GüterslohSchock-Diagnose Brustkrebs: Maria hat ihren Tumor "Mistkerl" getauft

Etwa eine von acht Frauen erkrankt an Brustkrebs. Die Angst davor ist groß. Wie gehen Betroffene damit um? Diese Zeitung war zu Gast bei der Selbsthilfegruppe "Lust auf Leben" für Frauen mit Brustkrebs.

Jeanette Salzmann

Die Diagnose Brustkrebs ist für die betroffenen Frauen ein Schock. - © Gerald Dunkel
Die Diagnose Brustkrebs ist für die betroffenen Frauen ein Schock. © Gerald Dunkel

Gütersloh. Es war tatsächlich Freitag, der 13. als Carla im September von ihrem behandelnden Arzt die Diagnose Brustkrebs hört. „Bei der Größe müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen", dabei hatte sie das in diesem Moment gefühlsmäßig schon hinter sich, „denn es war die grauenvollste Woche in meinem Leben." Sieben Tage hatte sie nach der Biopsie auf das endgültige Ergebnis warten müssen. „Ich konnte auf dem Ultraschallbild ja schon selber erkennen, dass da was ist."

Heute lächelt sie. Zumindest ein bisschen. „Ich habe viel Glück gehabt." Jeden Tag geht sie zur Bestrahlung. Ihr ist übel. Egal. Zum zweiten Mal ist sie zum Treffen der Selbsthilfegruppe „Lust auf Leben" gekommen und lauscht den Erzählungen der anderen. „Ich brauche positive Beispiele." Die 48-Jährige will die Geschichten nicht nur von anderen hören, sie will sehen, um zu begreifen, dass es ein Leben trotz dieser Krankheit gibt. „Ich träume schlecht, wache nachts auf, habe Angst." Krebs, das sei eben immer noch Tod.

Fast 30 Prozent sind bei der Diagnose jünger als 55

Mit rund 69.000 Neuerkrankungen jährlich ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Fast 30 Prozent der betroffenen Frauen sind bei Diagnosestellung noch jünger als 55 Jahre – ein Alter, in dem die meisten anderen Krebserkrankungen zahlenmäßig noch kaum eine Rolle spielen. Seit dem Jahr 2000 steigt die Zahl der Brustkrebspatientinnen kontinuierlich an.

„Angst", sagt Maria Eißing, „ist in dieser Situation ein ganz angemessenes Gefühl." Sie ist niedergelassene Gynäkologin und Ärztliche Psychotherapeutin und somit erste Anlaufstelle für Patientinnen im Brustkrebszentrum Gütersloh. „Es geht auch nicht darum, die Angst wegzubekommen. Das ist nicht realistisch", eher solle man versuchen, sie runter zu regulieren, ihr einen Platz im eigenen Gefühlsorchester geben. Kein leichtes Unterfangen.

Christa ist 65. Heute Morgen hatte sie die neunte Chemotherapieeinheit. Zum Treffen der Selbsthilfegruppe wollte sie unbedingt kommen. Auch sie kann sich an das Datum ihrer Krebsdiagnose erinnern. Es hat sich eingebrannt. „Ich saß zitternd da." Mit ihrer Gynäkologin wollte sie fortan nichts mehr zu tun haben – nicht wegen der Diagnose, sondern wegen der Art und Weise der Mitteilung. Sie nahm die Dinge selbst in die Hand, meldete sich im Krankenhaus und startete mit der Behandlung. Auf eine Zweitmeinung verzichtete sie. Wie alle in dieser Runde.

"Der Verlust meiner Haare war für mich das Schlimmste"

Die Brust ist operiert und ausgeräumt. Christa trägt Perücke. „Von den vielen Medikamenten habe ich zugenommen. Schrecklich. Das bin ich nicht", sagt Christa und weiß zugleich, dass sie dankbar sein muss für ihren guten Allgemeinzustand. Irmgard (70) setzt noch einen drauf: „Der Verlust meiner Haare war für mich das Schlimmste an der ganzen Krankheit." Alle lachen gemeinsam. Für die einen ist es Eitelkeit, für die anderen Würde. „Warte mal ab, wenn die Haare wiederkommen. Dann hast du Löckchen wie ein Pudel." Auch das ist nur eine Phase.

Info
Kooperatives Brustzentrum

Das Kooperative Brustzentrum Gütersloh ist gemäß den Anforderungen der Ärztekammer Westfalen seit 2006 zertifiziert. Ziel des Zentrums ist es, die qualitativ hochwertige Versorgung von Brustkrebspatientinnen im Kreis Gütersloh sicherzustellen. Dazu arbeiten das Klinikum Gütersloh und das Sankt Elisabeth Hospital bei Therapie und Nachsorge in enger Abstimmung mit niedergelassenen Frauenärzten zusammen. Damit wird sichergestellt, dass die Patienten kontinuierlich optimal betreut werden. In den regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenzen mit Spezialisten aus verschiedenen Fachbereichen werden die Behandlungsabläufe der Patienten des Kooperativen Brustzentrums gemeinsam besprochen. Zahlen aus der Patientenbefragung (2018): Behandlungszufriedenheit: 91 Prozent, Zufriedenheit mit der Stationären Aufnahme: 92 Prozent.

