Corona überstanden - und dann? Was das Virus im Körper hinterlässt

Fast 194.000 Menschen haben eine Covid-19-Erkrankung in Deutschland überstanden. Viele von ihnen fühlen sich aber weiterhin schwach und klagen auch Monate nach der Infektion mit dem Coronavirus über Atemnot.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Ärzte untersuchen die langfristigen Auswirkungen einer COVID-19-Erkrankung auf den Körper (Symbolbild) - © CC0 Pixabay
Ärzte untersuchen die langfristigen Auswirkungen einer COVID-19-Erkrankung auf den Körper (Symbolbild) (© CC0 Pixabay)

Berlin/Bad Lippspringe. Fast 194.000 Menschen in Deutschland haben nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts mittlerweile eine Covid-19-Erkrankung überstanden. Sie gelten als genesen. Doch sind die Patienten dann auch wieder fit? Ärzte haben daran große Zweifel, denn auch nach dem Abklingen der Infektion fühlen sich Betroffene weiter krank. Besonders häufig klagen Patienten auch noch Monate nach einer Infektion mit dem Coronavirus über eine starke Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit durch anhaltende Atemnot. Mediziner rechnen deshalb mit Spätfolgen und plädieren dafür, dass auch Patienten mit leichten Krankheitsverläufen ihre Lungenfunktion regelmäßig überprüfen lassen.

80 genesene Covid-19-Patienten haben Pneumologe Ralf-Dieter Schipmann und sein Team in der Klinik für Pneumologie und Kardiologie der Rehaklinik Martinusquelle des MZG Bad Lippspringe bislang betreut. „Wir sehen aktuell, dass Patienten auch nach einer überstandenen Infektion noch leiden und einen sehr langen Rehabilitationsweg vor sich haben", sagt Schipmann.

Untersuchung: Massive Lungenschäden führen zum Tod

Pneumologe Ralf-Dieter Schipmann, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Kardiologie der Rehaklinik Martinusquelle des MZG BadLippspringe, hat mit seinem Team bereits 80 Covid-19-Patienten behandelt. - © MZG Bad Lippspringe
Pneumologe Ralf-Dieter Schipmann, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Kardiologie der Rehaklinik Martinusquelle des MZG BadLippspringe, hat mit seinem Team bereits 80 Covid-19-Patienten behandelt. (© MZG Bad Lippspringe)

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zeigen Bilder aus dem Computertomographen von Lungen von Covid-19-Patienten, dass viele Betroffene starke Lungenschäden aufwiesen. Eine Untersuchung des Universitätsklinikums Augsburg zeigt das auch bei verstorbenen Covid-19-Patienten. Laut der Augsburger Pathologin Tina Schaller zeigten Obduktionen, dass häufig massive Lungenschäden zum Tod der Patienten geführt haben.

Die wichtigste Erkenntnis aus der ersten Analyse ist laut Schaller, dass die Lungenschäden keine Komplikation der künstlichen Beatmung sind, sondern unabhängig von intensivmedizinischen Maßnahmen durch das Coronavirus entstehen. Das erklärt, warum auch Covid-19-Patienten nach milden Krankheitsverläufen über Probleme wie anhaltende Atmennot klagen.

Pneumologe: „Covid-19 ist eine Systemerkrankung."

Diese Untersuchungen zeigen nach Angaben Schipmanns, dass Covid-19 eine deutlich schwerere Erkrankung ist als die Grippe. „Auch bei der Grippe leiden viele Patienten nach überstandener Infektion noch 10 bis 14 Tage an einem schweren Erschöpfungszustand, der sogenannten postgrippalen Asthenie. Danach erreichen die meisten Patienten aber ziemlich schnell wieder ihre gewohnte Leistungsfähigkeit ohne Spätfolgen", erklärt Schipmann. „Bei Covid-19 ist das anders, wie wir jetzt auch in der Reha sehen. Die Folgen sind langwieriger."

Neben der eingeschränkten Lungenfunktion leiden Patienten laut Schipmann häufig auch an Funktionsstörungen der Nerven und Muskeln. Zudem treten oft Probleme mit den Nieren und dem Herzen auf und es besteht ein sehr hohes Thromboserisiko. „Covid-19 ist eine Systemerkrankung." Aus diesem Grund müssen Reha-Patienten nach Angaben des Pneumologen engmaschig überwacht werden und hart trainieren. „Das gilt auch für die Zeit nach der Reha. Patienten können nicht wieder sofort durchstarten, sie müssen auf sich achten."

Covid-19-Patienten sollten künftig Lungenfunktion untersuchen lassen

Schipmann und sein Team behandeln genesene Covid-19-Patienten, die aufgrund schwerer Krankheitsverläufe lange im Krankenhaus behandelt und oftmals auch künstlich beatmet werden mussten. „Ich rate aber auch Covid-19-Patienten mit milden Krankheitsverläufen dazu, sich künftig regelmäßig untersuchen zu lassen, weil immer mehr Studien darauf hinweisen, dass Langzeitschäden, insbesondere der Lunge und des Herzens, möglich sind. Und zwar unabhängig von Vorerkrankungen oder der Schwere der Erkrankung", sagt Schipmann.

Eine besondere Bedeutung komme in diesem Fall Hausärzten zu. „Hausärzte sind häufig die ersten Ansprechpartner im Gesundheitssystem, weshalb es wichtig ist, dass sie auch für mögliche Langzeitfolgen durch Covid-19 sensibilisiert werden und Patienten bei Auffälligkeiten an Fachärzte überweisen." Achtsam müssen jedoch auch die Patienten selbst sein, ergänzt Schipmann. „Regelmäßige Check-ups sind wichtig und gewinnen mit Blick auf mögliche Langzeitfolgen durch eine Covid-19-Erkrankung noch an Bedeutung."

"Covid-19 eine schwerwiegende Erkrankung"

Schipmann beobachtet die zunehmende Sorglosigkeit im Umgang mit dem Coronavirus in Deutschland sowie die Demonstrationen sogenannter Corona-Gegner deshalb mit großen Sorgen. „Wir behandeln schwer kranke Patienten aller Altersgruppen, mit und ohne Vorerkrankungen. Mittlerweile muss eigentlich jedem klar sein, dass Covid-19 eine schwerwiegende Erkrankung ist, die jeden treffen kann", erklärt der Pneumologe. „Trotzdem gibt es offenbar immer mehr Menschen, die das Coronavirus und die dadurch drohenden Gefahren leugnen. Das ist erschreckend und entbehrt jeglicher Sachgrundlage."

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