Bielefelder soll Corona-Test bei seinem Sohn einfach selbst durchführen

Ein Bielefelder geht mit seinem Sohn zum Arzt. Der hält einen Coronatest für sinnig. Durchführen will der Arzt ihn aber nicht, weil er keinen ausreichenden Schutz habe. Kein Einzelfall.

Ingo Kalischek

- © Symbolfoto: Pixabay
(© Symbolfoto: Pixabay)

Bielefeld. Als Rolf Winkelmann mit seinem Sohn zum Hausarzt geht, rechnet er noch nicht damit, dass er wenig später selber einen Corona-Test durchführen wird. Doch genau darum habe ihn der Arzt gebeten, weil er selber nicht genügend Schutzausrüstung habe.

Winkelmanns Sohn arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Bethel. "Jeden Morgen wird bei ihm die Temperatur gemessen", sagt Winkelmann. Da sie zuletzt immer mal wieder schwankte, fühlte sich der Sohn unsicher - und wollte zum Arzt. Dort stellte er sich vor und schilderte seine Beweggründe. Der Arzt habe daraufhin einen Test für sinnvoll erachtet, sagt Rolf Winkelmann. Aber: "Er wollte selber keinen Rachenabstrich durchführen. Mit der Aussage: 'Ich mache das nicht. Ich habe keinen Schutz'."

Deshalb wurde Winkelmann mit einem Stab und Röhrchen nach Hause geschickt, um den Rachenabstrich bei seinem Sohn selber vorzunehmen. "Das hat mich irritiert und überfordert", sagt der Bielefelder.

Kein Einzelfall

Wie weit muss das Stäbchen in den Rachen ragen? Wie oft muss man darüber reiben? "Das habe ich versucht, im Internet herauszufinden", so Winkelmann. Doch wirklich sicher habe er sich dabei nicht gefühlt. "Und wie erwartet, habe ich nach einiger Zeit bei meinem Sohn den Würgereiz ausgelöst."

Ein Einzelfall? Ein weiterer Bielefelder berichtet von einer ähnlichen Erfahrung. Auch er wurde gebeten, gemeinsam mit seiner Ehefrau einen Rachenabstrich selbst durchzuführen - auf dem Gelände der Arztpraxis. "Im Hinterhof lagen auf Tischen Fotos, die erklären sollten, wie man dabei vorgeht", berichtet der Bielefelder. Doch auch er und seine Frau hätten dabei ein mulmiges Gefühl gehabt. "Wir waren ja ohnehin schon angespannt und dann kam die Unsicherheit hinzu, ob wir das mit dem Abstrich richtig gemacht haben."

Die stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts, Ina-Marei Strate-Schneider, zeigt sich irritiert: "Für einen Test sind eindeutig Ärzte und das Fachpersonal zuständig und nicht die Patienten", betont sie.

"Natürlich streichen wir ab"

Auch Bielefelds Hausarzt-Sprecher Uli Weller zeigt sich auf Anfrage irritiert. "Wenn Patienten zu uns in die Praxis kommen, lassen wir sie auch testen, wenn das nötig ist." Die Ärzte oder das Fachpersonal würden diesen Schritt vornehmen. "Es kann sich bei dem beschriebenen Arzt nur um jemanden handeln, der sich nicht in den vernetzten Strukturen der Bielefelder Ärztelandschaft bewegt", so Weller. Er habe auf Wunsch der Kassenärztlichen Vereinigung vor wenigen Tagen eine Blitzumfrage unter den Bielefelder Ärzten durchführen lassen. "90 Ärzte aus 35 Praxen haben geantwortet. Sie alle führen die Abstrich-Diagnostik bei Patienten durch", so Weller.

Der Sprecher betont, dass die Ärzte mittlerweile über ausreichend Schutzausrüstung verfügen, um Tests in ihren Praxen durchzuführen. "Wenn sich bei uns ein Patient mit Corona-Symptomen meldet, nehmen wir unter Schutzausrüstung einen Test in einem extra Raum vor, den wir jeden Abend gründlichst reinigen", so Weller.

"Wir stellen eine Box vor die Tür"

Anders läuft es in einer Hausarztpraxis aus der Region, die sich anlässlich der Berichterstattung bei der NW gemeldet hat. "Auch unsere Praxis testet Patienten seit Beginn der Pandemie. Es wurde immer wieder betont, insebsondere von der KVWL, dass die Patienten mit Symptomen zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus den Test selbstsändig durchführen könnten, in keinem Falle sollten diese Patienten die Praxis betreten", schreibt der Arzt. Das finde er richtig und im Sinne aller anderen Patienten und Mitarbeiter sinnvoll.

"Wir stellen eine Box vor die Praxistür, der Patient kann den Test entnehmen und selbst durchführen. Eine Anleitung liegt bei. Selbstverständlich erklären meine Mitarbeiter auf Nachfrage das Procedere." Der Arzt schreibt weiter: "Einfacher geht es wirklich nicht. Stab in den Rachen und Nase, 3 mal drehen, zurück in das Röhrchen...fertig. Anleitungen im Internet auch leicht zu finden." Er könne nicht nachvollziehen, dass Menschen bei einfachsten Abstrichen überfordert seien.

"Die Gefahr, falsch vorzugehen, ist durchaus da"

Kinderarzt-Sprecher Marcus Heidemann: "Es kam vor allem in der Anfangsphase vor, dass Patienten den Abstrich selbst durchführen sollten, da es in den Praxis noch nicht ausreichend Schutzausrüstung gab." Im Prinzip sei es "machbar", dass Patienten ein solchen Abstrich auch selber vornehmen, so Heidemann. Und dennoch: "Die Gefahr, dass sie dabei falsch vorgehen, ist durchaus da."

Rolf Winkelmann zumindest fiel das Procedere nicht so leicht. Er wartet jetzt auf das Test-Ergebnis seines Sohnes. "Ich bin sehr gespannt."

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