Katzenplage in Marienfeld bringt Entsorger und Tierschützer an Grenzen

Tierschützerin Petra Kulik fängt bei der Firma Reiling 50 Katzen ein. Wohin mit ihnen? Tierärztin Elke Meyer-Wilmes plädiert dafür, kastrierte Katzen in die gewohnte Umgebung zurückzubringen.

Burkhard Hoeltzenbein

Da sich nicht alle an die Kastrationspflicht halten, haben sich die Tiere in Harsewinkel explosionsartig vermehrt. - © Pixabay/Symbolbild
Da sich nicht alle an die Kastrationspflicht halten, haben sich die Tiere in Harsewinkel explosionsartig vermehrt. (© Pixabay/Symbolbild)

Harsewinkel. Nachts, wenn alle Katzen grau sind und es still wird auf dem Hof des Recyclingunternehmens Reiling in Marienfeld an der Max-Planck-Straße, wenn die klirrenden Glasschütten verstummen, die dröhnenden Sortierbänder stillstehen und die brummenden Lastwagen geparkt sind, kommen sie aus ihren Verstecken. Eine kleine Armee verwilderter Katzen hat sich hier zwischen Glascontainern und Plastikbergen aus geschredderten PET-Kunststoffflaschen eingenistet und vegetiert mehr schlecht als recht zwischen den Bergen von wiederverwertbarem Müll unserer Konsumgesellschaft dahin.

Auf das Los der Leisetreter wurde Petra Kulik aufmerksam, nachdem ein junges Ehepaar im Sommer „Tatzenalarm" schlug. Denn die Katzen leben hier alles andere als wie die Maden im Speck. Kulik, Vorsitzende des Tierschutzvereins Gütersloh und Umgebung, der auch das Tierheim in Gütersloh führt, kennt die Schicksale der kleinen Tiger. 51 „Niemandskatzen" haben sie und das Ehepaar zwischen Juni und September jeweils an Sonntagen mit speziellen Fallen eingefangen. Jetzt sind die Aufnahmekapazitäten im Tierheim komplett erschöpft. „Zehn bis zwölf rennen dort noch herum", schätzt Kulik. Jede Katze wird untersucht, entwurmt und kastriert. Pro Tier sind das 100 Euro Kosten.

Verein ringt mit finanzieller Belastung

Für den Verein, der von Spenden lebt, ist die aktuelle Situation räumlich und finanziell eine starke Belastung. „Die meisten sahen sogar noch ganz manierlich aus", war die Tierschützerin selbst vom Allgemeinzustand positiv überrascht. Doch Krankheiten und Würmer setzen den verwahrlosten Vierbeinern zu. „Der Hunger ist der größte Feind", sagt Kulik. Wenn der Bestand zu groß wird und alle auf die Ratten- und Mäusejagd gehen, werde schnell das Futter knapp.

Zudem wurden die im April geborenen Katzen und Kater nach nur vier Monaten geschlechtsreif. Brutale Revier- und Vertreibungskämpfe haben begonnen. Und die Population steigt weiter. „Aus einem Katzenpaar entstehen ohne Regulierung innerhalb von fünf Jahren eine Million Nachfahren", so die Hochrechnung. Unter ihren bisher erbeuteten Katzen waren 21 Babys im Alter zwischen drei und vier Monaten. Kuliks größtes Problem ist nun, die nicht gezähmten Samtpfoten unterzubringen.

Auch Tierarztpraxis hat nur begrenzte Kapazitäten

Die Tierarztpraxis von Elke Meyer-Wilmes in Harsewinkel ist durch diese Zeitung über die Vorgänge bei Reiling informiert worden. "Wir sind sonst in Harsewinkel erster Anlaufpunkt für einzelne Fundtiere", erklärt Meyer-Wilmes, die in ihrer Praxis auch eine Aufnahmestation für Fundtiere unterhält. „Mir und meinen Mitarbeitern liegt das Tierwohl am Herzen, sonst würden wir uns nicht um die Fundtiere aus Harsewinkel, Greffen, Marienfeld und Sassenberg kümmern, sie aufnehmen und auch vermitteln", erklärt sie. Die Bereitschaft, Katzen aufzunehmen, bestehe immer. „Aber im möglichen Rahmen", erklärt die Tierärztin, die auf die begrenzten Kapazitäten verweist. Zumal für ihre eigenen Patienten Platz vorgehalten werden müsse.

