Brandbrief: Ärzte aus OWL fordern Rückkehr zum normalen Leben

Die Mediziner setzen auf mehr Schutz für Risikogruppen und weniger für die gesunde Bevölkerung. Sie warnen: Es gibt immer mehr Schwerkranke, die den Arztbesuch trotz Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebserkrankung aus Angst vor Corona zu lange aufschieben.

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Bünde. Während die Politik vor einem Kontrollverlust bei der Ausbreitung des Coronavirus warnt, wächst die Kritik am Vorgehen der Bundes- und Landesregierungen. Die Kluft zwischen Ärzten und Behörden wächst, vor allem mit Blick auf die Bewertung der Infektionszahlen. Auch in OWL formiert sich Protest: 43 Ärzte aus der Region und anderen Teilen Deutschlands fordern in einem Brandbrief an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einen Weg zurück zum normalen Leben, bei einer gleichzeitigen Stärkung des Schutzes der Risikogruppen.

Infektionszahlen differenziert betrachten

Das Schreiben von Allgemeinmediziner Robert Kluger aus Bünde (Kreis Herford) und seinen Kollegen aus OWL liegt bereits einen Monat zurück. Seitdem hat sich viel getan: Die Infektionszahlen sind gestiegen und die Politik hat neue Einschränkungen verhängt. Für Kluger bleibt die Lage trotzdem unverändert: „Auch wir haben den Beginn der Pandemie als bedrohlich empfunden, weil niemand wusste, was auf uns zukommt. Mittlerweile wissen wir aber mehr, weshalb wir uns nicht länger nur auf die Zahl der Neuinfektionen konzentrieren dürfen."

Allgemeinmediziner Robert Kluger aus Bünde hat den Brandbrief an Kanzlerin Merkel verfasst. - © Peter Steinert
Allgemeinmediziner Robert Kluger aus Bünde hat den Brandbrief an Kanzlerin Merkel verfasst. (© Peter Steinert)

Die Zahl der Neuinfektionen sagt laut Kluger nichts darüber aus, wie viele Menschen an Covid-19 erkranken und sterben. „Absolutzahlen der positiv Getesteten sind wenig aussagekräftig. Sie müssen ins Verhältnis zu den Getesteten insgesamt gesetzt werden und nach asymptomatischen Infektionen oder schweren Erkrankungen differenziert werden." Richtig ist laut Kluger, dass aktuell eine Infektwelle läuft, die es in sich hat. „Diese verläuft jedoch noch deutlich schwächer, als die letzte starke Grippewelle in Deutschland über den Jahreswechsel 2017 und 2018 mit 27.000 Todesfällen." Deshalb könne nicht länger von einer Bedrohung der deutschen Bevölkerung gesprochen werden.

Bundesweit häufen sich Forderungen nach einem differenzierten Blick auf Infektionszahlen und andere Werte wie die Inzidenzzahl von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner, die das Handeln der Politik aktuell bestimmen, jedoch noch aus der Frühphase der Pandemie stammen. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert die Auswertung der Infektionszahlen nach Erkrankten. Selbst 10.000 Infektionen täglich wären für Deutschland kein Drama, „wenn nur einer von 1.000 Infizierten schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten", sagt Gassen.

Wichtig ist nach Angaben des Präsidenten der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt aus Bielefeld, auch die Auswertung nach Risikogruppen. Das Risiko sei nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen hoch, da junge, gesunde Menschen nur selten an schweren Krankheitsverläufen leiden und noch seltener sterben.

Eine Untersuchung aus Frankfurt bestätigt die Einschätzung der Funktionäre. „Nach anfänglich vielen schweren Covid-19-Verläufen und Todesfällen, werden seit Monaten weniger schwere Erkrankungen mit weniger Krankenhauseinweisungen gemeldet, auch treten Todesfälle seltener auf", heißt es in der Analyse des Leiters des Frankfurter Gesundheitsamtes, René Gottschalk, und seiner ehemaligen Stellvertreterin Ursel Heudorf. „Insgesamt ist im Jahr 2020 keine Übersterblichkeit erkennbar."

