Warum es eine Bielefelderin bereut, ihren Vergewaltiger angezeigt zu haben

Die 33-Jährige leidet unter der Verfahrensdauer, die Vernehmung vorm Angeklagten wird zur richtigen Qual. Dass Juristen den Betroffenen von einer Therapie vor dem Urteil abraten, stößt auf viel Kritik.

Jens Reichenbach

Für Vergewaltigungsopfer (Symbolbild) hört das Trauma der Tat nach der Anzeige noch lange nicht auf.  - © Maik Goering/Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes
Für Vergewaltigungsopfer (Symbolbild) hört das Trauma der Tat nach der Anzeige noch lange nicht auf.  (© Maik Goering/Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes)

Bielefeld. Nina B. (Name geändert) war Ende November 2018 zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Die Feier war lang, etliche Erwachsene feierten mit.

Als sich die 33-jährige Bielefelderin im Wohnzimmer der Nachbarwohnung schlafen legen wollte, wurde ein anderer Gast handgreiflich, nötigte und vergewaltigte die Bielefelderin. Nina B. wehrte sich nach allen Kräften, schließlich warf er sie wütend gegen die Tür. B. zeigte ihn später an. Die folgenden zwei Jahre wurden für sie zur Qual.

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Psychosoziale Prozessbegleitung beim Frauennotruf Bielefeld

Die Opferfibel der Justiz

„Weil ich mich gegen ihn gewehrt hatte, habe ich es damals den Anschein erwecken können, dass ich erhobenen Hauptes nach Hause gegangen bin. Ich habe gedacht, Du kriegst mich nicht klein." Es passierte dennoch. „Ich bereue, dass ich damals den Täter angezeigt habe", sagt die Bielefelderin heute. „Mit der Anzeige wurde ich zur Marionette in meinem eigenen Verfahren."

"Ich hatte Angst, dem Mann zu begegnen"

Das Verfahren war mit der Strafanzeige nicht mehr zu stoppen, die Behörden ermittelten. Was Nina B. damals nicht ahnte, dass es zwei Jahre dauern würde, bis der Beschuldigte auf der Anklagebank sitzen würde. Die Tat wurde für das Opfer in dieser Zeit immer wieder neu belebt. Eine psychische Tortur.

Die erste Polizeivernehmung des Verdächtigen fand zwei Monate nach der Tat statt. Er stritt alles ab. „Das hat mich damals sehr aufgeregt. Ich hatte Angst vor ihm. Ich hatte Angst, dem Mann zu begegnen." Es war der erste von zahlreichen Vorfällen, die die Gefühlslage der Bielefelderin akut verschlimmerten. Sie zog 2019 sogar weg, um dem Mann nicht mehr begegnen zu müssen.

Als er im Heimatland festsaß, wurde der Prozess erneut verschoben

Kurz vor Weihnachten traf dann das erste Mal Post von der Justiz ein: „Wirklich der falsche Zeitpunkt. Alles kam wieder hoch." Im März 2020 sollte der Prozess endlich starten, musste aber wegen der Befangenheit eines Prozessbeteiligten wieder abgebrochen werden.

Durch die Corona-Einschränkungen ist es laut B.s Anwältin Heidi Saarmann inzwischen normal, dass ein Verfahren ein Jahr dauert, wenn es keine dringende Haftsache ist. Im Fall von Nina B. erkannte die Staatsanwaltschaft beim Beschuldigten keine Fluchtgefahr.

Als er doch für längere Zeit in seinem Heimatland blieb und die Rückkehr wegen der Pandemie nicht möglich war, wurde das Verfahren weiter verschoben. Nun wurde doch ein Haftbefehl ausgestellt. Kurz nach seiner Festnahme am Flughafen, war er aber wieder frei.

Verfälschung der Erinnerungen? Juristen raten vor dem Urteil von einer Therapie ab

Für Nina B. war jede dieser Nachrichten eine Rückkehr der schlimmen Erinnerungen: „Ich habe eigentlich ein ganz gutes Handwerkszeug, um das Erlebte emotional zu verarbeiten und wegzustecken. Aber ich durfte ja nichts vergessen, ich musste ja noch aussagen", sagt die 33-Jährige.

