Corona: Warum die Situation für das Gesundheitsamt nicht entspannt ist

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Kreis Gütersloh. Ein RKI-Wert von 5,8 und 29 aktive Corona-Fälle (Stand: 23. September) – man könnte meinen, im Kreishaus habe sich am Tag des Herbstanfangs die Coronasituation entspannt. Doch davon ist in der Abteilung Gesundheit nichts zu merken und dafür gibt es auch keinen Anlass, heißt es in einer Pressemitteilung der Kreisverwaltung.

„Infektionen kann man nicht planen", meint Dr. Anne Bunte, Abteilungsleiterin Gesundheit, und verweist darauf, dass nach wie vor viele andere Dienstleistungen noch nicht wieder im normalen Umfang angeboten werden können, seien es Schuleingangsuntersuchungen oder Trinkwasserkontrollen.

Corona kennt kein Wochenende

Sieben Tage die Woche arbeiten die Kolleginnen und Kollegen, auch samstags und sonntags sind stets zirka 15 Personen in Sachen Infektionsschutz im Kreishaus. Bunte: „Und das machen wir seit März." Corona kennt kein Wochenende. Für Bunte ist die aktuelle Lage in einem Punkt sogar herausfordernder als zu Zeiten des Ausbruchs bei Tönnies: „Die Situation ist viel differenzierter, viele Fragen, die sich stellen und die uns bei der Hotline erreichen, sind viel individueller."

Der Herbst stellt diejenigen, die im Auftrag des Infektionsschutzes unterwegs sind, zudem vor neue Herausforderungen. „Grippe, Lüften und Reiserückkehrer", zählt Bunte die Themen der nächsten Wochen auf, die entscheidend sein werden.

Die Formel AHA – Abstand, Hygiene und Alltagsmaske müsse eigentlich um ein L ergänzt werden, meint Bunte. Lüften werde im Herbst, wenn sich wieder mehr Menschen länger in geschlossenen Räumen aufhalten immer wichtiger. Gerade für Schulen ein wichtiges Thema. Die Bundesregierung hat am 16. September die Empfehlung „Infektionsschutzgerechtes Lüften herausgegeben. „Je kleiner die Frischluftmenge, desto höher die luftgetragene Virenlast und desto geringer sollte die Aufenthaltsdauer in geschlossenen Räumen sein", heißt es in dem Papier. „Überall dort, wo die Maßnahmen und Regeln eingehalten werden, haben wir keine Infektionen", betont Bunte. Was übrigens nicht bedeute, dass in den jüngst betroffenen Schulen die Regeln nicht eingehalten worden seien.

Schüler stecken sich durch private Kontakte an

In den Schulen sei die Ansteckung von Schülern in der Regel auf private Kontakte zurückzuführen. So wie jüngst an einem Gymnasium und einer Gesamtschule: Weitere Recherchen der Abteilung Gesundheit haben ergeben, dass man inzwischen von zwei Partys ausgehen muss, die dazu führten, dass sich sieben Jugendliche ansteckten. Entweder direkt auf einer der beiden Partys oder bei einer infizierten Person, die auf einer der Partys war. Rund 60 beziehungsweise 40 Personen sollen sich bei den privaten Feiern getroffen haben.

Was die Schulen zu einer besonderen Herausforderung für Buntes Team macht, sind die naturgemäß großen Zahlen an Kontaktpersonen. Wer zählt zur Kontaktperson Kategorie 1, war also länger als 30 Minuten mit einem positiv Getesteten in Kontakt mit geringem Abstand (unter 1,5 Meter)? „Wir erhalten immer nur gefilterte Wahrnehmungen", erklärt Bunte das schwierige Geschäft. Man spreche mit Betroffenen, müsse sich auf deren Erinnerungen verlassen, die mitunter nicht ganz frei von Eigennutz seien. Bunte: „Wir waren ja nicht im Unterricht dabei, waren nicht mit auf dem Schulhof, in der Kantine oder bei der privaten Feier."

Aber die Abteilung Gesundheit muss anhand der Informationen eine Entscheidung treffen. „Wie man es auch macht: Für die einen machen wir zu viel, für die anderen zu wenig." Schicke man eine Klasse in Quarantäne, komme die Frage, warum nicht der ganze Jahrgang, schicke man einen Jahrgang in Quarantäne, fragten Betroffene, wieso nicht nur die eine Klasse. Bunte: „Kein Fall gleicht dem anderen." Besonders intensiv erlebten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch die Gespräche mit Schülerinnen, Schülern und deren Eltern. Das Informationsbedürfnis ist besonders hoch, die Telefonate dauern teils bis zu einer Stunde – zwei bis drei Mal so lang wie sonst üblich im Kontaktpersonenmanagement.

„Wir haben damit eine Aufgabe, die kein anderes Gesundheitsamt in Deutschland hat"

Die hohe Zahl der Kontaktpersonen in Kitas und Schulen macht viel Arbeit. Die Abteilung Gesundheit, die bereits den Bedarf von 65 Stellen befristet bis Ende 2021 angemeldet hatte, bekommt nach wie vor Unterstützung unter anderem für die Kontaktpersonenverfolgung. Rund 20 Mitarbeiterinnen aus anderen Abteilungen des Hauses sind auch Mitte September noch zu 100 Prozent im Coronaeinsatz, die gleiche Zahl etwa in Teilzeit. Zudem sind 20 Externe – Studenten, RKI-Scouts und weitere Kräfte – mit an Bord.

Das Thema Infektionsschutz geht deutlich über Infizierten- und Kontaktmanagement hinaus: Auch die Hygienekonzepte, die Veranstalter – vom Fußballverein bis zur Hausmessen eines Küchenherstellers in der Möbelindustrie – einreichen müssen, werden in der Abteilung Gesundheit geprüft. Die Überwachung des Hygienekonzepts der Firma Tönnies gehört – im Rahmen der fachlichen Unterstützung für die Stadt Rheda-Wiedenbrück – ebenfalls ins Aufgabenportfolio. Bunte: „Wir haben damit eine Aufgabe, die kein anderes Gesundheitsamt in Deutschland hat."

Der letzte Todesfall in Zusammenhang mit Corona datiert von Anfang Juni – auch eine Besonderheit des Ausbruchsgeschehens im Kreis Gütersloh. Das Dashboard des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass der Kreis Gütersloh bundesweit derzeit an Position 7 steht bezogen auf die Zahl der labortechnisch nachgewiesenen Coronafälle. Es gibt unter den 25 am meisten betroffenen Kreisen und kreisfreien Städten aber nur zwei, die eine ähnlich niedrige Todesrate aufweisen. Ein Grund dafür: Das Ausbruchsgeschehen, das dazu geführt hat, dass rund zwei Drittel der knapp 3000 Fälle auf den Ausbruch bei Tönnies zurückzuführen sind. Die dort Infizierten gehören in der Regel nicht zur Risikogruppe. „Aber man darf nicht vergessen, es gibt auch Fälle, in denen Patienten schwer erkrankt sind und längerfristige gesundheitliche Einschränkungen Schäden davon getragen haben", schränkt Dr. Bunte ein und nennt noch einen weiteren Grund für den insgesamt glimpflichen Verlauf: „Unsere Krankenhäuser haben in der Pandemie einen sehr guten Job gemacht." Corona habe im Besonderen die Leistungsfähigkeit kleinerer Häuser unter Beweis gestellt. Aktuell ist lediglich ein Patient im Kreis in stationärer Behandlung, Ende Juni waren es im Rahmen des Ausbruchs bis zu 34.

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