Quarantäne-Chaos im Kreis Gütersloh: "Wir sind wütend und verzweifelt"

Noch immer müssen etliche Menschen in Quarantäne bleiben - obwohl sie teilweise schon zweimal negativ getestet wurden und keine Symptome zeigen. Der Frust wächst. Betroffene wollen endlich verbindliche Aussagen.

Lena Vanessa Niewald

Obwohl viele Menschen bereits mehrfach negativ getestet wurden, müssen sie in Quarantäne verbleiben, weil der Kreis mit der Bearbeitung nicht nachkommt. - © Patrick Menzel
Obwohl viele Menschen bereits mehrfach negativ getestet wurden, müssen sie in Quarantäne verbleiben, weil der Kreis mit der Bearbeitung nicht nachkommt. (© Patrick Menzel)

Kreis Gütersloh. Florian Olschewski reicht es. Seit mittlerweile 20 Tagen ist der Mitarbeiter der Tönnies-Tochter Tillmanns – wie er selbst sagt – zuhause eingesperrt. Fast drei Wochen lang sitzt er mit seiner Freundin in der gemeinsamen Wohnung fest. Wann seine Quarantäne endlich aufgehoben wird? Er weiß es nicht. „Unser anfängliches Verständnis für die Ausnahmesituation hat sich mittlerweile einfach nur noch in Unverständnis, Fassungslosigkeit und Missmut gewandelt."

Für viele Tönnies-Mitarbeiter und deren Haushaltsangehörige endete die vierzehntägige Quarantäne in der vergangenen Woche – für andere noch nicht. Wer aber darf wieder raus und wer nicht? Viele Betroffene sprechen von reiner Willkür des Kreises und des Gesundheitsamtes.

Von denen lautete die Ansage: „Die Quarantäne für negativ getestete Personen kann erst aufgehoben werden, wenn in der Wohnung 14 Tage lang niemand infiziert war und ein Test am Ende der 14-tätigen Quarantäne wieder für alle ein negatives Ergebnis zeigt. Die Quarantäne ist dann erst zu Ende, wenn das Ordnungsamt eine entsprechende Bescheinigung zustellt."

Verbindliche Aussagen? Fehlanzeige!

In der Realität sieht es allerdings häufig ganz anders aus. „Trotz unzähliger Anrufe beim Gesundheits- und Ordnungsamt hat uns in der zweiwöchigen Quarantäne kein mobiles Team erneut getestet. Am Telefon sind wir lediglich vertröstet worden, wir würden schon in einer Liste auftauchen", berichtet Florian Olschewski. Das sei allerdings nicht der Fall gewesen – der Name Olschewski habe auf keiner Liste gestanden. Erst am vergangenen Samstag seien er und seine Freundin nun ein zweites Mal getestet worden – ein Ergebnis liege bis jetzt nicht vor.

Mehrfach habe seine Freundin bereits eine Prüfung verlegen müssen, ihren Arbeitgeber müsse sie immer wieder vertrösten. Verbindliche Aussagen, wie es weiter geht, haben die beiden bis jetzt nicht bekommen. „Wie kann es sein, dass es keine einheitliche Kommunikation gibt? Wie kann es sein, dass man an einem Tag unzählige, verschiedene Aussagen bekommt? Wie kann es sein, dass wir seit zwanzig Tagen zu Hause eingesperrt sind? Wir sind absolut fassungslos, wütend und verzweifelt. Die Situation ist mittlerweile eine absolute Zumutung!"

Manche Familien werden angeblich fünf Mal getestet - andere gar nicht

Florian Olschweski ist kein Einzelfall. Im Gegenteil. Etliche Menschen im Kreis Gütersloh scheinen derzeit im Quarantäne-Chaos unterzugehen. Die Sozialen Netzwerke sind voll mit Hilferufen. Auch bei den Lokalzeitungen der Region melden sich immer wieder Betroffene. Es sind die verzweifelten Versuche, endlich gehört zu werden und Antworten zu bekommen.

Ein Betroffener wurde laut eigenen Angaben sogar bereits zweimal negativ getestet, hat keine Symptome, ist aber immer noch zuhause gefangen: „Die Verlängerung und das nicht erkennbare Konzept bei den Testungen der mobilen Teams lassen mich mittlerweile vollkommen verzweifeln. Hier werden einige meiner Kollegen bis zu fünf Mal mit der ganzen Familie getestet, andere trotz gemeldeter Adressen nicht einmal."

Ehepaar ohne Tönnies-Bezug wird sechs Mal von mobilen Teams besucht

Von der Kreisverwaltung heißt es auf Nachfrage, es gebe eine komplexe Tourenplanung für die 40 mobilen Teams. Fünf Tests bei einer Familie könne man sich nicht erklären. „Das wäre eindeutig zu viel", sagt Sprecher Jan Focken. Die Realität zeigt allerdings, dass auch das kein Einzelfall ist. Ein Gütersloher Ehepaar wurde in den vergangenen Wochen an der Humboldtstraße gleich sechs Mal von mobilen Teams besucht.

Der Grund: Die Tester hatten unter dieser Adresse die Namen von zwei Tönnies-Beschäftigten auf ihrer Liste. Auch trotz mehrfacher Richtigstellung seitens des Ehepaares und den Versuchen, beim Kreis jemanden zu erreichen, seien immer wieder Teams dort aufgetaucht.

"Wir haben es hier mit dem größten Ausbruchsgeschehen in Deutschland zu tun"

„Wir erleben es immer wieder, dass Adressen nicht stimmen. Es kam sogar schon dazu, dass die Abrissbirne dort gewirkt hatte, wo die mobilen Teams eigentlich testen sollten. Das legt im Umkehrschluss nahe, dass die Personen woanders wohnen und wir nicht wissen wo", erläutert Jan Focken. Ordnungsamt und Betroffene selbst würden nach wie vor Adressen melden – eine Liste mit auf diese Art gesammelten Anschriften hatten die Teams am vergangenen Sonntag abgearbeitet.

Dass es in dem ganzen Zusammenhang „mal zu unterschiedlichen Aussagen" gegenüber Betroffenen komme, will Focken nicht ausschließen. Bei allen Problemen wolle er aber daran erinnern, dass man es im Kreis mit dem größten Ausbruchgeschehen in Deutschland zu tun habe und das eine immense Herausforderung darstelle.

„Es macht aber wenig Sinn, sich zuerst an die Hotline zu wenden, dann zu versuchen, direkt die Abteilung Gesundheit anzurufen und dann eine E-Mail zu schreiben. Das macht uns die Arbeit nicht leichter", sagt Focken, „wir müssen die in Quarantäne verbliebenen Personen jetzt strukturiert besuchen. Dazu werden die Tourenpläne erstellt und abgearbeitet."

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.