Tumult in Bielefeld: Polizei-Festnahme sorgt für Rassismus-Kritik

Gewalt gegen Verdächtigen und Pfefferspray gegen Augenzeugen. Antifa ruft zu Spontandemo am Kesselbrink auf.

Jens Reichenbach

Auch das Café Exil hat das Video veröffentlicht und schreibt auf seiner Instagramseite von "Police Brutality". - © Screenshot: Café Exil / Instagram
Auch das Café Exil hat das Video veröffentlicht und schreibt auf seiner Instagramseite von "Police Brutality". (© Screenshot: Café Exil / Instagram)
Bielefeld. Am Samstagnachmittag (6.6.) erlebte Bielefeld noch ein großes Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt - unter anderem wegen jüngster Vorkommnisse in den USA. In der Nacht zu Sonntag sorgte dann eine Festnahme zweier Personen durch die Bielefelder Polizei auf dem Kesselbrink für große Empörung. Nach tumultartigen Szenen vor der Volksbank musste ein Polizeibeamter sogar eine Schusswaffe ziehen, in diversen sozialen Netzwerken rufen Antifa und Anti-Rassismus-Gruppen zu einer Spontandemo am heutigen Sonntag auf dem Kesselbrink auf.

"Gestern Nacht gab es einen brutalen Einsatz der Polizei auf dem Kesselbrink. Willkürlich wurde eine schwarze Person von der Polizei kontrolliert und anschließend festgenommen", heißt es in einem Facebook-Beitrag der "Antifa-AG der Uni Bielefeld".

Video zeigt Polizist kniend auf einem Mann schwarzer Hautfarbe

Ein Handyvideo, das um 23.35 Uhr aufgenommen und ebenfalls in diesem Zusammenhang veröffentlicht wurde, zeigt mehrere Polizeibeamte vor dem Volksbankgebäude am Kesselbrink. Zwei Polizisten hocken neben einem seitlich am Boden liegenden Mann. Plötzlich schreit er: "Aua." Weil er sich dagegen sträubt, die Arme zum Fesseln auf den Rücken zu nehmen, greift der Beamte zweimal zu.

Das löst einen Aufschrei der Umstehenden aus. Sie sehen einen Polizisten kniend auf einem Mann mit schwarzer Hautfarbe. Ein Bild, das nach dem Tod von George Floyd in den USA schlimme Erinnerungen wachruft.

Immer wieder kommen Augenzeugen mit und ohne Handy in der Hand näher. Polizisten versuchen sie, jedes Mal wieder zurückzudrängen. Dabei soll auch Pfefferspray gegen die Umstehenden eingesetzt worden sein, berichtet ein Augenzeuge.

"Aber er kann atmen"

Eine Beamtin erklärt einem aufgebrachten Mann mehrfach: "Aber er kann atmen. Er kann atmen." Die Beamten sehen sich plötzlich Kritik ausgesetzt, aus Rassismus gehandelt zu haben. Was sie dort tun ist allerdings Festnahme-Alltag.

Wehrt sich ein Verdächtiger gegen seine Festnahme, können Polizisten im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Gewalt anwenden. Das nennt sich "staatliches Gewaltmonopol". Doch viele Bürger sehen dieses Monopol oft ausgenutzt, um mehr oder weniger willkürlich gegen Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe vorzugehen. Am Kesselbrink wird der Polizei seit Jahren ein struktureller Rassismus vorgeworfen, weil Beamte gezielt und oft grundlos Afrikaner kontrollierten.

Zum aktuellen Vorfall schreibt die Antifa AG auf Facebook: "Tagtäglich erfahren in Deutschland und eben auch in Bielefeld 'People of Color' Rassismus und Polizeigewalt. Die Gewalt ausübenden Polizist*innen haben hingegen keine Anzeigen oder Verurteilungen zu fürchten." Das mache wütend.

Umstände zunächst unbekannt

Die genauen Umstände der Festnahme waren zunächst unbekannt. Das sagen auch die linken Gruppen, die trotzdem zu einer Spontandemo am Sonntag um 18 Uhr auf dem Kesselbrink aufgerufen haben. Zeugen berichten, dass offenbar zwei Männer festgenommen wurden. Die "Antinationale Linke Bielefeld" bemängelt zudem: "Innerhalb von Minuten war die Polizei mit Hunden und mehreren Streifenwagen am Start, die eine kritische Begleitung unterbinden wollte."

Die Polizei nahm am frühen Sonntagnachmittag Stellung zu dem Vorfall und spricht von einem "Tumultgeschehen im Rahmen eines Widerstandes, bei dem Polizeibeamte angegriffen wurden und die Situation nur mit starken Polizeikräften beruhigt werden konnte".

