Hygieneregeln in Kitas empören Eltern und Erzieher

Bei Schnupfen müssen Kinder in der Pandemie zu Hause bleiben. Eltern können allerdings entscheiden, wann sie wieder symptomfrei sind. Erzieher fürchten schwere Konflikte in den Einrichtungen.

Anneke Quasdorf

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Bielefeld. Zwei-, dreimal "Hatschi" - und schon ist es wieder vorbei mit der Betreuung für Kita-Kinder. So lauten, etwas zugespitzt, derzeit die Hygienevorgaben für Betreuungseinrichtungen. Nachdem Kinder- und Jugendärzte dagegen vergangene Woche Sturm liefen, ist jetzt zumindest die Attestpflicht weggefallen. Die Eltern entlastet das - gar nicht.

Schnupfen gehört zu den Symptomen, die laut Robert-Koch-Institut auf Corona hindeuten können. Also dürfen Kinder mit laufender Nase nicht in die Betreuungseinrichtung. Wer auch nur entfernt mit Kindern zu tun hat, weiß: Die Nase läuft aber von Oktober bis April.

Bis zum Wochenende lautete die Regel der Landesregierung, dass eine Wiederaufnahme in die Kita nur mit Vorlage eines entsprechenden Attestes möglich ist, das das Kind für coronafrei erklärt. Dagegen protestierten die Kinder- und Jugendärzte so vehement, dass zumindest in NRW alles wieder geändert wurde: Hier müssen Eltern nun selbst erklären, dass ihr Kind seit 48 Stunden symptomfrei ist. "Damit ist die Lage schon mal entzerrt", sagt Marc Heidemann, Vorsitzender des Kinder- und Jugendärzteverbandes NRW aus Bielefeld. "Aus der Problematik, dass Kinder mit Schnupfen zuhause bleiben müssen, sind Eltern damit aber nicht raus."

Streit zwischen Eltern und Erziehern

Die müssen ohne Konzepte einen Winter überbrücken, in dem alle sonstigen Hilfsmittel, nämlich Urlaubs- und Kind-Krank-Tage durch Corona bereits restlos aufgebraucht sind.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft befürchtet zudem, dass durch die neue Regelung der Konflikt auf die Eltern-Erzieher-Ebene verlagert wird. "Wir haben ja schon in der Notbetreuung gesehen, dass es hier ganz schnell Schwierigkeiten geben kann", sagt Joyce Abebrese, Referentin in der Kinder- und Jugendhilfe.

Grundsätzlich sei es vollkommen richtig, dass kranke Kinder nicht in die Betreuung gegeben werden dürfen. "Das war aber auch schon vor Corona so und hat im Alltag zu reichlich Konfliktpotenzial geführt, wenn Eltern selbst festlegen dürfen, ob das Kind fit genug ist oder nicht." Die GEW fordert deshalb eine klar abgesteckte Liste von Symptomen, bei der kein Spielraum ist für Interpretationen oder Diskussionen. "Bei begründeten Zweifeln an der Symptomfreiheit der Kinder, kann die Kita auch ein ärztliches Attest verlangen. Da dürfen sich die Kollegen auch nicht von Eltern einschüchtern lassen. Und das wird die Erzieher-Eltern-Partnerschaft vor Ort auf jeden Fall schwieriger machen."

Wie schwierig, zeigt sich schon jetzt: Bereits mehrfach mussten Eltern ihre Kinder aus der Kita holen - wegen zu voller Windeln und der damit verbundenen Sorge vor Durchfall, wegen Rötungen einer bereits lange bekannten Neurodermitis, wegen leicht laufender Nase. "Wie soll das im Herbst erst weitergehen, wenn fast alle Kinder Husten oder Schnupfen haben? Werden Kinder dann wieder zum privaten Hobby ihrer Eltern?", fragt Diane Siegloch, Mitgründerin der bundesweiten Elterninitiative "Familien in der Krise".

Ihre Aktivisten fordern konkrete Entlastungsmaßnahmen für Arbeitnehmer mit Kindern. "Wir brauchen dringend eine Erhöhung der Kind-Krank-Tage und die Sicherheit auf Lohnfortzahlung für einzelne Eltern, wenn nicht die ganze Kita geschlossen ist", sagt NRW-Organisatorin Heike Riedmann. Um auf die Problematik hinzuweisen, wird es am Samstag Demonstrationen der Initiative in Düsseldorf, Frankfurt, München, Stuttgart, Darmstadt und Wiesbaden geben.

Alltagshelfer für Kitas gesucht

Auch Kinderarzt Heidemann fordert eine Erhöhung der Kind-Krank-Tage. Und er geht noch einen Schritt weiter: "Eltern müssen die formlos beantragen können. Es ist nicht nötig, dass sie dazu in die Praxen kommen. Damit wäre viel Bürokratie und Aufwand erspart."

Doch wie sieht es abseits der Forderungen bei der Umsetzung aus? Anfragen an die Familien- und Arbeitsministerien auf Bundes- und Landesebene ergeben wenig Konkretes.

Das Familienministerium NRW verweist auf die derzeit gültige Handreichung bis 31. August. "Ob und wenn welche weiteren Anpassungen in der Erkältungszeit erforderlich sind, wird aktuell noch geprüft." Auch für das Bundesarbeitsministerium scheint der Herbst noch weit entfernt. Hier heißt es in einer schriftlichen Mitteilung: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns heute nicht zu eventuell zu treffenden Regelungen für den Herbst/Winter äußern können." Genau das ist es aber, was Eltern deutschlandweit fordern: Planbarkeit - auch und gerade für den Herbst und den Winter.

Immerhin: Um die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas zu entlasten, ist in NRW ein Programm geplant, mit dem man Alltagshelfer gewinnen will. Sie sollen Erzieher bei der Umsetzung der Hygienevorschriften unterstützen, beim Händewaschen zum Beispiel, aber auch bei zeitaufwendigen Dingen wie Schuhe der Kinder an- und ausziehen. "Details wird das Familienministerium in Kürze bekanntgeben", teilte eine Sprecherin mit.

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