Die 70-Jährige war an einer besonders aggressiven Art von Brustkrebs erkrankt – entdeckt beim Brust-Screening, das aufgrund ihres Alters zum letzten Mal stattfinden sollte. „Was willst du denn machen. Soll ich mich traurig in die Ecke setzen?" Irmgard ging auch mit Perücke schwimmen. „Für mich war es unheimlich wichtig, dass ich mit allem weitermachen kann." Die Krankheit sollte auf keinen Fall die Oberhand in Irmgards Alltag gewinnen.

Nach Einführung des Mammographie-Screening-Programms in Deutschland für Frauen von 50 bis 69 Jahren (je nach Region zwischen 2005 und 2009) stiegen die Erkrankungsraten in der entsprechenden Altersgruppe zunächst sprunghaft an. Seit 2009 gehen sie allerdings wieder kontinuierlich zurück und liegen zuletzt (2014) nur noch leicht über dem Ausgangsniveau. Diese Entwicklung zeigt, dass in der ersten Phase des Programms viele Tumore deutlich früher entdeckt wurden als ohne Screening. „Die meisten von uns haben ihre Diagnose durch das Screening erfahren", bestätigt Mechthild. Sie leitet die Selbsthilfegruppe. Sie gilt als geheilt und kümmert sich trotzdem alle 14 Tage um die Treffen.

Heute sterben weniger Frauen am Krebs als noch vor 20 Jahren

Manche kommen nur einmal, andere 50 mal. Aber das erste psychologische Gespräch im Brustkrebszentrum führt Maria Eißing zu 90 Prozent. „Ich sehe fast alle, wenn die Diagnose frisch ist." Eißing weiß: „Viele Frauen leiden unter der Unsicherheit vorher viel mehr als mit der Klarheit der Diagnose." Ein Gedanke hinge dennoch über allem: „Muss ich jetzt sterben?" Besonders junge Frauen oder die Gruppe der Alleinerziehenden seien unmittelbar in Sorge – nicht um sich selbst, sondern um ihre Kinder. „Ich bin dafür, ehrlich mit den Frauen umzugehen", sagt Eißing.

„Meine Söhne sind beide erwachsen", sagt Carla, „aber meine Tochter ist erst elf. Meine größte Sorge war, wie ich ihr das beibringe." Kinder von heute schauen ins Internet. Carlas Tochter auch. Deshalb sei es wichtig gewesen, immer wieder darüber zu sprechen, denn Google vermittle oft einen falschen Eindruck.

Trotz der langfristig deutlich gestiegenen Erkrankungszahlen sterben heute weniger Frauen an Brustkrebs als noch vor 20 Jahren. „Durch Fortschritte in der Therapie haben sich die Überlebenschancen für die Betroffenen deutlich verbessert", weiß Gynäkologin Maria Eißing. Die relative 10-Jahres-Überlebensrate liegt in Deutschland statistisch bei 82 Prozent.

Auch inzwischen wieder gesunde Frauen kommen noch zu den Treffen

Christine (59) erhielt 2004 die Diagnose Brustkrebs. „Damals war ich das Küken. Heute sehe ich viele jüngere Frauen." Aus heutiger Sicht, so ihre Einschätzung, gab es weit weniger Möglichkeiten, sich zu informieren. „Meine Prognose war damals nicht so gut", der Tumor sehr aggressiv. Auch Christine kommt weiterhin regelmäßig zum Treffen. Es hilft ihr bis heute, obschon sie gesund ist. „Angst macht sensibel", weiß Dr. Eißing, „das ist auch positiv." Sensibel um das eigene Leben.

„Krank waren immer nur die anderen. Ich hatte nie etwas", sagt Mechthild und lacht über sich selbst. „Heute bin ich ein Hypochonder!" Sobald es zwickt, sei der Verstand hellwach. Alle Frauen am Tisch nicken. Auch das gehört zur Wahrheit: in 2014 gab es 17.670 Sterbefälle durch Brustkrebs. „Seitdem ich die Selbsthilfegruppe 2013 leite, sind insgesamt sieben Frauen von uns an der Krankheit gestorben. Meine Vorgängerin gehört auch dazu", erklärt Mechthild.

Die Krankheit hat auch ihre „guten" Seiten

Trotzdem: die Krankheit hat auch ihre „guten" Seiten. Carla hat endlich aufgehört zu rauchen, Irmgard macht jeden Tag Sport und Mechthild konnte drei Jahre früher in Rente gehen, „Ich habe nach einem wirklich stressigen Job jetzt Zeit für mich. Ich genieße Dr. Wald." Außerdem fühle sie sich viel wohler, denn seit ihrer Brust-OP habe sie („endlich!") kleinere Brüste.

Maria (63) hört aufmerksam zu, überlegt und sagt: „Ich habe fünf Geschwister. Seit meiner Erkrankung ist das Verhältnis viel intensiver geworden." Die Sorge umeinander habe die Familie zusammengeschweißt. „Und meine Tochter behauptet, seitdem ich krank war, spreche ich unangenehme Dinge eher an. Ich sage jetzt, was mich stört." Gestört habe sie eben auch dieser Knoten in der Brust. „Mistkerl" hat sie ihn getauft und entsprechend behandelt. Und was man mit Mistkerlen macht, ist hier am Tisch jedenfalls allen klar.


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