Risikogruppen schützen

Aus diesem Grund sollten laut Kluger zwar der Schutz von Risikogruppen intensiviert und Einrichtungen wie Altenheime, Praxen und Krankenhäuser mit Schutzausrüstung ausgestattet werden, aber nicht das gesamte gesellschaftliche Leben weiter eingeschränkt werden. „Bei Alten und Kranken kann jede Virusinfektion einen dramatischen Verlauf nehmen, weshalb der Schutz dieser Menschen wichtig ist und im Übrigen auch in jeder bisherigen Grippesaison war."

Die gesunde Bevölkerung benötigt laut Kluger jedoch keinen Schutz, der über die allgemeinen Hygienemaßnahmen hinausgeht. „Besonders Kinder und Jugendliche benötigen Kontakte mit Viren zur Formatierung ihres Immunsystems. Coronaviren hat es schon immer gegeben und wird es auch weiterhin geben. Natürliche Immunität ist die Waffe dagegen." Strittig sind laut Kluger nicht die Absage von Weihnachtsmärkten, Stadionbesuchen oder Großhochzeiten, sondern Reisebeschränkungen, Schulschließungen und Massentests ohne Anlass.

Folgen der Einschränkungen

Einig sind sich die Mediziner auch darin, dass die neuen Daten Anlass für eine Überprüfung der bestehenden Einschränkungen geben sollten, die ebenfalls Opfer fordern. „Wir benötigen eine möglichst wissensbasierte Abwägung von Nutzen und Schaden", erklärt der ärztliche Direktor des Lukas-Krankenhaus Bünde, Ulf Schmerwitz, der den Brandbrief an Merkel mitunterzeichnet hat. „Die undifferenzierte Betrachtung der Infektionszahlen schürt Ängste in der Bevölkerung, die schwerwiegende Auswirkungen haben können, wie wir in der Praxis täglich beobachten." Gemeint sind Patienten, die Operationen absagen oder trotz Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer Krebserkrankung gar nicht oder erst sehr spät ins Krankenhaus kommen.

Kluger macht in seinem Praxisverbund ähnliche Erfahrungen: „Wir sehen zunehmend Menschen mit schweren Erkrankungen, die bei rechtzeitiger Behandlung hätten möglicherweise geheilt werden können. Wir sehen zudem ältere Menschen mit Depressionen und Kinder und Jugendliche mit Angststörungen." Die Entwicklung zusätzlicher schwerer chronischer Krankheiten sei absehbar.

Vorwurf Verschwörungstheoretiker

Problematisch ist laut Kluger und Schmerwitz auch der fehlende Diskurs. „Wer darauf aufmerksam macht, dass die Betrachtung der Pandemie ganzheitlich und nicht nur durch die Brille von Virologen und Epidemiologen erfolgen darf, gilt schnell als Verschwörungstheoretiker, Impfgegner oder sogar Rechtsradikaler", moniert Schmerwitz. „Dabei leugnen wir die Pandemie nicht, sondern fordern mit Blick auf die neuen Daten über das Virus und die Folgen der Ausbreitung eine neue Bewertung der Einschränkungen."

Wie schnell das geht, beweisen Reaktionen auf eine Weiterleitung des Brandbriefes. Der Wirtschaftsförderer der Stadt Lübbecke, Claus Buschmann, leitet den Brief an die Mitglieder des Wirtschaftskreises über seine dienstliche Mailadresse weiter. Daraufhin melden sich irritierte Empfänger des Briefes, die sich wundern, warum „sich die Stadt Lübbecke an der Verbreitung von Verschwörungstheorien beteiligt". Von der Stadt Lübbecke heißt es dazu, dass es keinen Anlass für eine Bewertung oder Stellungnahme gibt. Die Weiterleitung sei eine ergänzende Information zu einem Thema, mit dem sich der Wirtschaftskreis gerade erst intensiver auseinandergesetzt hat.

Fehlender Diskurs sowie die unterschiedlichen Regeln sogar innerhalb eines Bundeslandes, gefährden nach Einschätzung von Kluger und Schmerwitz die Akzeptanz sinnvoller Maßnahmen wie Abstand halten, Hygiene einhalten und Alltagsmaske tragen.

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