NRW droht eine Zeckenplage

Durch den trockenen Sommer 2018 und den milden Winter erwarten Experten für dieses Jahr eine große Zahl der kleinen Tierchen. Doch was bedeutet das für die Menschen in OWL?

Carolin Nieder-Entgelmeier

Was krabbelt denn da?: Wer in Wald und Wiesen unterwegs ist, sollte sich anschließend nach Zecken absuchen. - © CCO Pixabay
Was krabbelt denn da?: Wer in Wald und Wiesen unterwegs ist, sollte sich anschließend nach Zecken absuchen. (© CCO Pixabay)

Bielefeld. Ein Ausflug in den Wald, ein Nachmittag im Garten oder eine Gassirunde mit dem Hund. Auf der Suche nach Erholung sind in vielen Fällen unliebsame Gäste mit dabei - Zecken. Bereits seit Beginn des Jahres ärgern sich Waldbesucher, Gartenfreunde und Tierhalter zunehmend über die Parasiten. Durch den trockenen und überdurchschnittlich warmen Sommer 2018 und den milden Winter erwarten Experten für dieses Jahr eine Zeckenplage. Bundesweit melden bereits jetzt die Gesundheitsämter einen Anstieg bei den Infektionskrankheiten, die durch Zecken übertragen werden. Doch was bedeutet eine Zeckenplage für die Menschen in OWL?

Wie gefährlich sind Zecken?

Zecken können nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine Vielzahl von Infektionskrankheiten auf den Menschen übertragen. Zu den bedeutendsten Erkrankungen in Deutschland gehören die Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Die Bakterieninfektion Borreliose kommt bundesweit vor. Nach Schätzung des Landesbetriebs Wald und Holz NRW erkranken jährlich etwa 70.000 Menschen an der sogenannten Lyme-Borreliose. Die Krankheit kann laut RKI verschiedene Organe betreffen, insbesondere die Haut, das Nervensystem und die Gelenke. Zu den ersten Anzeichen einer Infektion zählen Symptome wie Rötungen und Entzündungen der Haut, geschwollene Lymphknoten, Abgeschlagenheit, anhaltende Müdigkeit und Schwäche, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Muskel- und Nervenschmerzen, Reizbarkeit, geschwollene Gelenke, geschwächter Allgemeinzustand, Taubheit, Lähmungen, Beeinträchtigungen der Konzentration und des Erinnerungsvermögens, Änderungen des Wesens und abrupte Stimmungsschwankungen. Bislang gibt es keine Schutzimpfung gegen Borreliose.

"In NRW übertragen etwa zehn Prozent der Zecken Borrelien, die eine Borreliose auslösen können", erklärt Förster Jan Preller vom Waldinformationszentrum Hammerhof in Warburg. "Das bedeutet aber nicht, dass jede zehnter Zeckenstich zu einer Borreliose führt." Die Infektionsgefahr hängt laut Preller auch davon ab, wie lange die Zecke in der Haut bleibt. "Wenn die Zecke schnell entfernt wird, ist die Infektionsgefahr relativ gering."

Die FSME ist eine Virusinfektion, die anfangs zu grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen führen kann. In schweren Fällen kann die FSME mit einer Meningoenzephalitis, der Entzündung von Hirnhäuten und Gehirn, verlaufen. FSME ist nicht ursächlich behandelbar, Ärzte können also nur Beschwerden wie hohes Fieber oder Schmerzen lindern. Laut RKI gab es 2017 485 FSME-Fälle in Deutschland. Im Vergleich zu 2016 ist das eine Zunahme von 39 Prozent.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung Personen, die in FSME-Risikogebieten Zecken ausgesetzt sind oder beruflich gefährdet sind. In Deutschland gelten Bayern und Baden-Württemberg sowie Teile Hessens und Sachsens als Risikogebiete. Seit kurzem grenzen aber auch zwei Risikogebiete in Hessen (Landkreis Marburg-Biedenkopf) und Niedersachsen (Landkreis Emsland) an Nordrhein-Westfalen. Zudem empfiehlt die STIKO Urlaubern, sich vor Reisen beim Auswärtigen Amt zu informieren. Als Risikogebiete gelten im Ausland unter anderem Finnland, Schweden, Litauen, Lettland, Estland, Dänemark, Polen, Weißrussland, Russland, Österreich, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Norditalien, Ungarn und Rumänien.

In Ostwestfalen-Lippe ist eine FSME-Impfung nach Angaben des Bielefelder Kinderarztes Marcus Heidemann nicht nötig. "Für Reisen in Risikogebiete empfehle ich die FSME-Impfung aber Kindern und Erwachsenen", erklärt Heidemann. In der Regel sind laut RKI drei Impfungen notwendig, um den vollen Impfschutz zu erreichen. Die zweite Impfung folgt ein bis drei Monate später und die dritte, je nach Impfstoff, fünf bis zwölf Monate nach der zweiten Impfung. Der Impfschutz hält dann mindestens drei Jahre. "Kinder können im ersten Lebensjahr geimpft werden", ergänzt Heidemann.

Welche Zecken leben bei uns?

