Medienpädagogen: Handys für Grundschüler überhaupt noch nicht geeignet

Studie zeigt außerdem: Medienunterricht an Grundschulen bislang nur rudimentär

Anneke Quasdorf

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Düsseldorf. Handys schon für Erstklässler, das hat jetzt der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg, gefordert. Seine Begründung: Auch Kinder haben ein Recht auf digitale Teilhabe und Anleitung im Umgang mit den entsprechenden Geräten. Diese Meinung teilen Medienpädagogen allerdings nicht.

"Ein eigenes Smartphone für Erstklässler ist nicht notwendig. Ich finde, das ist zu früh", sagt Martin Müsgens. Er ist Medienpädagoge bei der Landesanstalt für Medien NRW. "Man muss sich klarmachen, wie viele Einzelgeräte und Funktionen in einem Smartphone stecken: Computer, Kamera, Fotoapparat, Internet, Apps. Das ist sehr viel auf einmal. Ein eigenes Smartphone, das ungesichert alle Funktionen zur Verfügung stellt, überfordert Grundschüler der 1. Klasse in der Regel. Gleichzeitig sind Verallgemeinerungen immer schwierig, da jedes Kind andere Voraussetzungen mitbringt", betont der Experte.

Dieser Ansicht ist auch Renate Röllecke von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur. "Digitale Medien sind für Bildungszwecke heute sehr wichtig, daher ist in der Tat zu überlegen, ab wann Kinder ein Handy bekommen können. Da mit Handys meist Smartphones gemeint sind und Kinder damit oftmals einen so gut wie unbeschränkten Zugang ins Internet und oft auch in Social Media wie Whats App haben, sollten sich Eltern sehr gut überlegen, wann ihre Kinder oder die Familien in der Lage sind, diese komplexen sozialen und technischen Anwendungen zu handhaben."

Whatsapp und Youtube am beliebtesten

Schon jetzt seien viele Acht- oder Neunjährige unterwegs mit Social-Media-Apps ohne jegliche Sicherheitseinstellungen. "In der Regel werden Kindern rund um den Schulwechsel in die weiterführenden Schulen heute Smartphones zur Verfügung gestellt. Sicher sind für jüngere Kinder aus vielen Gründen eher Tablets, mit einer kleinen Auswahl an Programmen und Zugängen, die bessere Wahl. Ohne eine umfassende Medienbildung hat das Bereitstellen von Geräten - seien es Tablets, Handys oder Whiteboards - noch nie wirklich gut funktioniert."

Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS) veröffentlicht seit 1999 regelmäßig die KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien), die den Stellenwert von Medien im Alltag von Kindern untersucht. Dazu werden Sechs- bis 13-Jährige und ihre Eltern befragt. Für 2018 ergab die Untersuchung, dass zwei Drittel der befragten Kinder zu den Internetnutzern zählen. Selten nutzt nur ein Drittel der Sechs- bis Siebenjährigen das Netz. Im Alter von acht bis neun Jahren sind knapp drei von fünf Kindern online. Zu den Hauptbeschäftigungen gehören Recherchen über Suchmaschinen, das Verschicken von Whatsapps und das Anschauen von Videos auf Youtube.

Gerade Whatsapp und Youtube sind ohne Begleitung Erwachsener aber in den Augen von Medienpädagoge Martin Müsgens noch nicht geeignet für Grundschüler jüngerer Klassen. "Bei Youtube habe ich, wenn ich nicht registriert bin, keine Kontrolle, was mir angezeigt wird, ob Werbung für Horrorfilme zum Beispiel oder nicht altersgerechte Folgevideos, die durch Autoplay gestartet werden. Werden jüngere Kinder mit einem eigenen Smartphone allein gelassen, können sie dadurch sehr verängstigende Momente erleben."

Entdecken ja, überfordern nein

Müsgens plädiert deshalb für eine umfassende Medienerziehung, sowohl zu Hause als auch in den Schulen. "Natürlich müssen Kinder in unserem Zeitalter auch schon in der Grundschule an digitale Medien herangeführt werden. Allerdings unter dem Motto: Entdecken ja, überfordern nein. Und ganz sicher kein eigenes Smaratphone. Besser sind hier digitale Endgeräte mit altersgerechten Programmen geeignet, die den Kindern vorübergehend zur Verfügung gestellt werden."

Die Landesanstalt für MedienNRW bietet hierzu eine Vielzahl von Angeboten und Aktionen, das Internet-ABC zum Beispiel. Im Kinderbereich der Plattform lernen Kinder Schritt für Schritt interaktiv die Grundlagen für das sichere Surfen im Netz. Auf den Seiten für Lehrkräfte finden sich Erläuterungen und Informationen, warum das Internet Thema in der Schule sein sollte, welche Voraussetzungen (Lehrpläne, Computer und Software, Ausbildung/Weiterbildung) gegeben sein sollten und wie medienpädagogische Projekte oder ein Elternabend in der Praxis gelingen können. Auch Eltern steht ein umfangreicher Bereich mit Informationen zur zur Verfügung. Mit dem Angebot www.mediennutzungsvertrag.de können Eltern und Kinder gemeinsam Regeln für die familiäre Mediennutzung festlegen.

Auch Renate Röllecken findet es wichtig, Kinder schon im Grundschulalter an Medien heranzuführen. "Alle Kinder müssen die Chance haben altersgerecht, kreativ und kritisch auch digitale Medien nutzen zu lernen. Sie müssen schon sehr früh etwas über Risiken erfahren und einen risikoarmen Umgang erlernen können, sie sollten aber auch kreative und bildungsbezogene Nutzungsformen kennenlernen können. Das geht nur mit und nicht ohne Medien. Und das geht nicht ohne Medienpädagogik."

"Rudimentärer Medienunterricht an Grundschulen"

Genau daran hapert es gerade an Grundschulen allerdings noch gewaltig, wie eine Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) vom März diesen Jahres zeigt. Nur ein Viertel der befragten Schulleitungen gaben hier an, dass es an ihren Schulen Klassensätze an Tablet-PCs oder Smartphones gebe.

"Dementsprechend rudimentär fällt der Medienunterricht an Grundschulen aus", sagt der Bundesvorsitzende des VBE, Udo Beckmann. "Spätestens, wenn aus den Kindern Teenager werden, sollte jedoch ausreichend Medienkompetenz ausgebildet sein, damit sich die Schüler sicher im Internet bewegen, sich um die Sicherheit ihrer Daten bemühen und ein angemessenes Nutzungsverhalten an den Tag legen.

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