Extremer Anstieg: Zahl der gemeldeten Prostituierten mehr als verdreifacht

Im vergangenen Jahr haben sich 101 Frauen als Prostituierte angemeldet, 2017 waren es nur 28 – woran liegt das?

Lena Vanessa Niewald

Erst seitdem 2017 das Prostituiertenschutzgesetz eingeführtwurde, dürfen Prostituierte ihre Dienste nur mit einer gültigenBescheinigung anbieten. 
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Erst seitdem 2017 das Prostituiertenschutzgesetz eingeführtwurde, dürfen Prostituierte ihre Dienste nur mit einer gültigenBescheinigung anbieten.

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Kreis Gütersloh. Sie wollen im Bordell arbeiten. Oder ihre sexuellen Dienste in einer Wohnung anbieten. 101 Frauen im Kreis Gütersloh haben sich im vergangenen Jahr als Prostituierte angemeldet. Deutlich mehr als noch vor zwei Jahren. Damals waren es bloß 28 Frauen, die sich für die Rotlicht-Branche entschieden. Ein extremer Anstieg, der aber offenbar leicht zu erklären ist.
Laut Martina Knölker von der zentralen Anmeldestelle der Stadt Bielefeld ist er auf das Prostituierten-Schutzgesetz zurückzuführen. Erst seitdem das am 1. Juli 2017 eingeführt wurde, dürfen Prostituierte nur noch mit einer gültigen Bescheinigung ihrer Tätigkeit nachgehen. Wer das ignoriert, für den kann’s richtig teuer werden: Bei Verstoß gegen die Anmeldepflicht droht ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro.

Eine körperliche Untersuchung muss nicht sein

Der Kreis Gütersloh gehört zu einem Zusammenschluss mehrerer Kommunen, für die die zentrale Anmeldestelle für Prostituierte in Bielefeld eingerichtet wurde. Im aktuellen Jahr waren bislang neun Frauen aus dem Kreis Gütersloh bei Martina Knölker und ihrem Team. Wer in der Prostitution tätig sein möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein und einen gültigen Ausweis haben. Um die Meldebescheinigung dann zu bekommen, müssen sich die Frauen vorher gesundheitlich und persönlich beraten lassen.
Bei der gesundheitlichen Beratung geht es darum, Themen wie den Schutz vor Krankheiten, Verhütung oder die Risiken von Alkohol und Drogen anzusprechen. Was viele nicht wissen: Es gibt keine körperliche Untersuchung, bevor die Frauen in Bordellen und Co. arbeiten dürfen. „Um eine Anmeldebescheinigung zu bekommen, ist das nicht notwendig", sagt Knölker.

Großteil kommt aus Osteuropa

Bei der persönlichen Beratung werden die Frauen dann über ihre Pflichten wie die Kondompflicht oder die Mitnahmepflicht der Anmeldung, aber auch ihre Rechte aufgeklärt. Vor allem Letzteres ist laut Knölker ein enorm wichtiger Punkt. Denn: Nach dem neuen Gesetz haben Prostituierte viele Rechte erhalten, über die vorher kaum öffentlich gesprochen wurde. Demnach entscheiden sie zum Beispiel selbst, welche Praktiken sie anbieten möchten und welche nicht oder welchen Preis sie dafür verlangen. Knölker: „Nur du selbst entscheidest! Das ist das, was wir den Frauen immer wieder sagen."
Beide Beratungen werden in einer Sprache geführt, die die Frau versteht. „Viele Frauen, die zu uns kommen, stammen aus Osteuropa. Sie sprechen teilweise kaum Deutsch", sagt Knölker. Häufig würden deshalb Sprachvermittler hinzugezogen. „Die Personen dürfen nur dabei sein, wenn die Frau und die Anmeldebehörde einverstanden sind."

"Es kommt niemand her und sagt, ich will das eigentlich gar nicht machen"

Martina Knölker und ihr Team sind dann nicht dafür zuständig, die Frauen nach der Anmeldung an Bordelle oder Wohnungen zu vermitteln, in denen Prostitution angeboten wird. „Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir geben den Frauen mit auf den Weg, dass sie sich vorher über die Häuser informieren sollten, wo sie anfangen möchten, um nicht Opfer von Menschenhandel zu werden."
Wenn sie merke, dass eine Frau Probleme mit der Familie, mit Krankheiten oder Ähnlichem habe, dann stelle sie Kontakt zu Hilfsorganisationen her. „Aber in der Regel kommen die Frauen zu uns, die sich bewusst für die Prostitution entschieden haben. Es kommt niemand her und sagt, ich will das eigentlich gar nicht machen." Letztlich sei jede Frau für sich selbst verantwortlich. Häufig wisse sie auch gar nicht, wo die einzelnen Frauen später arbeiten werden, so Martina Knölker.

18 Anträge für Bordellbetriebe oder Wohnungsprostitution gestellt

Seit Inkrafttreten des neuen Schutzgesetzes, das auch vorsieht, dass Prostitutionsbetriebe eine Erlaubnis von einer zuständigen Behörde brauchen, wurden beim Kreis Gütersloh 18 Anträge gestellt – sowohl für Bordellbetriebe als auch für Wohnungsprostitution. Ob die Dunkelziffer höher ist, darüber mag das Ordnungsamt des Kreises nicht mutmaßen. „Dazu kann keine Aussage getroffen werden", heißt es auf Nachfrage.
Sobald ein Hinweis auf einen bislang nicht gemeldeten Prostitutionsbetrieb eingehe, würde er gemeinsam mit der Polizei überprüft. Generell führen Ordnungsamt und Polizei regelmäßig Vor-Ort-Kontrollen durch. Bei Betrieben, die negativ auffallen, werde häufiger geprüft, sagt Kreissprecher Jan Focken. Sofern die Beamten einen Verstoß gegen das Gesetz feststellen, werde ein entsprechendes Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Androhung eines Zwangsgeldes

„Wenn bestimme Vorgaben nicht eingehalten werden, wird eine Ordnungsverfügung erlassen und der Adressat unter Androhung eines Zwangsgeldes zu einem Tun, Dulden oder Unterlassen verpflichtet", sagt Focken. Dazu gehören unter anderem angemessene Sanitäreinrichtungen, Mindestgrößen für die Arbeitsräume oder ein Notrufsystem. Im äußersten Härtefall bestehe laut Focken noch die Möglichkeit, die Erlaubnis zu entziehen und den Betrieb zu schließen.

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