Nina ist von der Maskenpflicht befreit und das sorgt für Irritation

Aus gesundheitlichen Gründen muss Nina Gremmel keine Maske tragen. Dafür hat sie eine Bescheinigung. Trotzdem wird sie im Alltag deshalb schräg angeguckt - in ein Geschäft wollte man sie sogar erst gar nicht reinlassen.

Lena Vanessa Niewald

Gütersloh. Nina Gremmel fällt auf. Sie sticht in diesen ungewöhnlichen Wochen aus der Masse heraus. Die 36-Jährige trägt keine Maske – weder im Supermarkt noch beim Shoppen oder im Bus. Nina Gremmel ist von der Maskenpflicht befreit. Aus gesundheitlichen Gründen, auf die sie aus Schutz vor ihrer Privatsphäre nicht weiter eingehen möchte, hat sie von ihrem behandelnden Arzt ein entsprechendes Attest ausgestellt bekommen.

Damit zählt sie zu einigen wenigen Menschen in Deutschland. Die meisten sind seit mittlerweile mehr als fünf Wochen angehalten, in geschlossenen öffentlichen Räumen eine Maske zu tragen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung auf Nachfrage mitteilt, können Ärzte Patienten aber eine entsprechende Befreiung ausstellen.

Wer bekommt eine Befreiung?

„Das ist vor allem bei Menschen mit Atemwegserkrankungen oder psychischen Problemen der Fall", sagt Sprecherin Vanessa Pudlo, „es gibt aber keine Vorgaben, sondern lediglich Empfehlungen. Die jeweiligen Ärzte müssen die Einzelfälle beurteilen und entscheiden." Erste Fallzahlen gibt es bis jetzt noch nicht.

Nina Gremmel hat ihr Attest mittlerweile immer dabei. Sie hat gelernt, dass sie darauf angewiesen ist. Sie werde vor Geschäften oder Supermärkten häufig darauf hingewiesen, dass der Eintritt nur mit Maske erlaubt sei. „Ich krame dann immer meine Bescheinigung vor und muss meistens auch noch meinen Personalausweis zeigen. Aber damit ist es auch erledigt."

Kein Einlass ohne Maske bei Karstadt?

Zwar werde sie in den Geschäften selbst häufig nochmal von aufmerksamen Mitarbeitern angesprochen, mit dem Hinweis auf das Attest sei dann aber meistens alles in Ordnung. Meistens – denn ein Freifahrtsschein ist das Attest nicht. Geschäftsleute haben in ihren Betrieben das Hausrecht und wenn ein Inhaber davon Gebrauch macht, dann ist das statthaft.

Die Gütersloherin hat genau das schon erfahren müssen, an der Karstadt-Filiale am Berliner Platz. Auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Freundin wollte Nina Gremmel bei Karstadt schauen. Als Masken-Ersatz trug sie ein Visier. Die Ernüchterung am Eingang: Sie sei von dem Security-Personal unfreundlich abgewiesen worden, berichtet die 36-Jährige. „Das Attest interessierte den Mann gar nicht, er wollte es nicht mal sehen."

"Die Dame war sichtlich genervt"

Sie habe dann von draußen in der Filiale angerufen und einer Mitarbeiterin ihre Situation geschildert. „Ich habe ihr gesagt, dass ich mich durch ein solches Verhalten diskriminiert fühle, da auch ich meine Einkäufe tätigen will. Die Dame erklärte mir, dass der externe Sicherheitsdienst strenge Vorschriften hat und das Ordnungsamt stark kontrolliert."

Von der Geschäftsführung erhielt Nina Gremmel schließlich nach viel Hin und Her eine Sondererlaubnis für ihren Einkauf. Zuvorkommend, hilfsbereit und freundlich seien während der ganzen Diskussion aber weder die Sicherheits- noch die Karstadt-Mitarbeiter gewesen, kritisiert die Gütersloherin.

„Die Dame war sogar sichtlich genervt. Irgendwie ein nettes Wort oder ein versöhnliches Lächeln habe ich nicht bekommen. Dabei ist das Lächeln ja eigentlich genau das, was der stationäre Handel gegenüber dem Online-Handel anbieten kann. Natürlich ist mir bewusst, dass alle Karstadt-Mitarbeiter unter Anspannung stehen. Das rechtfertigt aber nicht ein solches Verhalten gegenüber Kunden."

Keine Stellungnahme von Karstadt

Sie versuche den Einzelhandel vor Ort so gut es geht zu unterstützen, weil ihr etwas an der Gütersloher Innenstadt liegt, sagt Gremmel. Wenn sie aber demnächst wieder die Wahl habe zwischen Karstadt und eBay – dann würde sie sich auf jeden Fall für die letztere Option entscheiden: „So eine Diskriminierung möchte ich nicht nochmal erleben."
Karstadt wollte sich in den vergangenen Tagen weder auf schriftliche noch auf mehrfache telefonische Nachfrage zu den Vorfällen äußern.

Hilft ein besonderes T-Shirt?

Ähnliche Erfahrungen hat Nina Gremmel seitdem nicht mehr gemacht. Von Passanten oder anderen Kunden beleidigt wurde sie noch nicht – in einem Möbelhaus habe sie einmal aber beobachtet, dass ein Mann vor sich hin schimpfte, nachdem er sie ohne Maske gesehen hatte.
„Der war dann aber auch sofort still, als ich ihn direkt angesprochen habe", sagt sie und schmunzelt, „da kenne ich nichts." Sie habe ein dickes Fell. Was andere von ihr denken? Egal.

Nina Gremmel hat sich sogar kürzlich ein T-Shirt mit besonderem Aufdruck bestellt. In großer, gut lesbarer Schrift steht dort drauf: „Bevor Sie fragen, ich bin aus medizinischen Gründen von der Maskenpflicht befreit." Vielleicht bewahre sie das vor dummen Sprüchen, so die 36-Jährige. Für das eine oder andere Grinsen habe ihr Shirt auf jeden Fall schon gesorgt.

Mehr Hinweise an Einzelhändler

„Ich kann mich wehren. Aber andere vielleicht nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die ebenfalls von der Maskenpflicht befreit sind, aber nicht so gut damit umgehen können, wenn sie ständig angeschaut oder gar nicht erst hereingelassen werden. Das Thema ist einfach noch nicht präsent genug unter den Einzelhändlern."

Deshalb möchte Nina Gremmel Aufmerksamkeit und Verständnis schaffen und an den Einzelhandel appellieren, nicht voreilig zu urteilen, sondern über praktische und vor allem menschliche Lösungen nachzudenken.

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