Bielefelder Domina Madame Kali spricht über Sexarbeit in Corona-Zeiten

Die Pandemie trifft die Erotikbranche hart. Domina Madame Kali erzählt, wie sie mit Telefonsex ihren Lebensunterhalt finanziert und warum die Schließung von Bordellen Prostituierte in die Illegalität treibt.

Jessica Eberle

Domina Madame Kali erzählt, wie sie trotz Kontakt-Beschränkung ihren Lebensunterhalt finanziert. - © Barbara Franke
Domina Madame Kali erzählt, wie sie trotz Kontakt-Beschränkung ihren Lebensunterhalt finanziert. (© Barbara Franke)

Bielefeld. Madame Kali sitzt lässig auf den Treppenstufen des Theaters am Alten Markt. Ihr Lippenstift passt zu ihrem roten Samtmantel mit Fellbesatz. Darunter trägt sie ein geschnürtes Oberteil und eine schwarze Leggings mit Lederapplikationen.

„Ich werde jetzt keine Statements in Richtung Herrin und Sklaven abgeben. Das Kopfkino müssen sich die Leser woanders holen", sagt Madame Kali. Sie ist tantrische Domina. Tantra ist eine Praktik aus Indien, bei der Sexualität als Mittel zur Selbstwahrnehmung dient.

Madame Kali ist vorbereitet auf Pressetermine wie diese. Bei diversen Medien war sie schon zu Gast, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Wie alle anderen Sexarbeiterinnen kann sie ihren Job in diesen Zeiten nicht ausüben. Zumindest nicht so, wie sie es gewohnt ist. Ihren Lebensunterhalt finanziert sie momentan mit Telefonsex und Chats: „Es ist ein kleines Taschengeld, aber viele Praktiken kann ich momentan einfach nicht anbieten", sagt sie.

„Viele sind schon im ersten Lockdown durchs Raster gefallen"

Bereits das zweite Mal müssen Bordelle und andere Einrichtungen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, schließen. Mitte September konnte Madame Kali zuletzt wieder ihr Studio in Betrieb nehmen. Ein paar Wochen später, Anfang November, ist ihr Studio wieder dicht.

Von Sadomaso über Tantra bis hin zu Sex hat die Bielefelderin hier erotische Dienstleistungen angeboten. Ganz nachvollziehen kann sie die Schließungen nicht: „Wir haben hier keine Massenaufläufe, sondern nur 1:1 Kontakte. Es ist eine Atemwegskrankheit, keine Geschlechtskrankheit", sagt Madame Kali. Auch das erstellte Hygienekonzept mit Maske tragen, Lüften und Desinfizieren hätte gut funktioniert.

Die Existenz vieler Sexarbeiterinnen ist bedroht

Die Bielefelderin demonstrierte schon vor dem Düsseldorfer Landtag, um gegen die Schließungen zu protestieren. Sie fordert Gleichberechtigung im Sinne von Wiedereröffnungen von körpernahen Dienstleistungen. Madame Kali sieht die Existenzen vieler Sexarbeiterinnen bedroht:

„Viele sind schon im ersten Lockdown durchs Raster gefallen und haben keine staatliche Hilfe bekommen", bemängelt sie. Darunter etwa Frauen mit Roma-Hintergrund. Für sie und andere Sexarbeiterinnen setzt sich Madame Kali ein, die dem Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen angehört und Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit leistet.

„Lieber in Strapse rekeln als Bandarbeit"

Prostitutionsgegner hätten die Coronakrise zum Anlass genommen, Debatten über die Legitimation von Sexarbeit wieder an die Öffentlichkeit zu tragen: „Wir können Prostitution nicht verbieten, solange es dieses kapitalistische System gibt", sagt die Bielefelderin. Müssten Bordelle und andere Einrichtungen schließen, würde das Prostituierte nur in die Illegalität treiben, erklärt sie.

Die Sexarbeiterin räumt ein, dass es etliche Leute gibt, die in der Sexarbeit fehl am Platz seien: „Für diese Leute brauchen wir Alternativen. Wir geben ihnen aber keine." Die diplomierte Erziehungswissenschaftlerin hat während ihres Studiums selbst am Band gearbeitet, um sich Geld anzusparen. Sie fragt: „Wer wundert sich über die hübsche, rumänische Frau, die sich lieber mit Strapshalter auf der Chaiselongue rekelt, als in einer Fabrik für drei Euro die Stunde zu schuften?"

Nach ihrem Studium stieg die Sexarbeiterin nicht direkt ins Erotikgeschäft ein, sondern arbeitete in verschiedenen sozialen Einrichtungen, unter anderem mit Menschen mit Behinderung: „Ich hab zwar immer Ausflüge in die Rotlicht-Szene gemacht, mich aber nicht getraut." Im Jahr 2015 steigt sie dann doch in die Erotikbranche ein. Aus Interesse, aber auch weil sie endlich einen vernünftig bezahlten Job haben wolle, sagt sie. Für die Domina war es die beste Entscheidung: „Ich verzaubere gerne. Es macht mir Spaß, jemanden so weit in diese erotische Welt zu kicken, dass die Person alles um sich herum vergisst," sagt sie.

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