So wollen Gütersloher Muslime etwas gegen Terror tun

Angesichts des im Namen des Islam verübten, unsäglichen Terrors fühlen sich Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde verpflichtet, etwas zu tun

Nicole Hille-Priebe

Engagiert: Die Vertreter der Gütersloher Ahmadiyya-Gemeinde. - © Andreas Frücht
Engagiert: Die Vertreter der Gütersloher Ahmadiyya-Gemeinde. (© Andreas Frücht)

Gütersloh. Wenn es um Glaubensrichtungen im Islam geht, dann meistens um den kriegerischen Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Von den weltweit etwa 1,2 Milliarden Muslimen gehören rund 90 Prozent der sunnitischen Richtung der Religion an und neun Prozent der schiitischen. Macht zusammen 99 Prozent.

Die fünf Männer, die sich im Tagungsraum des Holiday Inn an die Presse wenden, gehören zu dem fehlenden einem Prozent. Sie sind anders als andere Muslime, sagen sie. Sie sind Ahmadiyya, eine von 73 besonderen Glaubensrichtungen innerhalb des Islam.

Die Kampagne

„Angesichts des im Namen des Islam verübten, unsäglichen Terrors fühlen wir uns als Muslime dazu verpflichtet, die Bevölkerung über unsere Heimatliebe und Loyalität gegenüber Deutschland aufzuklären", erklärt der Osnabrücker Imam Luqman Shahid. „Krieg und Frieden ist für die Menschen ein großes Thema und die islamischen Länder stehen bei dieser Diskussion im Mittelpunkt."

Shahid und die anderen wollen diesen Blickwinkel verändern, indem sie auf die Straße gehen, um aufzuklären. Ihre Kampagne „Wir alle sind Deutschland" hat das Motto „Liebe für alle – Hass für keinen" und ist bereits durch andere Kreise in OWL getingelt. Diesen Monat startet sie in Gütersloh. Die Gemeinde ist hier zwar noch sehr übersichtlich, aber dem Imam und seinen Leuten geht es ja auch eher um Kontakt und Dialog mit den Deutschen.

Von ihrer Kampagne erhoffen sich die Männer, „dass die Bürger zwischen Muslimen und fanatischen Extremisten zu differenzieren lernen". Am Samstag, 29. Juni, wird es dazu eine Flyer-Aktion in der Innenstadt geben, Vorträge und Fragerunden sollen das Programm im gesamten Kreisgebiet abrunden.

Die Ahmadiyya

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ist eine islamische Reformgemeinde, die von Mirza Ghulam Ahmad in den 1880er Jahren in Britisch-Indien gegründet wurde. In Deutschland gib es rund 45.000 Mitglieder, 220 Lokalgemeinden und 55 eigene Moscheen, die nächsten sind in Münster und Osnabrück. In Hessen und Hamburg ist die AMJ seit fünf Jahren als Körperschaft öffentlichen Rechts den Kirchen gleichgestellt. „Auch wir glauben nicht, dass Jesus am Kreuz gestorben, sondern auferstanden ist. Das ist unser Schnittpunkt", erklärt der Imam. „Wir sind die einzige Glaubensrichtung im Islam, die daran glaubt, dass der Messias schon da war."

Von den meisten anderen Muslimen wird die Ahmadiyya-Lehre deshalb als Häresie betrachtet und abgelehnt. In islamischen Ländern werden die religiösen Gemeinden und deren Aktivitäten entsprechend bekämpft, was zu Beschränkungen und Verfolgung in diesen Ländern führte. Ihr spirituelles Oberhaupt Mirza Masrur Ahmad lebt deshalb im Exil in London.

Kopftuch und Co.

An der Kopftuchfrage scheiden sich bekanntlich die Geister. Für die Ahmadiyya ist die Sache klar: „Ein Kopftuch ist kein Hindernis für Frauen. Sie können damit als Ärztin, Architektin oder Ingenieurin arbeiten. Es sagt nichts über ihre Freiheit aus", sagt der Imam. Schließlich wolle Gott das Leben für kein Geschlecht schwer, sondern leichter machen. Und zumindest während der nach Geschlechtern streng getrennten Gebete ist die Kopfbedeckung auch für Männer Pflicht. Dass die Mitglieder der AMJ trotz ihrer konservativen Haltung die Trennung von Religion und Staat betonen, öffnet ihnen in Deutschland viele Türen.

Lob und Kritik

„Indem Sie den Islam als Religion der Toleranz und des Friedens vorleben, helfen Sie, Vorurteile abzubauen. Sie tragen entscheidend zu einem guten Miteinander in unserem Land bei. Integration braucht Vorbilder. Die Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde sind solche Vorbilder", schrieb Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) der AMJ vor zehn Jahren anlässlich ihrer Jahresversammlung ins Stammbuch.

Aber es gibt auch kritische Stimmen. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnete die in Istanbul geborene Soziologin und Frauenrechtlerin Necla Kelek die Ahmadiyya als „alles andere als weltoffen". Im Glaubenskern unterscheide sich die Gemeinschaft kaum von anderen streng konservativen islamischen Gemeinschaften.

Ärger in Versmold

„Es gibt keine Frage, die man uns nicht stellen kann. Wir sind offen auch für die Besorgnis der Bürger", betont Imam Shahid – trotz manch negativer Erfahrung, die die Ahmadiyya bereits in der Region gemacht haben. In Versmold, wo die Gemeinde seit mehreren Jahren aktiv ist, hat sie 2016 eine große Islam-Ausstellung im Rathaus organisiert, die von Bürgermeister Michael-Meyer Hermann unterstützt und eröffnet wurde. Im Vorfeld dazu gab es jedoch anonyme Drohungen gegen Meyer-Hermann, deren Inhalt so schwerwiegend war, dass der Vorgang an die Staatsanwaltschaft ging.

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