Schweinehalter fordern Wiederaufnahme des Tönnies-Schlachtbetriebs

Landwirte fühlen sich nach der Tönnies-Schließung alleine gelassen. Die Zahl der schlachtreifen Schweine werde immer größer. Der Betrieb in Rheda-Wiedenbrück solle schrittweise wieder aufgenommen werden.

Anja Hustert

Im Stall wird's langsam eng. Die Landwirte fordern eine Wiederaufnahme des Schlachtbetriebes bei Tönnies. - © Pixabay
Im Stall wird's langsam eng. Die Landwirte fordern eine Wiederaufnahme des Schlachtbetriebes bei Tönnies. (© Pixabay)

Gütersloh. „Jeden Tag, den das länger dauert, wird es für uns schwieriger." Andreas Westermeyer, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbandes und selbst Schweinezüchter in Verl, blickt besorgt auf die Tiere in seinem Stall. Zwei Wochen ist Europas größter Schlachtbetrieb in Rheda jetzt geschlossen und die Zahl der schlachtreifen Schweine wird immer größer. „Es fließen immer noch ein paar Schweine ab", so Westermeyer. Schließlich verteile Tönnies die Tiere von seinen Vertragspartnern auf andere Schlachthöfe, die von der Corona-Schließung nicht betroffen sind. Und es gebe ja noch andere Schlachthöfe im Land. „Aber auch bei Westfleisch in Coesfeld wird noch nicht wieder im vollen Umfang gearbeitet", gibt Westermeyer zu bedenken.

Hubertus Beringmeier, Präsident des westfälisch-lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) sei im Moment mit nichts anderem beschäftigt, als mit der Tönnies-Krise, sagte Westermeyer. „Es wird jetzt dringend." Neue Ferkel müssten aufgenommen werden, die Ställe seien aber noch mit den bereits gemästeten Tieren gefüllt. „Zur Not brauchen wir Behelfsställe, ich will aber nicht hoffen, dass wir dahin kommen." Er appellierte an seine Berufskollegen dennoch weiter Ferkel abzunehmen. „Wir dürfen die Sauenhalter jetzt nicht hängen lassen. Dort wird die Not riesig", so Westermeyer. Selbst wenn man jetzt aufhören würde, Sauen zu besamen, „hätten wir noch ein Jahr lang Sauen im Stall", macht er deutlich, dass sich auf den Höfen nicht so einfach wie an der Schlachtbank ein Schalter umlegen lasse.

Interessengemeinschaft spricht von einem" unhaltbaren Zustand"

Unterdessen fordert die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) mit Sitz im niedersächsischen Damme von allen Beteiligten, alle notwendigen Maßnahmen zur Wiederaufnahme des Schlachtbetriebs in Rheda-Wiedenbrück einzuleiten. „Lasst uns Schweinehalter nicht im Regen stehen und kommt endlich zu Lösungen", sagt ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes. „Natürlich muss alles dafür getan werden, um Mitarbeiter und Bevölkerung vor weiteren Corona-Infektionen zu schützen – das bezweifelt niemand. Dass die Schweinehalter nach immerhin zwei Wochen immer noch nicht ansatzweise wissen, wie es weiter geht, ist ein unhaltbarer Zustand."

Die Interessengemeinschaft argumentiert mit Systemrelevanz: „Die Systemrelevanz zeigt sich an dieser Stelle für alle deutschen Schweinehalter, denn an dem Standort werden im Normalbetrieb immerhin 12 bis 14 Prozent der deutschen Schweine geschlachtet. Wöchentlich stauen sich bis zu 100.000 Schweine auf, die zusätzlich in den Ställen auf die Schlachtung warten. Und das schlägt sich durch bis in die Ferkelerzeugerbetriebe", erläutert ISN-Geschäftsführer Torsten Staack. Die Tierhalter seien die Leidtragenden der Schlachthofschließung.

Bauernverband fordert ein Ende der politischen Machtkämpfe

Hubertus Beringmeier fordert daher eine schrittweise Wiederaufnahme des Schlachtbetriebs in Rheda. Im Westfleisch-Standort Coesfeld hätten Politik, Verwaltung und Unternehmen ein vergleichbares Problem innerhalb einer guten Woche gelöst. "Jetzt erleben wir, dass sich maßgebliche Personen lieber um die eigene Profilierung kümmern und politische Machtkämpfe auf dem Rücken der Bauern austragen. Hierfür fehlt mir jegliches Verständnis", so Beringmeier.

Wie Westermeyer gehört hat, will Tönnies die Klassifizierung für die Tiere anpassen. Die Tierzüchter mästen ihre Tiere auf ein vereinbartes Zielgewicht hin. Dieses Gewicht ist nun überschritten, weil die Tiere weiter gefüttert werden. „Die Bewertung ist Schlachthof-Sache. Tönnies arbeitet daran, das hochzusetzen", so der WLV-Kreisvorsitzende.

Auch ihm ist wichtig, dass sowohl die Arbeiter bei Tönnies als auch die Bevölkerung im Kreis Gütersloh vor Infektionen geschützt sind. „Aber wir brauchen eine Lösung", betont er. Ihm falle derzeit niemand ein, der sich hinstelle und den Schlachthof wieder eröffne. „Welcher Politiker soll sich das trauen?"

Bei Tönnies hieß es, man arbeite unter Hochdruck, um den Betrieb in Rheda-Wiedenbrück wieder hochzufahren. "Denn auf Dauer wird wohl nur das die Entlastung bringen, die sich die Bauern und der gesamte Markt erhoffen", so ein Sprecher. Man spüre den immer stärkeren den Druck, der von der landwirtschaftlichen Seite komme.

Mehr zum Thema:

Betrieb bei Tönnies ruht voraussichtlich weiter bis zum 17. Juli

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.