Verboten, aber: So innovativ könnte der Unterricht an einer Schule sein

Seit Wochen arbeiten drei Pädagogen an einem völlig anderen Konzept von Schule, das nicht nur in Coronazeiten funktioniert, sondern auch in der Zukunft. Aber die Vorgaben der Landesregierung bremsen alles aus.

Anneke Quastdorf

Digitaler Vorreiter: Am Gymnasium Harsewinkel könnte Unterricht zur Zeit bereits auch digital, chancengerecht und mit hohem Infektionsschutz laufen. Aber das Land gibt Präsenz vor. - © Burkhard Höltzenbein
Digitaler Vorreiter: Am Gymnasium Harsewinkel könnte Unterricht zur Zeit bereits auch digital, chancengerecht und mit hohem Infektionsschutz laufen. Aber das Land gibt Präsenz vor. (© Burkhard Höltzenbein)

Harsewinkel/Bielefeld. Distanz, Präsenz, Hybrid, Wechsel - welchen Unterricht brauchen Schulen wirklich in dieser verrückten Zeit? Während die Landesregierung Anwesenheit diktiert, machen sich viele Einrichtungen Gedanken über Alternativen. Auch das Gymnasium Harsewinkel hat - ähnlich wie die Stadt Solingen - ein mögliches Konzept in der Schublade. Allein - anwenden darf es die Ideen nicht.

Zuordnen lässt sich das Szenario in keine der derzeit häufig verwendeten Kategorien - und das ist in den Augen seiner Erfinder auch die große Stärke. "Es gibt dabei keine starren Anwesenheiten in der Schule, aber eben auch keinen ausschließlichen Distanzunterricht zuhause", sagt David Tepaße, stellvertretender Schulleiter. "Weil das auch überhaupt nicht nötig ist."

Denken Schule digital: Lars Zumbansen, didaktischer Leiter, und David Tepaße (r.), stellvertretender Schulleiter am Gymnasium Harsewinkel. - © privat
Denken Schule digital: Lars Zumbansen, didaktischer Leiter, und David Tepaße (r.), stellvertretender Schulleiter am Gymnasium Harsewinkel. (© privat)

Gemeinsam mit seinem Kollegen Lars Zumbansen, didaktischer Leiter der Schule und Patricia Drewes, didaktische Leiterin am Stiftischen Gymnasium Bethel in Bielefeld, hat er das Konzept in den vergangenen Wochen entwickelt. Es fußt auf den Erfahrungen der vergangenen acht Monate, aus denen die drei Pädagogen viel gelernt und mitgenommen haben. Und nutzt die Möglichkeiten, die sich die digital sehr gut aufgestellten Schulen in den vergangenen Jahren erarbeitet haben.

Die Kleinen sind immer in der Schule

Dritte im Entwicklerteam: Patricia Drewes ist didaktische Leiterin am Öffentlich-Stiftischen Gymnasium Bethel in Bielefeld. - © privat
Dritte im Entwicklerteam: Patricia Drewes ist didaktische Leiterin am Öffentlich-Stiftischen Gymnasium Bethel in Bielefeld. (© privat)

Grundlage Nummer eins: Die Jahrgangsstufen 5 und 6 und die Abiturjahrgänge bleiben gar nicht zuhause, sondern sind immer in der Schule. "Die Kleinen können das einfach noch nicht, die brauchen Anleitung, Struktur, stetigen Kontakt", sagt Zumbansen. "Und die Oberstufe kann so eng begleitet auf den Abschluss vorbereitet werden."

Die Stufen 7 bis 10 aber lernen in einem rollierenden System aus Distanz- und Präsenzunterricht abwechselnd zuhause und in der Schule. Zuhause erarbeiten sie Inhalte in engem, digitalen Kontakt zu Lehrern. Vertieft und in der Runde diskutiert werden die Aufgaben dann wieder in der Präsenzphase in der Schule.

Der große Vorteil beim Thema Infektionsschutz: Die Schüler und Lehrer, die vor Ort sind, haben durch die Abwesenheit der vier Jahrgänge reichlich Platz und Möglichkeiten, Abstand zu halten, Gruppen zu verkleinern und zu trennen, Strukturen aufzulockern.

