Wer muss in Quarantäne? Studenten prüfen Infektionsketten im Kreis Gütersloh

Bianca Birk ist einer von derzeit zwölf Containment-Scouts im Kreis Gütersloh. Die Studenten telefonieren Kontaktpersonen von Infizierten ab, um herauszufinden, ob sie in Quarantäne müssen.

Christian Geisler

An einem ausladenden Schreibtisch im Gütersloher Kreishaus telefoniert Containment-Scout Bianca Birk täglich Kontakte von Personen ab, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. - © Christian Geisler
An einem ausladenden Schreibtisch im Gütersloher Kreishaus telefoniert Containment-Scout Bianca Birk täglich Kontakte von Personen ab, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. (© Christian Geisler)

Kreis Gütersloh. Heute hat Bianca Birk zwei Akten auf ihrem Schreibtisch im Gütersloher Kreishaus liegen. Jede von ihnen steht stellvertretend für eine sich wegen der Corona-Pandemie in Quarantäne befindenden Person. "Sonst sind es schonmal acht bis zehn am Tag", sagt die 27-jährige Studentin der Gesundheitswissenschaften. In den Papieren stehen wichtige Daten - unter anderem Name, Adresse, Wohnverhältnisse und Symptome des betreffenden Menschen.

Bianca Birk ist sogenannter Containment-Scout des Robert-Koch-Instituts (RKI) und aktuell für den Kreis Gütersloh zuständig. Die Aufgabe eines solchen Scouts besteht darin, Kontaktketten von mit Corona infizierten Personen aus dem Kreis Gütersloh zu verfolgen, die Kontakte anzurufen und sie gegebenenfalls in Quarantäne zu schicken. Im Entlassmanagement, in dem aktuell auch Birk arbeitet, bespricht sie mit den entsprechenden Personen, inwieweit ihre häusliche Quarantäne wieder aufgelöst werden kann.

Erfahrene Mitarbeiter stehen den Studenten beratend zur Seite

"Meistens freuen sich die Leute, wenn ich anrufe", sagt Birk, um dann zu ergänzen: "Manchmal, bei noch vorhandenen Symptomen, muss ich die Quarantäne aber auch verlängern." Die Entscheidung über Verhängung oder Auflösung der häuslichen Quarantäne trifft die Studentin nicht immer selbst. Ein Team von erfahrenen Mitarbeitern des Gesundheitsamtes, Ärzte und auch Pflegefachkräfte stehen ihr mit Rat und Tat zur Seite.

Ursprünglich bestand das Team des Infektionsschutzes beim Kreis Gütersloh aus 7,5 Vollzeitstellen. Während sich die Mitarbeiter vor Ausbruch der Corona-Pandemie vorwiegend mit Krätze, Noroviren, Lebensmittelübertragungen, Tuberkulose und der Begehung von Tattoostudios auseinandergesetzt haben, sind sie aktuell ausschließlich mit dem Virus Covid-19 beschäftigt. Mittlerweile arbeiten im Team des Infektionsschutzes über 120 Personen. Davon sind zwölf Containment-Scouts über das Robert-Koch-Institut angestellt, weitere zwei Scouts sollen am 13. Mai den Weg ins Kreisgebiet finden.

27 Personen, überwiegend Medizinstudenten, wurden außerdem über den Kreis Gütersloh zur Unterstützung eingestellt, zunächst befristet für drei Monate. Im Weiteren setzt sich der Infektionsschutz des Kreises aus Mitarbeitern des Gesundheitsamtes und anderer Abteilungen des Kreishauses zusammen. Außerdem wird die Abteilung Gesundheit von rund 15 Kräften des MDK (Ärzte und Pflegekräfte) unterstützt.

Am Telefon wird überlegt, welche Kontakte vorhanden waren

Die von der Bundesregierung verhängte Kontaktsperre hat gewirkt, ein exponentieller Anstieg von Infektionen ist dadurch unterbrochen worden, sagt Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Gütersloh. Ist eine Person mit Corona infiziert, so gelte es ebenfalls den Kontakt zu Familie, Freunden und Bekannten zurückzufahren. "Mit wem haben die Infizierten in den vergangenen zwei Tagen Zeit verbracht? Diese Frage gilt es zu beantworten", erzählt sie.

Das sei wiederum Aufgabe des Infektionsschutzes und somit auch die der Containment-Scouts. "Sie überlegen am Telefon gemeinsam mit den Infizierten, welche Kontakte vorhanden waren", so Bunte. Da die Mitarbeiter am Telefon nicht mitteilen dürfen, von wem die Infektion stammt, sind die Infizierten selbst dazu angehalten ihren Kontakten davon zu erzählen. "Das würde uns wegen des Datenschutzes einiges erleichtern."

Studium ist für Einsatz im Kreis Gütersloh unterbrochen

Bianca Birk hat ihr Studium der Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld für den Job des Containment-Scouts für ein halbes Jahr unterbrochen. "Wegen der Corona-Krise war lange Zeit nicht klar, wie das Studium fortgeführt werden soll. Die Abläufe waren undurchsichtig, aktuell werden die Vorlesungen online gehalten", erzählt sie. Gleichzeitig sei es der 27-Jährigen wichtig gewesen ihren Beitrag zur Bekämpfung von Covid-19 zu leisten.

Wenngleich nicht immer alle Telefonate mit Infizierten oder mit Personen in Quarantäne einfach sind und ihr gerade Nachrichten über Todesfälle und Krankheiten von Angehörigen der Angerufenen zu schaffen machen, ist Birk sich sicher die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Obwohl die Infektionszahlen im Kreis Gütersloh aktuell sinken und damit auch die Containment-Scouts derzeit weniger zu tun haben als noch zu Beginn der Pandemie, ist sich Anne Bunte sicher, dass eine zweite Infektionswelle mit dem Virus kommen wird. "Die Pandemie wird uns noch lange begleiten, denn Infektionskrankheiten gehen ihre eigenen Wege. Für uns gilt es daher weiter handlungsfähig zu bleiben", sagt Bunte, um dann ein Lob nachzuschieben: "Bislang haben alle Mitarbeiter vorbildliche Arbeit geleistet. Zumal man bedenken muss, dass sie seit Ausbruch der Krise sieben Tage die Woche im Einsatz sind."

Info
Bewerbungsflut auf 525 Stellen

Mitte März konnten sich Studenten auf eine Stellenausschreibung des Bundesverwaltungsamts (BVA) im Auftrag des Robert-Koch-Instituts (RKI) bewerben. Für den Studentenjob als Containment-Scout erhalten sie monatlich 2.325 Euro Brutto. Für 525 Stellen gingen beim BVA mehr als 11.000 Bewerbungen ein, sagt Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Gütersloh. Beim RKI sind 20 dieser Scouts vom Kreis Gütersloh angefragt worden. Die ersten fünf haben am 17. April mit ihrer die Arbeit aufgenommen, ein weiterer am 23. April. Weitere sechs sind am Dienstag, 28. April, hinzugestoßen. Ab 13. Mai folgen weitere zwei Containment-Scouts.

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