Melanie Rosendahl vom Frauennotruf fordert ein Umdenken der Justiz, um den Opferschutz mehr im Fokus zu haben. - © Christian Weische
Melanie Rosendahl vom Frauennotruf fordert ein Umdenken der Justiz, um den Opferschutz mehr im Fokus zu haben. (© Christian Weische)

Tatsächlich raten Juristen den Opfern von Sexualstraftaten von einer verarbeitenden Traumatherapie vor Ende des Prozesses ab. Das verfälsche die Erinnerungen und gefährde damit das Verfahren. Melanie Rosendahl vom Frauennotruf kennt diese Forderung: „Richter wie Anwälte raten, die Patientin therapeutisch nur zu stabilisieren."

Aus Sicht der Psychologin ist das absurd: „Einem Opfer mit einer körperlichen Verletzung würde niemand zumuten, seine Wunde offenzulassen." Durch diese Praxis stünden viele Frauen vor der schwierigen Überlegung: Ist die juristische Verfolgung der Tat wichtiger oder meine psychische Genesung?

"Warum muss ich vor fünf Männern im Gericht über mein Sexualleben reden?"

Nach Angaben von Rosendahl verzichten einige Betroffene tatsächlich auf eine Anzeige. „Wir raten nicht dazu. Aber für uns ist das okay." Dennoch müsse sich die Betroffene klar machen, wie sie in Zukunft damit umgehen könne. „Was ist mit Begegnungen mit dem Täter? Was ist in vier Jahren?" Eine Strafanzeige könne auch Entlastung sein, weil damit die Verantwortung an die Behörden abgegeben werde.

Das spürte Nina B. nicht. Im Gegenteil. Die Belastung wurde immer größer. Die erneute Konfrontation mit dem Angeklagten im Gerichtssaal des Amtsgerichtes löste bei der 33-Jährigen im November größten Stress aus. Als sich dann auch noch herausstellte, dass der Dolmetscher nicht ausreichend Englisch verstand und die Bielefelderin deshalb dreieinhalb Stunden im Opferschutzzimmer des Gerichts ausharren musste, war es um ihre Psychische Stabilität geschehen.

Ihre Gedanken flogen, die Erinnerungen waren blockiert, die Fragen der Richterin unangenehm. „Warum muss ich im Gerichtssaal mit fünf Männern sitzen und vor dem Täter Fragen über mein Sexualleben beantworten?" Sie sei so unsicher geworden, „dass ich mir selber nicht mehr geglaubt hätte", sagt B. über ihre Eigenwahrnehmung.

Nach dem Urteil war Nina B. völlig erschöpft

Ihre Anwältin, Heidi Saarmann, spricht hier vom Preis der Rechtsstaatlichkeit. „Niemand erwartet, dass sich Zeugen an alles erinnern. Ist es aber zu wenig, droht ein Freispruch. Denn ein Gericht darf nur verurteilen, wenn es überzeugt ist." Am zweiten Prozesstag legte der Angeklagte ein Geständnis ab. Nicht zuletzt deshalb wurde er zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Nina B. erhält ein Schmerzensgeld von 600 Euro. Die 33-Jährige reagierte erleichtert. Dennoch ist sie inzwischen so erschöpft, dass sie auf die mögliche Zivilklage verzichten wird.

Melanie Rosendahl betont, dass manche Opfer vor Gericht erneut Traumata (Retraumatisierung) erfahren. Sie fordert daher ein strukturelles Umdenken in der Justiz. Denn zum Schutz der Opfer gebe es bereits Möglichkeiten, die es nur anzuwenden gelte – etwa richterliche Vernehmungen außerhalb des Gerichtssaals.

Im Dezember 2019 erlaubte der Gesetzgeber sogar richterliche Videovernehmungen auch für erwachsene Opfer von Sexualstraftaten. Diese Videos könnten im Prozess die neuerliche Aussage des Opfers ersetzen. Die Justiz will damit Mehrfachvernehmungen vermeiden und die Gefahr einer Mehrfachviktimisierung minimieren.

Eine geschützte Befragung wäre eine Ermutigung, Anzeige zu erstatten

Nina B. fordert: „Wenn die Befragung nicht vorm Täter stattfinden muss, wäre das ein angemessener Schutz, der jedem Opfer helfen würde. Es wäre eine Ermutigung, sich eine Anzeige zu trauen."

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