Vier Jahrgänge zuhause

Der große Vorteil beim Thema Bildungsauftrag und Chancengleichheit: Durch die Abwesenheit von vier Jahrgängen werden viele Ressourcen auf Seiten der Lehrer frei. "Bei uns lernen die Schüler, eigenverantwortlich zu arbeiten - und vor allem: asynchron", sagt Zumbansen. Sprich: "Alle machen immer gleichzeitig das Gleiche" ist ein Stück Lehrplan, das in Harsewinkel schon lange vom Tisch ist. "Deshalb haben wir wesentlich mehr Räume, die Schüler zum Beispiel in 1:1-Videochats zuhause engmaschig zu begleiten", so Zumbansen.

Doch auch vor Ort sind mehr Möglichkeiten da, mit den Schülern zu arbeiten. Neben dem Unterricht in den Klassenräumen sollen Study Halls und Rooms eingerichtet werden, in die sich Schüler der Oberstufe einbuchen können. Hier stehen Handapparate mit Büchern und anderen Materialien bereit, außerdem können Endgeräte der Schule genutzt werden. Begleitet werden die Schüler von Lehrern, die als Ansprechpartner und Aufsicht bereitstehen. "Außerdem können die Klassenleitungen im Falle besonderer Förderbedarfe oder Probleme bei der Selbstregulierung Schüler verpflichtend in die Study Hall einbestellen", sagt David Tepaße.

Teilweise sind das alles Prozesse, die im Lockdown bereits ausprobiert wurden, teilweise wird so aktuell noch immer gearbeitet. "Wir haben hier in Harsewinkel die erste Stunde immer in Distanz, um die Fahrgastzahlen in den Bussen zu entzerren." Da endet die Freiheit des alternativen Unterrichts aber auch schon. Denn das Schulministerium hat per Verordnung ganz klar die Botschaft ausgegeben: Es wird Präsenzunterricht erteilt - bis wirklich alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Und das gilt für alle Schulen, ganz egal, wie gut sie digital ausgestattet oder aufgestellt sind.

Handeln erst möglich, wenn es zu spät ist

Heißt: Alternativmodelle werden erst möglich, wenn aufgrund von Corona-Infektionen oder Quarantänezahlen kein regulärer Schulbetrieb mehr möglich ist. Patricia Drewes umschreibt es anders: "Dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist." Denn im Fall einer geschlossenen Schule ist das Harsewinkler/Bielefelder Konzept nicht mehr möglich. "Dann werden Schulen wieder zu den leeren Gebäuden wie im Lockdown. So weit darf und braucht es ja aber gar nicht erst zu kommen."

Wie Notfall-Schule geht, hat gerade eine andere Einrichtung getestet. Am Dienstag schickte das Immanuel-Kant-Gymnasium in Heiligenhaus alle Schüler nach Hause und unterrichtete probehalber rein digital per Videokonferenz. "Uns war es wichtig, auszuprobieren, ob unser Plan funktioniert", sagt der stellvertretende Schulleiter Dirk Wirtz. Genutzt hatte die Schule für den Versuch einen pädagogischen Tag. "Statt nur die Lehrer fortzubilden, haben wir aber einfach alle gewissermaßen zur Fortbildung geschickt."

Das Fazit: Gut. "Wir führen gerade noch eine Umfrage unter Schülern, Lehrern und Eltern durch. Aber wir fühlen uns für den Notfall gerüstet." Allerdings auch nur dafür. "Diese Form des gestreamten Unterrichts ist sehr anstrengend. Und man muss sich definitiv ganz anders vorbereiten." Deswegen unterrichtet man in Heiligenhaus auch so lange in Präsenz und voller Klassenstärke, wie es geht. Für Lars Zumbansen aus Harsewinkel logisch: "Diese Form von Unterricht kann man in unseren Augen nur machen, wenn es nicht anders geht. Unser Konzept zeigt ja aber: Es geht auch anders."

Solingen hofft noch auf Zustimmung

Auch die Stadt Solingen wollte es gern anders machen. Und wurde mit einem eigens entwickelten Modell zur Halbierung der Klassen von der Landesregierung ausgebremst. Hier hofft man immer noch darauf, dass Düsseldorf noch die Zustimmung gibt. "Hier stehen alle Schulen geschlossen hinter dem Konzept", sagt eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage. "Wir halten das für den einzig sinnvollen Weg in dieser Situation."

Dieser Meinung ist man auch an den beiden Gymnasien in Harsewinkel und Bielefeld. "Die Rede ist ja immer von Chancenlosigkeit", sagt Patricia Drewes. "Letzten Endes werden gerade aber auch den gut ausgestatteten und fitten Schulen Chancen verwehrt. Nämlich die, innovative, zukunftsorientierte Ideen auszuprobieren, von denen andere Schulen ja auch profitieren könnten."

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