Physiker erklärt: „Hätten wir durchgehalten, wäre Mitte Mai alles vorbei“

Der Physiker Jürgen Mimkes hat in einem Modell berechnet, wie sich die Infizierten-Zahlen bei einem längeren Lockdown entwickelt hätten.

Sigrun Müller-Gerbes

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Paderborn. Mit Virologie hat Jürgen Mimkes eigentlich nichts zu tun. Aber der emeritierte Physik-Professor der Universität Paderborn kann gut rechnen und ist Spezialist darin, gesellschaftliche Phänomene mit Hilfe physikalischer Gesetzmäßigkeiten zu analysieren. Also sitzen er und sein Kollege Rainer Jannsen seit Mitte März an Rechenmodellen, um Vorhersagen für die Coronakrise zu entwickeln.

Das wichtigste Ergebnis: „Hätte man den strengeren Lockdown noch weiter durchgehalten, wäre die aktuelle Infektionswelle Mitte Mai vorbei. Man wären dann in der Lage gewesen, jede einzelne Infektion wieder durch die Gesundheitsämter nachverfolgen zu können."

„Sehr nah dran an der Realität"

Mimkes und Janssen haben die Infizierten-Zahlen der Johns Hopkins-Universität und des Robert-Koch-Instituts in sein Modell einfließen lassen und sind nun überzeugt, ein gutes Prognoseinstrument an der Hand zu haben. Beispiel Wuhan: Schon Anfang März habe das Modell vorausgesagt, dass es in China insgesamt 81.000 Infizierte geben werde, inzwischen melden chinesische Behörden knapp 84.000. „Sehr nah dran an der Realität", sei er mit seinen Prognosen gewesen, sagt Mimkes nicht ohne Stolz.

Anders als aufwendige Modellrechnungen der Pandemieforschung, in die beispielsweise auch Inkubationszeiten und genaue Übertragungsraten einfließen, stützen sich der Physiker, der Jahrzehnte an der Uni Paderborn gelehrt hat, vor allem auf die absoluten gemeldeten Fallzahlen. Und vergleicht, wie die sich in zwei unterschiedlichen Szenarien entwickeln: Ohne jede staatlich-gesellschaftliche Einflussnahme einerseits, mit strengen Quarantäne-Regeln andererseits.

Mit Methoden wie in China wäre die erste Infektionswelle fast vorüber

Ohne jeden Eingriff, das zeigen die Grafiken des Forscher-Duos, geht die Kurve steil nach oben: Das gefürchtete exponentielle Wachstum mit Millionen von Infizierten und Hunderttausenden Toten. „Dann wäre die Pandemie nach einigen Monaten praktisch vorbei gewesen", sagt Mimkes, „weil die meisten Überlebenden immun gewesen wären" – aber zu einem sehr hohen Preis.

Bei weiterem Lockdown wäre die Infektionskurve Mitte Mai fast am Ende, hat Physiker Mimkes errechnet. - © Jürgen Mimkes/
Bei weiterem Lockdown wäre die Infektionskurve Mitte Mai fast am Ende, hat Physiker Mimkes errechnet. (© Jürgen Mimkes/)

Mit ähnlich scharfen Eindämmungsmethoden wie in China, wo es ein strenges Ausgehverbot gab, hätte Deutschland die erste Infektionswelle dagegen schon Ende dieser Woche abhaken können, meint der Wissenschaftler. Gemessen an den Zahlen sei das die „kürzeste, schmerzloseste Variante" gewesen. Aber „alle einfach einzuschließen, ist wohl nur in einer Diktatur möglich". Hierzulande sei der Lockdown schrittweise und milder gewesen, entsprechend länger dauere nun das Abflauen der Welle.

Mimkes hat deshalb „immer geworben für eine möglichst strenge Abschottung", aber er sagt auch: „Entscheiden muss das natürlich die Politik". Dass die nun entschieden hat, die Maßnahmen schrittweise wieder aufzuheben, erfüllt den Paderborner mit Sorge. Denn noch immer seien mehr als 80 Millionen Menschen in Deutschland eben nicht immun gegen das Virus. Und die Gefahr, dass die Kurve doch wieder exponentiell nach oben schießt, sei nicht gebannt.

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