Warum Oma sich mit Rechten anlegt

Deutschlandweit gibt es sie rund 200 mal, die „Omas gegen Rechts“. Auf Demos sind sie stets friedlich. Doch vor gewalttätigen Angriffen schützt sie das längst nicht mehr.

Lieselotte Hasselhoff

Mit Plakaten: Omas gegen Rechts protestieren gegen den Auftritt von AfD-Chef Alexander Gauland in der Paderborner Innenstadt Mitte Juni. - © Omas gegen Rechts Paderborn
Mit Plakaten: Omas gegen Rechts protestieren gegen den Auftritt von AfD-Chef Alexander Gauland in der Paderborner Innenstadt Mitte Juni. (© Omas gegen Rechts Paderborn)

Bielefeld. Eines Morgens hatte Hanne einen Hassbrief im Briefkasten. "Er richtete sich gegen Geflüchtete und wurde in unserer Siedlung per Hand verteilt". Hanne lebt in einem eher ländlichen Teil von Bielefeld. Genau wie die anderen Bielefelder "Omas gegen rechts" möchte sie nur bei ihrem Vornamen genannt werden. "Dieser Brief hat mich dermaßen aufgeschreckt, dass mir klar wurde, es ist ganz nah." Sie hält kurz inne. "Das hat mir sehr viel Angst und Unruhe gemacht".

Angst. Das Wort fällt häufiger, wenn die "Omas" - so nennen sie sich selbst - berichten, was sie antreibt. Elf von ihnen sind für ein Gespräch mit dieser Zeitung zusammengekommen. Zu den regulären Treffen kommen bis zu 20 Frauen. Sie leben in Bielefeld und umliegenden Städten, wie Gütersloh. "Wir haben einen besonderen Zugang zur Angst, weil unsere Eltern uns das vermittelt haben", sagt Slavka. Sie trägt eine Leggins mit Leoparden-Muster und ein dunkles Oberteil. Mit 72 Jahren ist sie die Älteste der Gruppe. "Selbst nach dem Nationalsozialismus konnten sie nur mit leiser Stimme darüber reden. Die Angst war wie ein Brandzeichen auf ihrer Seele."

Ein Schreckmoment

Gemeinsam wirken die Omas alles andere als verängstigt. "Wir genießen Respekt", sagt Hanne. "Auf Demos sind wir ein gutes Gegengewicht zu anderen Gruppen, gerade in aufgeladenen Situationen." Bei ihren Aktionen bekommen die Omas gegen rechts viel Zuspruch. "Ihr seid die Besten", "so 'ne Oma will ich auch", "so ne scharfe Oma" - mit rauer Stimme ahmt Marion die Komplimente der jugendlichen Mitdemonstranten nach. "Mit einem habe ich sogar eine geraucht. Dabei rauche ich gar nicht." Die Frauen brechen in Gelächter aus.

Doch es kann auch ganz anders kommen. Marion krallt die Finger beider Hände ineinander während sie erzählt: "Nach meiner ersten Demo mit den Omas gegen rechts bin ich ins Café gegangen", sie deutet mit der rechten Hand auf ihre Brust: "Ich hatte meinen 'Omas gegen rechts'-Anstecker noch an. Da hat mich ein Mann, ein Bekannter, angegriffen, mir haben die Knie gezittert." Über ihrer blaugeränderten Brille zieht sie die Brauen nach oben. "Der sprang fast über den Tisch, wollte mir den Anstecker wegreißen und schrie immer nur 'Kümmere dich um was anderes, was ist das denn für ein Quatsch'. Gott sei Dank haben sich zwei ältere Herren dazwischen gestellt." Marion lehnt sich in ihrem Stuhl zurück.

Gemeinsam den Mund aufmachen

"Neuerdings sagen rechte Sprecher auf Demos, dass man es den 'Omas' mal richtig besorgen müsste", berichtet Susanne. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagener Aktenordner. In der Gruppe ist sie die, die gerne Dinge aufschreibt. "Frauen auf sexistische Art abzuwerten. Das gewinnt an Raum und wir sind ja die Generation in der viele Frauenrechte überhaupt erst eingeführt wurden." Während sie spricht, hält sie den Blick auf die beschriebene Seite vor sich gerichtet, ohne zu lesen. "Wir sind eine Plattform für Frauen in einem Alter, wo sie in politischen Diskussionen häufig unsichtbar sind. Das ist ein wichtiges Pfund der Omas gegen rechts: dass Frauen wie wir gemeinsam den Mund aufmachen und sich wehren können."

Susanne hebt den Blick: "Ich habe gearbeitet, meine Kinder erzogen und ich mich immer schön weggeduckt, wenn jemand rechte Parolen geäußert hat." Sie stützt den linken Ellbogen auf ihre Stuhllehne. "Aber dann saß ich einmal auf einer Fähre von Langeoog Richtung Festland. Zwei Männer unterhielten sich über Flüchtlinge, wie schlimm das alles sei." Sie dreht den Oberkörper zur Seite. "Ich dachte, nee, da sagst du jetzt mal nichts zu, das hat eh keinen Zweck. Plötzlich kamen sie auf Bielefeld zu sprechen. Eine Schwägerin habe erzählt, man könne nach 18 Uhr nicht mehr auf die Straße gehen, das wäre so gefährlich." Sie zieht hörbar die Luft ein. "Ich fragte: Worauf gründen Sie ihre Einstellung?" Susanne betont die nachfolgenden Worte. "Der Mann sagte nur: Ich weiß das."

Wenn Unsagbares sagbar wird

Was sagbar sei und was nicht, das verändere sich allmählich, sagt Slavka. „Da wird irgendetwas gesagt, im nächsten Moment heißt es: 'oh, das habe ich ja nicht so gemeint', etwas später wird es aber wiederholt und nach ein paar Monaten ist es ganz normal geworden." Annette versucht zusammenzufassen, was die Omas gegen rechts kritisieren: "Rechte sehen grundsätzlich eine unterschiedliche Wertigkeit von Menschen. Sie stellen die Demokraite in Frage." Ihre Mitkämpferin Angelika bekräftigt: "Ich möchte nicht in einem Land leben, wo man nicht sagen darf, was man will. Das will ich meinem Enkel ersparen."

Info
Info:

Die Omas gegen rechts treffen sich immer am zweiten Mittwoch im Monat um 17 Uhr im IBZ. Interessierte jeden Alters und Geschlechts sind willkommen. Erreichbar sind sie unter der Email-Adresse omasgegenrechts@gmx.de.

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