Die verwilderten Tiere einzufangen ist für die Tierschützer gar nicht so einfach. Die Katzen brauchen nun ein neues Zuhause, in dem sie ihre gewohnte Freiheit weiterleben können. - © Privat
Die verwilderten Tiere einzufangen ist für die Tierschützer gar nicht so einfach. Die Katzen brauchen nun ein neues Zuhause, in dem sie ihre gewohnte Freiheit weiterleben können. (© Privat)

Ralf Rieke, Betriebsleiter bei Reiling, ist dankbar für die Unterstützung. „Wir haben als Firma die Katzen sicher nicht angeschafft", betont er. Als Kulik mit ihrem Anliegen anklopfte, habe er immer wieder sonntags den Zutritt ermöglicht, damit die Frau vom Fach ihre Fallen aufstellen konnte. „Wir sind da eher Tierfreunde", sagt Rieke. Gefährlich sei es für die Katzen, die sich tagsüber selten sehen lassen und die Flucht ergreifen, dort grundsätzlich nicht. „Hier ist noch keine unter den Lkw oder sonst wie zu Tode gekommen", sagt er.

Unfallgefahr auch für Menschen durch herumlaufende Katzen

Das sieht Kulik allerdings kritischer. Sie selbst hat bereits drei tote Katzen hinter Containern gefunden. Überall lägen Scherben, an denen sich die Katzen verletzen können. Zudem können die Jäger jederzeit auf der Straße vor Autos laufen – was auch Unfallfolgen für die Menschen nach sich ziehen könne, wenn Katzenfreunde eben doch für so ein Tier eine Vollbremsung hinlegen. Petra Kulik will jetzt so schnell wie möglich einen Teil der Marienfelder Katzen wieder aussetzen.

Das sei angesichts der scheuen Charaktere allerdings in Familien nicht möglich. „Unsere Scheunenkatzen leiden entsetzlich unter der derzeitigen Gefangenschaft", sagt sie. Am besten wäre, diese kastriert und entwurmt auf Bauernhöfen anzusiedeln. „Wir brauchen dringend wieder neuen Platz", erklärt sie. Erst in ein, zwei Monaten könne sie sich bei dem Recyclinghof wieder auf die Pirsch machen.

Rückführung in städtische Flächen oder auf das Betriebsgelände?

„Die Vermittlung dieser verwilderten Katzen, auch wenn sie kastriert und mit einem Transponder versehen sind, ist sehr schwierig", bestätigt Elke Meyer-Wilmes aus eigener langjähriger Erfahrung. Besonders ältere Katzen ließen sich nicht mehr gut in Familien integrieren. Aus ihrer Sicht müsse mit der Stadt Harsewinkel in Abstimmung mit der Firma Reiling geklärt werden, wie mit den betroffenen Katzen weiter verfahren werden soll. Zumal sich noch mindestens zehn Tiere dort auf dem Recyclinghof aufhalten sollen, von denen die Jungkatzen bereits wieder geschlechtsreif sind.

„Deshalb ist eine Absprache über eine eventuelle Rückführung in städtische Flächen oder auf das Betriebsgelände notwendig", schlägt die Expertin vor. Als Mäuse- und Rattenfänger könnten sie dort weiter einen guten Dienst tun. Ein Ansatz, den auch Petra Kulik verfolgt. „Biete Job als Mäusefänger – suche Unterkunft", ist ihr Flyer überschrieben, mit dem sie ihre freiheitsgewohnten Vierbeiner wieder vermitteln will. Sie sucht für diese Katzen nach der Kastration jeweils zu zweit oder dritt einen Hof, auf dem sie Freigang genießen können und einen Rückzugsort für die kalten und regnerischen Tage haben.

Bauernhof oder Pferdestall wären ideal für die Katzen

„Nette Tierfreunde, die Platz auf einem Bauernhof, in einem Pferdestall oder im abgelegenen Wohnhaus haben", seien ideal. Eine vierwöchige Gewöhnung an die neue Umgebung im ausbruchsicheren, geschützten, trockenen Raum mit Fenster, regelmäßige Versorgung mit Trockenfutter und Wasser sowie danach die Freiheit einer möglichst verkehrsberuhigten Umgebung wären gute Rahmenbedingungen. Voraussetzungen, die auch Meyer-Wilmes befürwortet.

Doch sie spricht auch deutlich die Kehrseite an. „Es ist tierschutzrechtlich infrage zu stellen, ob es richtig ist, diese an die Freiheit gewöhnten Katzen monatelang einzusperren, um dann festzustellen, dass man diese leider nicht vermitteln kann", sagt sie. Daher wäre ein Zurückbringen der kastrierten Tiere in die alte Umgebung bei Firmen wie Reiling eine ernst zu nehmende Alternative. „Auch wenn sie in einer solchen Umgebung möglicherweise den Preis der Freiheit zahlen müssten, auf der Straße sterben zu können.

Appell an Einhaltung der Kastrationspflicht

Und als Wilderer sind sie bei Jägern, Vogelfreunden und anderen Naturliebhabern auch nicht gern gesehen. „Daher wäre das Einhalten der Katzenkastrationspflicht sinnvoll." Mit dem Einsatz bei Reiling sei es wohl ohnehin nicht getan. „Ich fürchte, es gibt viele Stellen auch in Harsewinkel, an denen sich Katzen ausbreiten", sagt Petra Kulik.

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