Bielefelder Polizei-Experte kritisiert Ermittler in Lügde

Sigrun Müller-Gerbes

Beim Abriss der Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde sind mehrfach weitere Datenträger gefunden worden. - © Vera Gerstendorf-Welle
Beim Abriss der Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde sind mehrfach weitere Datenträger gefunden worden. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Lügde. Abrissunternehmer Christoph Wienberg aus Bad Pyrmont ist noch immer aufgebracht, das hört man seiner Stimme am Telefon an. "Wie auch nicht", sagt der 29-Jährige, der in den vergangenen Tagen damit beschäftigt war, die Camping-Parzelle des Haupttäters im Missbrauchsfall Lügde abzureißen. Obwohl die Polizei sechs Mal und insgesamt angeblich enorm gründlich alle Ecken der verwahrlosten Unterkunft durchsucht hat, sind Wienberg und seine Kollegen beim Abriss mehrfach auf weitere Datenträger gestoßen. CDs waren darunter, Disketten, zuletzt mehrere Video-Kassetten.

Ein Journalistenteam von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR hat Wienberg bei der Arbeit begleitet. Ein Team der Polizei aber, das die im Schutt und in Hohlräumen verborgenen Beweismittel aufgesammelt hätte, war nicht dabei. Den Journalisten sagte der Abrissunternehmer, die Dinge seien ihm bei der Arbeit regelrecht "vor die Füße gefallen". Und ergänzt, es sei "ja eigentlich auch nicht unsere Aufgabe, nach Spuren hier zu suchen oder zu gucken, ob irgendwo was vergessen wurde".

Unternehmer rief selbst die Polizei

Die ganze Parzelle sei "von vorne bis hinten" zugebaut gewesen, "die Fußböden waren teilweise mit drei verschiedenen Belägen verkleidet". Und wenn er dabei neue Hinweise entdeckte? Dann griff Wienberg zum Telefon und alarmierte die Beamten: "Was soll ich denn jetzt machen?"

Man habe vor dem Abriss eine "intensive, sehr kleinteilige Untersuchung der Tatorte betrieben", verteidigen sich Polizei und Staatsanwaltschaft, und zwar "nach höchsten Standards - analog zur Tatortarbeit bei Mord und Totschlag". Es sei aber nicht die Aufgabe der Polizei, die Camping-Behausung abzureißen, im Gegenteil: "Das war von dem richterlichen Durchsuchungsbeschluss nicht gedeckt und somit für Polizei und Staatsanwaltschaft aus rechtlichen Gründen nicht zulässig."

Jura-Professor äußert Kritik

Hinter diese Aussage macht Christoph Gusy, Jura-Professor an der Uni Bielefeld und Autor eines Standardwerks zu Polizei- und Ordnungsrecht, ein Fragezeichen. In der Tat umfasse ein Durchsuchungsbeschluss natürlich niemals den Abbruch des durchsuchten Gebäudes, "durchsuchen heißt durchsuchen, nicht zerstören".

Kritisiert die Polizeiarbeit: Christoph Gusy, Professor für öffentliches Recht an der Universität Bielefeld. - © Uni Bielefeld
Kritisiert die Polizeiarbeit: Christoph Gusy, Professor für öffentliches Recht an der Universität Bielefeld. | © Uni Bielefeld

Im konkreten Fall aber sprächen etliche Indizien dafür, dass die Polizei rigoroser hätte vorgehen dürfen: Der Tatort war eine Baracke, die später ohnehin zum Abriss anstand. Die Ermittler hatten immer wieder neue Beweisstücke gefunden, das deutete darauf hin, dass womöglich noch mehr versteckt war. Es ging um die Suche nach Datenträgern, also um sehr kleine Beweisstücke, die sich leicht verstecken lassen.

Zumindest, so meint Gusy, wäre es wohl zulässig gewesen, den Fußboden an einzelnen Stellen aufzustemmen, um nach Hohlräumen zu suchen. Man könne sogar "darüber nachdenken", ob die Polizei auf dem Campingplatz "aus eigenem Recht" einen Komplett-Abbruch hätte veranlassen dürfen.

Polizeiliche "Kunstfehler"

Auf jeden Fall aber, da ist der Jurist überzeugt, war es ein "Kunstfehler", die Abrissarbeiten nicht mit Beamten zu begleiten. Polizei und Staatsanwaltschaft schreiben dazu, es habe keine Veranlassung gegeben, "Beamte tagelang für eine Beobachtung der Abrissarbeiten abzustellen". Gusy widerspricht vehement: "Natürlich kostet das Steuergeld. Aber in Lügde geht es inzwischen doch um viel mehr als um die Aufklärung eines furchtbaren Verbrechens. Es geht auch um das Vertrauen in die Arbeit der Polizei insgesamt." Angesichts der zahlreichen Pannen, die es im Fall Lügde in der Vergangenheit gegeben habe, "ist doch 150-prozentige Aufmerksamkeit das Minimum", sagt der Experte, "da gibt es offensive Handlungspflichten der Polizei". Die Beamten dürften sich nicht darauf zurückziehen, alles getan zu haben, was sie gesetzlich müssen. "Sie müssen alles tun, was sie dürfen."

Wenn aber, wie die Ermittler argumentieren, kein Schaden entstanden ist? Schließlich seien nach einer ersten Durchsicht der nachträglich gefundenen Datenträger keine Hinweise auf den tausendfachen sexuellen Kindesmissbrauch enthalten, der Andreas V. und seinen Mittätern vorgeworfen wird. Ein Schaden sei sehr wohl entstanden, sagt Gusy, denn: "Das Vertrauen in unsere Polizei in NRW ist angekratzt."

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