Kostenlose Unterkunft gegen Hilfe: Menschen aus OWL testen das neue Konzept

In der Facebook-Gruppe „Urlaub gegen Hand“ haben Wolfram Schultz und Judith Neuhof Unterstützung, aber auch Freunde gefunden. So funktioniert das Konzept

Jemima Wittig

Wolfram Schultz lebt abgelegen im Wald bei Bad Lippspringe. Über das Programm „Urlaub gegen Hand" nimmt er hier manchmal Gäste auf. - © Jemima Wittig
Wolfram Schultz lebt abgelegen im Wald bei Bad Lippspringe. Über das Programm „Urlaub gegen Hand" nimmt er hier manchmal Gäste auf. (© Jemima Wittig)

Bielefeld/Bad Lippspringe. Urlaub bei und mit einem Fremden. Kostenlos. Klingt komisch, vielleicht sogar gefährlich. Ist aber ein Konzept, das zu funktionieren scheint. Bei Facebook haben sich in einer Gruppe hunderttausende Menschen verknüpft, die entweder Urlaub suchen, oder ihre Unterkunft anbieten – gegen etwas Hilfe. Mit dabei sind auch ein Mann aus dem Kreis Paderborn, der Hilfe auf seinem Hof suchte und eine Frau aus Bielefeld, die jemanden brauchte, der zwei Wochen lang auf ihr Kleinkind aufpasst.

Die Gruppe „Urlaub gegen Hand" (UgH) besteht seit dem 20. Januar 2015 und hat mehr als 111.000 Mitglieder. Deutschsprachige Menschen aus der ganzen Welt sind darüber verknüpft. Der Name verrät das recht einfache Konzept. „Diese Gruppe ist für all diejenigen gedacht, die eine kostenlose Unterkunft oder einen Stellplatz für ein Wohnmobil oder Wohnwagen im In- und Ausland für einen Urlaub oder auch für längere Zeit anbieten oder suchen", steht in der Information über die Gruppe. Fremde im eigenen Zuhause, der Küche, dem Bad.

Wolfram Schultz suchte Unterstützung auf seinem Hof und fand Freunde

„Komisch ist das nicht", sagt Wolfram Schultz. Seit Anfang des Jahres kommen immer mal wieder Gäste nach Bad Lippspringe zu dem 57-Jährigen, die er nur über Facebook und das ein oder andere Telefonat kennt. Angefangen hat alles im April. „Eigentlich lese ich in der Gruppe nur mit, weil mich das Konzept interessiert, selbst geschrieben habe ich nie etwas", sagt Schultz. Seine erste Besucherin hat er dann aber selbst kontaktiert. Sie hatte in der Gruppe nach einem Urlaub für sich und ihre Mutter gesucht. „Sie hat so offen über sich und ihre Situation geschrieben, dass ich ihr geantwortet habe", so Schultz. Er suchte jemand, der ihm hilft, den Ziegenstall auszumisten und sie einen Ort, an dem es ruhig ist. „Das Konzept ist ein Geben und Nehmen." Seine Besucherin war so begeistert von dem Aufenthalt, dass sie inzwischen mehrfach in den Kreis Paderborn zurück gekommen ist und einen Erfahrungsbericht in die Gruppe geschrieben hat. „Wie sind als UgH Gäste gekommen und werden als Freunde immer wieder kommen", schreibt sie darin. Auf den Bericht hin haben sich immer mehr Leute bei Schultz gemeldet. 300 seien es innerhalb kürzester Zeit gewesen, die ihn über Facebook angeschrieben hätten. Sieben davon seien inzwischen bei ihm gewesen. „Wer mag, ruht sich hier aus. Wer mag, hilft ein bisschen mit und repariert einen Zaun, stapelt Holz oder pflückt Beeren. Eben eine Win- Win-Situation."

Judith Neuhof brauchte Hilfe in einer Notlage und fand sie bei Facebook

Als solche beschreibt auch Judith Neuhof ihre Erfahrung mit UgH. Die 36-jährige Bielefelderin suchte für Juli jemanden, der sich zwei Wochen lang um ihren einjährigen Sohn kümmern konnte, während sie bei der Arbeit war. „Ich war in einer Notsituation", sagt die alleinerziehende Mutter. Die Tagesmama sei im Urlaub gewesen, die Familie nicht in der Nähe und in die Kita sei er zu der Zeit noch nicht gegangen.

Wie Schultz inserierte sie dennoch nicht selbst, sondern meldete sich auf den Aufruf einer jungen Frau, die Urlaub in NRW machen wollte. „Wir telefonierten zunächst und es passte auf Anhieb", so Neuhof. Viele aus ihrem Umfeld hätten ungläubig reagiert, als sie hörten, dass sie eine Fremde zu sich einlädt und ihren Sohn bei ihr lässt. Allerdings habe sie regelmäßig Bilder und Videos von den gemeinsamen Ausflügen geschickt bekommen. „So konnte ich beruhigt arbeiten gehen und wusste, dass mein Sohn in prima Händen ist", so Judith Neuhof. „Rückblickend war es das Beste, was mir passieren konnte. Vertrauen macht sich bezahlt."

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