Hauen und Stechen um Krankenhäuser, auch in OWL

Eine Debatte um das mögliche Aus für hunderte Kliniken ist entbrannt. Die Argumentation mit der Patientensicherheit hält ein Paderborner Experte für einen „medialen Skandal“.

Martin Krause

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Bielefeld. Mit der Empfehlung, 800 von 1.400 Krankenhäusern in Deutschland zu schließen, um die medizinische Versorgung zu verbessern, hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung einen Sturm der Entrüstung entfacht.

„Studien, die einen Konzentrationsprozess mit einer derart drastischen Zahl von Krankenhausschließungen befürworten, werden der Situation und dem Bedarf vor Ort nicht gerecht", erklärte recht nüchtern zum Beispiel Verena Göppert vom Deutschen Städtetag.

Als „falsch und überzogen" bewertete der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach die Schlussfolgerungen der Studie. Er ist hier auf einer Linie mit dem CSU-Politiker Bernhard Seidenath, der meint, es sei „ein Trugschluss, dass weniger Krankenhäuser in der Fläche mehr Qualität mit sich bringen.

"Denn auch Wohnortnähe ist ein Qualitätskriterium", so der Franke. Und Mediziner sehen in der Studie der Stiftung die „Verunglimpfung von Ärzten" – immerhin werden sie wegen mangelnder Erfahrung oder Qualifikation für „Komplikationen und Todesfälle" verantwortlich gemacht.

Ausdünnung der Kliniklandschaft könnte auch OWL-Krankenhäuser treffen

Während die Experten also über Sinn und Unsinn einer massiven Ausdünnung der Kliniklandschaft diskutieren, könnte es für manches Krankenhaus in NRW – und auch in OWL – schnell ernst werden.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) will in den kommenden Wochen ein Gutachten präsentieren, das „die regionale Unter- und Überversorgung ermitteln" und "Handlungsempfehlungen für die zukünftige Krankenhausplanung abgeben" soll.

Bis Ende 2019 soll der neue Plan entwickelt werden, heißt es aus Düsseldorf. „Ziel ist eine gut erreichbare und qualitativ hochwertige Versorgung der Bürgerinnen und Bürger", so Laumann.

Der Inhalt des Gutachtens ist noch vertraulich, aber erwartet wird – obwohl Laumann nicht als Freund von Klinikschließungen gilt und ausdrücklich auch eine „gut erreichbare Versorgung" anstrebt – dass die neue Planung auch das Aus für manchen Klinikstandort bedeutet. Häuser mit weniger als 300 bis 400 Betten gelten als gefährdet, vor allem in Städten, in denen es mehrere Kliniken gibt.

"Spekulationen über Schließungen sind Unsinn"

„Spekulationen über konkrete Schließungen sind Unsinn", kritisiert allerdings Josef Düllings, der Präsident des Verbands der Krankenhausdirektoren und Geschäftsführer des St. Vincenz-Krankenhauses in Paderborn.

Dass die „eigentlich von renommierten Forschern" erarbeitete Studie die Forderung nach Konzentration mit Gefahren für die Patientensicherheit begründet, hält er für einen „medialen Skandal". Tatsächlich sei die Zahl der Behandlungsfehler bereits rückläufig.

Allerdings ist auch Düllings grundsätzlich für eine Reduzierung der Standorte: „Wir brauchen eine Konzentration auf weniger Standorte", sagt er, „und zwar aus ökonomischen Gründen". Um die medizinisch optimale Struktur zu verwirklichen, müssten die Länder aber bis zu 80 Milliarden Euro investieren, gibt er zu bedenken.

Neue Arbeitsteilung unter den Krankenhäusern sinnvoll

Der westfälisch-lippische Ärztekammerpräsident Theo Windhorst spricht sich für eine verbesserte – straffere – Arbeitsteilung unter den Krankenhäusern aus. Dass es in Bielefeld zum Beispiel drei Kliniken mit kardiologischen Abteilungen gibt (in Bethel, Städtischem Klinikum und Franziskus), hält Windhorst für übertrieben.

Verhandlungen könnten dazu führen, dass ein Haus etwa die Thoraxchirurgie ausbaut, ein anderes dafür die Gastroenterologie.

Doch der Bielefelder, der prinzipiell für den Erhalt mehrerer Klinikkategorien von der Erstversorgung vor Ort bis zur Maximalversorgung in Zentren steht, ahnt: „Es wird Hauen und Stechen geben." Die Gespräche müssten gegebenenfalls von der Landesregierung moderiert werden.

Sollte es konkrete Schließungspläne für Kliniken zwischen Rahden und Rheda-Wiedenbrück geben, werden sich noch mehr Gegner zeigen: Kommunen, die um Jobs und Infrastruktur bangen. Und Krankenhausträger, die um ihre unternehmerische Freiheit kämpfen und etwa auf das Kartellrecht pochen.

Eindeutig auf die Seite der Studienautoren geschlagen hat sich die stets an die Kosten denkende KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung): „Kleine und defizitäre Krankenhäuser um jeden Preis zu erhalten, ist nicht zielführend", so die KBV. „Ziel sollte sein, die knappen ärztlichen und pflegerische Ressourcen zu bündeln."

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