Worauf es beim Kauf eines wirksamen Desinfektionsmittels ankommt

Die kleinen Plastikfläschen sind längst nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Doch wie wird das Mittel richtig angewendet und welches schützt vor den Coronaviren?

Katharina Thiel

Hände desinfizieren: Krankenhaushygieniker Johannes Kleideiter steht im Eingangsbereich des Klinikums Bielefeld Mitte. - © Andreas Zobe
Hände desinfizieren: Krankenhaushygieniker Johannes Kleideiter steht im Eingangsbereich des Klinikums Bielefeld Mitte. (© Andreas Zobe)

Bielefeld. "Durch die Corona-Pandemie haben Desinfektionsmittel den Alltag erobert." Das sagt einer, der es wissen muss. Johannes Kleideiter ist Krankenhaushygieniker am Klinikum Bielefeld. Er und seine Kollegen sind dafür zuständig, dass die Einhaltung der hygienischen Standards nach den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts überwacht und gesetzliche Vorschriften umgesetzt werden. Beim Thema Desinfektion unterscheidet er zwischen einer Reinigung, bei der Mikroorganismen von einer Oberfläche entfernt werden und einer echten Desinfektion, die Erreger abtöten soll.

"Das Spektrum an Mikroorganismen, von denen wir dauerhaft umgeben sind, zum Teil als körpereigene (auch überlebenswichtige) Flora, umfasst Bakterien, Pilze und Viren", erklärt Kleideiter. Die Mikroorganismen, die für den Menschen eine relevante Infektionsgefahr darstellen, werden dann als Krankheitserreger bezeichnet. Voraussetzung für eine erfolgreiche Desinfektion sei immer eine gründliche Reinigung, so der Experte. "Bereits mit der Reinigung werden in relevantem Umfang Krankheitserreger von Oberflächen entfernt. So kann mit einer Reinigung die Anzahl der Krankheitserreger bereits um 50 bis 80 Prozent gesenkt werden."

Welche Erreger werden abgetötet?
"Die Empfindlichkeit der Mikroorganismen gegenüber Desinfektionsmitteln ist unterschiedlich, relevant ist dies bei Viren", sagt Kleideiter. Viren mit einer Lipidhülle seien empfindlicher als unbehüllte. "Zu den unbehüllten Viren zählt zum Beispiel das Norovirus, wohingegen das Coronavirus behüllt ist." Wie wirksam ein Mittel sei, werde anhand einer Skala angegeben, die zwischen 90, 99, 99,9 und 99,99 Prozent unterscheidet. Eine einhundertprozentige Wirksamkeit sei biologisch unmöglich.

Wie unterscheiden sich die Mittel?
"Die verschiedenen Präparate zur Händedesinfektion unterscheiden sich in ihrer chemischen Zusammensetzung", so Kleideiter. Davon abhängig handele es sich entweder um ein Arzneimittel, das in Apotheken verkauft wird, oder um ein Biozidprodukt. Angegeben werde dann das "Wirkspektrum gegenüber Viren". Gegen Bakterien und Pilze wirken alle der drei folgenden Gruppen: begrenzt viruzid – gegen Bakterien, Pilzen und behüllte Viren, also auch das Coronavirus, begrenzt viruzid plus – zusätzlich gegen Noro- und Rotaviren sowie viruzid – gegen alle relevanten Viren, egal ob behüllt oder unbehüllt. Der Hygieniker empfiehlt, genau auf die Angaben des Herstellers zu schauen, um sicherzugehen, dass man das richtige kauft.

Wie wende ich Desinfektionsmittel richtig an?
"Die Mittel müssen auf der gesamten Handfläche für einen Zeitraum von mindestens 30 Sekunden verrieben werden. Dabei ist es wichtig, alle Anteile der Hände mit einzubeziehen, also auch die Nägel, die Zwischenräume, die Daumen und so weiter", erklärt Kleideiter. Bisher habe es außerhalb medizinischer Einrichtungen gereicht, die Hände zu waschen. Ob Desinfektionsmittel während der Corona-Pandemie tatsächlich Infektionen in relevantem Umfang reduzieren, sei unklar, so der Hygieniker. "Zu Beginn der Pandemie wurden massenhaft Desinfektionsmittel außerhalb des medizinischen Sektors gekauft. Die Infektionszahlen gingen jedoch erst nach der Ausrufung des Lockdown zurück."

