze bietet in Bielefeld nur das Klinikum Mitte.

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