Wie kam das Coronavirus zu Tönnies?

Eine große Rolle bei der Verbreitung innerhalb des Betriebs soll die Klimaanlage gespielt haben. Derweil gibt es erste Einblicke, wie das Virus in das Unternehmen in Rheda-Wiedenbrück gelangen konnte.

Lukas Brekenkamp, Martin Krause

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies sorgt bundesweit für Aufsehen. - © Lukas Brekenkamp
Der Corona-Ausbruch bei Tönnies sorgt bundesweit für Aufsehen. (© Lukas Brekenkamp)

Rheda-Wiedenbrück. Noch immer hält der Massenausbruch unter Mitarbeitern des Fleisch-Riesen Tönnies in Rheda das ganze Land in Atem. Mittlerweile scheint auch klar zu sein, wie sich das Virus unter den Arbeitern in dem Unternehmen so massiv verbreiten konnte.

In enger Abstimmung mit dem Robert Koch Institut und dem Landeszentrum Gesundheit haben Wissenschaftler, allen voran der Hygieniker Professor Martin Exner aus Bonn und der Virologe Hendrik Streeck den Ausbruch untersucht. "Wir haben einen bislang nicht berücksichtigten Risikofaktor identifizieren können", fasst der Experte das Ergebnis zusammen und nennt es das "Ventilationsrisiko".

Klimaanlage ein Grund?

Neben vielen bekannten Faktoren wie Kälte, feuchter Luft, Menschen, die hart arbeiten müssen, dabei stark schwitzen, atmen und wenig Abstand in der Produktion haben, ist auch die spezielle Umluft-Technik der Klimaanlage als eine Ursache der starken Verbreitung ausgemacht worden - und das sei für den Fall Tönnies bisher neu. Exner verweist auf die Heinsberg-Studie, wo ebenfalls eine Umluftanlage eine erhebliche Rolle beim Infektionsgeschehen gespielt habe.

"Das waren teilweise völlig neue Erkenntnisse, die wir nun bewerten und für unseren Standort umsetzen", teilte ein Tönnies-Sprecher daraufhin mit.

Spur führt zu Gottesdienst

Doch wie konnte das Virus überhaupt in das Fleischunternehmen gelangen? Eine genaue Ursache dafür lässt sich nach Ansicht des Kreises Gütersloh nicht exakt und zweifelsfrei benennen. Allerdings: Recherchen ergaben, dass am 17. Mai "ein Ausbruchsgeschehen" auf den Besuch eines Gottesdienstes in Herzebrock-Clarholz zurückzuführen ist. Es habe mehrere Infizierte gegeben, die einen direkten Bezug zum Unternehmen Tönnies haben und diese kirchliche Veranstaltung besuchten.

Nach Informationen dieser Zeitung sollen auch Mitarbeiter der Firma Westcrown daran teilgenommen haben. Der Schlachthof in Dissen - ein Joint Venture der Fleischunternehmen Westfleisch und Danish Crown - hatte bereits Mitte Mai mit einem massiven Corona-Ausbruch zu kämpfen. Auch in Dissen wurde der Betrieb des Unternehmens heruntergefahren.

Im Gesundheitsausschuss wurde zudem über die mutmaßlichen Ursachen und die Folgen des Corona-Ausbruchs beim Fleischbetrieb Tönnies diskutiert. Auch Staatssekretär Edmund Heller bestätigte in der Sondersitzung: Eine erste Welle von Infizierten bei Tönnies hat es nach Angaben des Gesundheitsministeriums Mitte Mai im Zusammenhang mit einer kirchlichen Veranstaltung gegeben.

Zweifel an Darstellung der Tests bei Tönnies

Die besagte Gemeinde hat dem Kreis zufolge ein sehr großes Einzugsgebiet. "Ich habe immer gesagt, es ist nicht klar, wer der Indexfall ist", betonte Anne Bunte, Leiterin der Abteilung Gesundheit des Kreises Gütersloh. Das genaue Ausbruchsgeschehen habe bis heute nicht vollständig geklärt werden können. Auch aus diesem Grund hatte der Kreis ein Amtshilfeersuchen gestellt, das Robert-Koch-Institut sei auch dafür mit an Bord.

Die Schlussfolgerung, dass der Corona-Ausbruch bei Tönnies letztlich auf eine Infektion von Tönnies-Mitarbeitern durch Corona-Infizierte von Westcrown zurückzuführen wäre, wollen Branchenkenner allerdings nicht in dieser Schärfe gelten lassen: "Es ist sehr wohl möglich, dass Westcrown-Mitarbeiter durch Tönnies-Beschäftigte infiziert wurden", glaubt ein Beobachter. In Politiker-Kreisen kursieren große Zweifel an der Darstellung des Infektionsgeschehens durch Tönnies.

So hat der SPD-Landtagsabgeordnete Josef Neumann (Solingen) Informationen darüber erhalten, dass es bei den Tönnies-Tests nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Gesunde Mitarbeiter seien doppelt getestet worden, um die Statistik zu schönen, glaubt Neumann. Sind dann also andere Mitarbeiter, bei denen der Verdacht einer Infektion bestand, überhaupt nicht getestet worden?

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