Die Wahl des richtigen Desinfektionsmittels ist entscheidend. - © pixabay
Die Wahl des richtigen Desinfektionsmittels ist entscheidend. (© pixabay)

Im häuslichen Bereich gelte daher immer noch die Empfehlung zum gründlichen Händewaschen. "An Orten mit vielen Menschen sind Desinfektionsmaßnahmen wahrscheinlich sinnvoll, soweit Flächen desinfiziert werden, zu denen ein Handkontakt besteht. Beim Einkaufwagen macht es beispielsweise also durchaus Sinn, den Griff zu desinfizieren, nicht jedoch sämtliche Flächen des Wagens." Eine Desinfektion der Hände sei dann effektiv, wenn sie nach Kontakt zu potenziell belasteten Flächen, vor "Manipulationen im Gesicht" und vor dem Verzehr von Lebensmitteln erfolge. "Demnach ist die Desinfektion nach dem Einkauf wichtiger als vorher."

Desinfiziert Alkohol?
"Alkohol ist das wirksamste Mittel zur Händedesinfektion, da es rasch wirkt und die Haut nicht schädigt", sagt der Experte. "Der Alkohol verfliegt rasch, was dann auch durch den Geruch wahrnehmbar ist. Allerdings ist der Blick auf die Inhaltsstoffe sicherer, da nicht selten auch Duftstoffe zugemischt sind."

Was ist mit Mitteln mit Chlor?
Kleideiter erklärt: "Chlorpräparate wirken auch desinfizierend, sollten auf der Haut jedoch nicht zur Anwendung kommen. Die Wirkung ist deutlich schlechter als bei alkoholischen Präparaten, und sie können die Haut reizen. Zur Händedesinfektion sollten nur Präparate auf alkoholischer Basis zum Einsatz kommen."

Drohen Folgen für Haut und Oberflächen?
Viele Präparate zur Händedesinfektion beinhalten Substanzen zur Hautpflege. In der Regel werde die Desinfektion mit alkoholischen Mitteln von der Haut gut vertragen, es könne jedoch auch zu Reizungen oder allergischen Reaktionen kommen, so der Hygieniker. "Bei der Desinfektion von Oberflächen sollte auf die Materialverträglichkeit der eingesetzten Mittel geachtet werden, sonst kann es zu relevanten Schäden kommen. So verblinden beispielsweise einige Kunststoffe bei Anwendung von Alkohol", sagt Kleideiter.

Sollte man Desinfektionsmittel beim Hausputz einsetzen?
Desinfektionsmittel seien beim Hausputz und grundsätzlich im Haushalt in den allermeisten Fällen nicht nötig. Das gelte auch während der Corona-Pandemie für gesunde Menschen. "Zudem besteht bei unsachgemäßem Gebrauch auch ein Gesundheitsrisiko, unter anderem weil nicht die erforderliche Schutzkleidung beim Umgang getragen wurde", sagt Kleideiter. Normale Hygienemaßnahmen bieten ausreichenden Schutz vor der Übertragung des Virus. Zu diesen Maßnahmen gehören Händewaschen mit Seife und das regelmäßige Reinigen von Oberflächen und Türklinken mit haushaltsüblichen Wasch- und Putzmitteln.

Info

Das Wichtigste in Kürze


  • beim Kauf genau auf die Angaben des Herstellers achten
  • beim Desinfizieren der Hände alles mit einbeziehen
  • Desinfektion nach dem Einkauf wichtiger als vorher
  • nur Präparate auf Alkoholbasis auf der Haut anwenden
  • Desinfektionsmittel sind beim Hausputz nicht nötig


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