Die häufigste Zeckenart in Deutschland ist laut RKI der gemeine Holzbock. Sie kann unter anderem Borrelien und FSME-Viren übertragen. Seit 2007 breitet sich auch die tropische Zecke Hyalomma aus. 2018 meldete das RKI Exemplare in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Berlin und Schleswig-Holstein sowie in Ostwestfalen-Lippe. Im Oktober entdeckte eine Frau in Rheda-Wiedenbrück eine Hyalomma-Zecke in ihrem Haus, eingeklemmt von einer Jalousie. Keine der entdeckten Zecken trug Infektionserreger in sich, wie das Krim-Kongo-Virus. Der Virus kann zunächst grippeähnliche Symptome auslösen. Bei schweren Verläufen können Betroffene an dem hämorrhagischen Fieber erkranken, das zu inneren Blutungen und letztlich zum Tod führen kann.

Wann kommen Zecken vor?

Zecken sind ab einer Temperatur von etwa acht Grad Celsius aktiv. FSME tritt nach Angaben des RKI in Abhängigkeit von der Aktivität der virustragenden Zecken bevorzugt im Frühjahr und Sommer auf, häufig jedoch auch im Herbst. Bei warmer Witterung können Infektionen aber vereinzelt auch im Winter auftreten. "Zecken sind sehr robust und aufgrund der milder werdenden Winter mitunter fast das ganze Jahr aktiv. Der Aktivitätszeitraum der Zecken hat sich verlängert", erklärt Förster Preller.

Wie schütze ich mich vor Zecken?

"Auf Ausflüge in die Natur sollte niemand aus Angst vor Zecken verzichten. Wer auf sich und seine Kinder achtet, kann sich gut vor Zecken schützen ", sagt Preller. Wichtig sind bei Aufenthalten in der Natur lange Hosen. "Während und nach dem Ausflug sollte man die Hosenbeine abstreifen und sich anschließend gründlich von Kopf bis Fuß absuchen." Zecken stechen bei Menschen besonders gern am Kopf sowie am Hals, Achseln, Ellenbeugen, Bauchnabel, Genitalbereich und Kniekehlen. "Da Zecken nicht sofort zustechen, sondern auf der Suche nach einer geeigneten Stichstelle umher laufen, können sie durch regelmäßiges Absuchen bereits vor dem Stechen entfernt werden", ergänzt Preller.

Wie lassen sich Zecken entfernen?

Beim Entfernen darf der Körper der Zecke nach Angaben von Mediziner Heidemann nicht gequetscht werden, um ein Austreten gefährlicher Körperflüssigkeiten zu verhindern. "Wichtig ist, die Zecke möglichst hautnah, langsam und kontrolliert zu entfernen, ohne das Tier dabei zu drehen oder mit Kleber oder anderen Flüssigkeiten zu beträufeln." Dafür genutzt werden können Pinzetten, Karten oder sogenannte Zeckenlasso, erklärt Heidemann. Sitzen Zecken an schwierigen Stellen wie den Augenlidern, rät der Mediziner zu einem Besuch beim Arzt. "Nach dem Entfernen der Zecke sollte die Stichstelle beobachtet werden. Entwickelt sich eine kreisrunde Rötung um die Stelle, sollten Betroffene ebenfalls zum Arzt." Besuche in der Notaufnahme sind nach Angaben von Heidemann aber unnötig. "Der zeitnahe Besuch beim Haus- oder Kinderarzt reicht aus. Grund zur Panik muss niemand haben, da sich Infektionen in der Regel gut behandeln lassen."

Das RKI rät zudem zu einem Arztbesuch, wenn in den ersten sieben bis 14 Tagen nach einem Zeckenstich und einem Aufenthalt in einem FSME-Risikogebiet grippeähnliche Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, Unwohlsein, Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen auftreten. Eine generelle Antibiotikatherapie nach einem Zeckenstich wird laut RKI nicht empfohlen, sondern erst bei einem begründeten Borrelioseverdacht.

Gibt es Menschen, die besonders attraktiv auf Zecken wirken?

Laut RKI haben Forscher herausgefunden, dass Menschen mit einem hohen Anteil an Milchsäure auf ihrer Haut besonders attraktiv für Gelbfiebermücken sind. Für Zeckenarten ist ein Zusammenhang nicht bekannt. "Entscheidend ist das menschliche Verhalten", erklärt ein RKI-Sprecher. "In der Regel ist es nicht die Zecke, die auf den Menschen zu läuft, sondern der Mensch, der sich die Zecken von der Vegetation abstreift. Demzufolge erhöht häufiger Kontakt mit niedriger Vegetation die Wahrscheinlichkeit, eine Zecke einzufangen."

Worauf müssen Tierbesitzer achten?

Tiere werden deutlich häufiger von Zecken befallen als Menschen. Hundebesitzer berichten in OWL nach Waldspaziergängen von bis zu 60 Zecken auf einem Hund. Auch im Fell freilaufender Katzen finden viele Besitzer täglich Zecken. "Tierbesitzer sollten Katzen und Hunde täglich absuchen und Zecken entfernen, denn auch Tiere können schwer erkranken", erklärt der Herforder Veterinär Johannes-Wolfgang Otto. Tiere können an Borreliose, FSME oder anderen Infektionen erkranken. "Impfungen gegen Borreliose und FSME sollten mit dem Tierarzt abgesprochen werden. Entscheidend sind Rasse, Wohnort und Lebensstil sowie Reiseziele." Zur Zeckenabwehr können Tierbesitzer laut Otto auch Antiparasitika oder Spot-on-Präparate für Hunde und Katzen nutzen.

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