"Kesselbrink ist als Treffpunkt der Drogenszene bekannt"

Demnach hatten Polizisten gegen 23 Uhr am Kesselbrink sechs Personen kontrolliert, die auf den Stühlen des bereits geschlossenen Lokals saßen. Dazu führt die Polizei aus: "Der Kesselbrink ist der Polizei als Treffpunkt der hiesigen Drogenszene bekannt."

Warum kontrollierte die Polizei die Männer? Laut Polizeisprecher Knut Packmohr, weil die Gruppe sich sehr laut verhielt, offensichtlich auch größere Mengen Müll hinterlassen hatte und zwei der Personen wegen Rauschgiftdelikten polizeibekannt sind. Ein 23-jähriger Afrikaner reagierte auf die Polizeikontrolle "sofort aggressiv, beleidigte die Beamten und unterstellte den Beamten rassistische Motive", heißt es von der Behörde.

Plötzlich soll er auf die Beamten eingeschlagen und getreten haben

Weil sich der Asylbewerber zudem weigerte, seine Papiere zu zeigen, fasste ihn nun ein Beamter am Arm. Die Polizisten hatten zuvor angekündigt, dass er bei weiterem Weigern durchsucht würde.

Nun eskalierte die Situation: "Daraufhin begann sich der 23-jährige sofort heftig zu wehren, wobei er versuchte, auf die Polizisten einzuschlagen und einzutreten", heißt es im Polizeibericht. Es kam zu einem Gerangel, bei dem der Mann zu Boden gebracht und festgehalten wurde.

Ein Beamter zieht seine Schusswaffe

"Nun kreisten die anderen Gruppenmitglieder die Polizisten ein", erklärte Polizeisprecher Knut Packmohr. "Dabei brüllten sie und bedrohten die Einsatzkräfte." Für die Beamten wurde die Situation so bedrohlich, dass sie Verstärkung anforderten. Als Gegenwehr wurde auch Reizgas gesprüht.

"Als Personen aus der Gruppe mit Stühlen bewaffnet weiter auf die Polizisten zugingen, zog einer der Beamten seine Schusswaffe, um sich gegebenenfalls verteidigen zu können", betont Packmohr. Das führte dazu, dass sich die fünf Männer zurückzogen. Allerdings hatten sich inzwischen 50 Personen um die Beamten geschart. Es wurden auch Glasflaschen in Richtung der Beamten und des 23-Jährigen geworfen.

Beruhigung nach rund 30 Minuten

An dieser Stelle setzt offenbar auch das Video ein. Denn ein Beamter meldet die Würfe gut hörbar in sein Funkgerät. Am Ende waren 15 Streifenwagenbesatzungen vor Ort. Auch sie seien "massiv mit Glasflaschen beworfen worden". Erneut setzten die Beamten ihre "Reizstoffsprühgeräte" ein.

Laut Polizeibericht beruhigte sich die Situation gegen 23.30 Uhr und die Menschenmenge löste sich auf. Der polizeibekannte 23-Jährige wurde zur Polizeiwache gebracht. Er war "bereits mit kleineren Drogendelikten polizeilich in Erscheinung getreten", sagt Packmohr. Gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen Widerstandes eingeleitet.

20-jähriger Herforder kam wegen Landfriedenbruchs in Gewahrsam

Zwei Polizisten wurden durch Flaschenwürfe im Gesicht und an den Armen verletzt. Auch der Festgenommene erlitt wegen der Flaschenwürfe Schnittverletzungen an den Händen. Ein Streifenwagen wurde beschädigt.

Ein 20-jähriger Herforder, der Glasflaschen gegen Beamte und Streifenwagen geworfen haben soll, wurde "zur Verhinderung weiterer Straftaten in Gewahrsam genommen". Gegen ihn wurde Strafanzeige wegen Landfriedensbruchs erstattet.

Außerdem: Schusswaffen-Vorfall an der Skateranlage

Gegen 23.30 Uhr soll gleichzeitig ein Mann an der Skateranlage eine Schusswaffe gezückt und einen anderen Mann bedroht haben. Zeugen riefen hier die Polizei, die den Verdächtigen vor Ort ausfindig machen konnte. Bei der Durchsuchung des 25-jährigen Deutschen fand sich in seiner Bauchtasche tatsächlich eine echte, aber ungeladene Pistole. Sie wurde sichergestellt.

Auch der 25-Jährige leistete bei seiner Festnahme Widerstand: "Er trat und spuckte mehrfach um sich", so Packmohr. Der wegen Raub-, Gewalt- und Drogendelikten vorbestrafte 25-Jährige erhielt eine Strafanzeige wegen Bedrohung, Verstoßes gegen das Waffengesetz und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.

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